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Briefe von François Mitterrand:Liebesgrüße aus dem Élysée-Palast

Mitterrand Briefe an Ann

François Mitterrand mit seiner Geliebten Anne Pingeot 1970 auf der Akropolis in Athen.

(Foto: Gallimard)

Klatsch oder Poesie? Zwei Bände mit Briefen und Tagebuchnotizen offenbaren das geheime Doppelleben des François Mitterrand.

Von Joseph Hanimann

Für ein Land, das im Unterschied zu dem der Briten oder Amerikaner großzügig über die Liebschaften seiner Politiker hinwegsehen will, sind dazu doch erstaunlich viele intime Details bekannt geworden. Die außereheliche Tochter Mitterrands war ein Staatsgeheimnis, bis am Sarg des ehemaligen Präsidenten zwei Trauerfamilien sich vor aller Augen versöhnten. Sarkozy begann seine Amtszeit mit einer Ehekrise und setzte dann die neue Heirat mit Carla Bruni groß in Szene. Hollande kam als Beifahrer eines Motorrads auf dem Weg zur Geliebten in die Schlagzeilen - nicht, weil er zur Geliebten fuhr, sondern weil er auf dem Beifahrersitz saß. Die Privatangelegenheiten mächtiger Männer stoßen auf öffentliches Interesse, wenn Frauen mit im Spiel sind. "Wenn man von Frauen spricht, muss man seine Feder in die Regenbogenfarben tauchen und Schmetterlingsflügelstaub über die Zeilen streuen", riet der Philosoph Diderot. Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf schlug da gerade ganz andere Töne an.

Umso stolzer erscheint in Frankreich die respektvolle Neugierde, mit der gerade die Zeugnisse von Mitterrands großer Liebe zu Anne Pingeot aufgenommen werden. "Lettres à Anne. 1962 - 1995" heißt ein Band mit über 1200 Briefen des Politikers an die 26 Jahre jüngere Frau, der an diesem Donnerstag bei Gallimard erscheint und durch Vorabdrucke schon in Umlauf ist. "Journal pour Anne" heißt ein weiterer Band mit dem zwischen 1964 und 1970 geführten Tagebuch für die Geliebte, mit Notizen, Gedichtauszügen, Zeichnungen, Bildcollagen. Anlass der Publikation ist der 100. Geburtstag Mitterrands am 26. Oktober.

Verhältnis von Treue und Tiefe, das man dem Machiavellisten nicht zugetraut hätte

Kennengelernt hatte Mitterand, damals schon Vater zweier Söhne, die Tochter seines Freundes Pierre Pingeot im Sommer 1962 an der Atlantikküste - er war 46 Jahre alt. Die Studentin aus konservativem Haus war kunstliebend, intelligent, hoch sensibel, auf überlegene Weise diskret: eine Erscheinung, wie sie den Frauenliebhaber Mitterrand nur faszinieren konnte. Das Verhältnis dauerte bis zu seinem Tod 1996 und war, wie die Dokumente nun zeigen, von einer Treue und Tiefe, die man dem Machiavellisten mit dem wächsernen Pharaonengesicht nicht zugetraut hätte.

"Zum Glück hat meine Mutter diese Briefe nie zu Gesicht bekommen", sagte am Wochenende der ältere Sohn aus der Ehe von François und Danielle Mitterrand, die nie geschieden wurde. Im Jahr 1974 kam in der Parallelbeziehung zur Geliebten die Tochter Mazarine Pingeot zur Welt. Ihre Erziehung und Einschulung wurde nach Mitterrands Machtantritt 1981 direkt aus dem Elysée gesteuert. Anne Pingeot, die sich als Museumskonservatorin tatkräftig für die Realisierung des Musée d'Orsay einsetzte, hielt sich in der Öffentlichkeit stets zurück und tut dies auch in den nun zur Publikation freigegebenen Dokumenten.

Die beiden Bände zeigen zwei sehr unterschiedliche Seiten Mitterrands. Im Tagebuch herrscht der bald scherzende, bald schwärmerische, mitunter alberne Ton eines frisch Verliebten - "Anne ist wie die Welle (. . .), wenn sie bricht, wird sie nicht Schaum, sondern Licht". Die Briefe hingegen verraten den ganzen Reichtum zweier Menschen, die einander gefunden haben und das größtmögliche Maß an Gemeinsamkeit gegen die widrigen Umstände ihrer Lebenssituation zu retten versuchen. Die Momente des Zusammenseins sind selten und müssen geheim bleiben. Regungen von Verstimmung, Bange, Eifersucht kommen auf. Die Geburt Mazarines war nicht vorgesehen und musste zunächst in der Familie gerechtfertigt werden.

Mit fortschreitendem Alter seines Lieblingskindes war Mitterrand geradezu obsessiv darauf bedacht, es vor dem Schaden durch Klatsch zu bewahren. Und geprägt ist das alles von dem durch enorme Belesenheit und Bildung geläuterten Bewusstsein, dass wirkliche Leidenschaft nur in der ständigen Prüfung wächst und dauerhaft wird. "Wir sind heute Opfer einer Verbissenheit, uns zu schaden; nicht einmal ruhig sterben kann ich", schrieb der schon schwer kranke Mitterrand an Anne Pingeot ein halbes Jahr vor seinem Ende. Und in seinem letzten Brief fügte er hinzu: "Du warst die Chance meines Lebens, wie könnte ich dich deshalb nicht immer noch mehr lieben?" Aus der Feder eines 79-Jährigen beeindrucken solche Sätze; sie bestärken die französischen Leser in der Ansicht, dass Sensationslust und Freizügigkeit durch Haltung und Stil eine überzeugende Verbindung eingehen können.

© SZ vom 13.10.2016/doer
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