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Briefe aus der Nachkriegszeit:In der Konditorei am Olivaer Platz

Susanne Kerckhoffs "Berliner Briefe" werden gerade wiederentdeckt. Nur schade, wie wenig man in der Neuausgabe über das Leben und die Zeit dieser Autorin erfährt. Dabei gäbe es viel zu wissen.

Von Jens Bisky

Immer wieder treffen sich die Mädchen, "Töchter gutbürgerlicher Familien des Berliner Westens", zum Klassentag in der Konditorei von Robert Heil am Olivaer Platz. Wie es dabei zuging, hat eine von ihnen, Susanne Kerckhoff, drei Jahre nach Kriegsende aufgeschrieben. Sie hatten 1937 Abitur gemacht. Von den neuen Mädchen waren "zwei nazifeindlich, zwei Halbjüdinnen, zwei begeisterte BDM-Mädel und die übrigen uninteressierte Mitläufer". Viele wollten damals nicht länger abseitsstehen und wurden Nazis oder versuchten, das Regime, "objektiv" zu sehen. Beim Klassentag 1938 war eine der Schulfreundinnen nach Frankreich emigriert, und als die Nachricht eintraf, dass die Kameradin Paul "sich am Heimweh nach Deutschland in Haifa vom Dach gestürzt hatte", da nannte in der Konditorei schon keine mehr ihren Namen: "Ein sonderbarer Gleichmut lag wie frisch gefallener Opportunistenschnee auf den Seelen der lieblichen Gefährtinnen". Mit Kriegsbeginn schieden sich die Geister in jene, die an den Sieg glaubten, und die anderen, die eine Niederlage Deutschlands erhofften. Sie trafen sich nicht mehr.

Zwei Jahre nach Kriegsende geht die Erzählerin wieder zur Konditorei, wo "die BDM-Führerin und ärgste Antisemitin" der Schule sie "mit einem gönnerhaften Lächeln" empfängt. Die Ex-Nazisse sieht "bezaubernd aus, gepflegt, gut ernährt, lebensvoll, charmant, jünger als sie ist". Sie arbeitet als Dolmetscherin bei den Amerikanern, "keine Frage, kein Gram, kein Erschrecken haben ihre Stirn mit einer Falte verunziert". Die Mädchen, die an den Sieg geglaubt haben, schimpfen auf die Alliierten und sprechen das Wort "Schuld" "mit behandschuhter Ironie aus". Es empört Susanne Kerckhoff, dass sie beim Alten geblieben sind, dass sie geistig und ethisch "nach wie vor das seichte Wattenmeer bürgerlicher Anschauungen" durchqueren.

Sie glaubte nicht, dass man nach diesem Dritten Reich zu einer Normalität zurückkehren könne

Aus Empörung darüber, dass so viele Deutsche nach Verbrechen und Krieg so mir nichts, dir nichts zur Tagesordnung übergehen wollen, dass sie ihre Alltagssorgen mit den Leiden der Verfolgten und Ermordeten verrechnen, hat Susanne Kerckhoff die "Berliner Briefe" geschrieben. Sie glaubt nicht, dass man nach diesem Dritten Reich umstandslos zu irgendeiner Normalität zurückkehren könne, sie will ein neues, ganz anderes Deutschland aufbauen und fragt, warum eine Mehrheit anders denkt, sich anders verhält. Sie will aufklären und analysieren zugleich, "Schuldbewußtsein und Sühnebereitschaft" befördern und verstehen, warum es so schlecht gelang, diese der "deutschen Allgemeinheit" aufzunötigen. Aus diesem doppelten Impuls bezieht ihr Briefroman seine Spannung, daher gewinnt er seinen existenziellen Ernst, deshalb ist er reich an Alltagsbeobachtungen und politisch-philosophischen Überlegungen, deshalb schwankt er zwischen Leitartikel und Feuilleton, zwischen Appell und Selbstbefragung.

Die "Berliner Briefe" sind 1948 im Wedding-Verlag, also im französischen Sektor, erschienen und danach, wie die Autorin, lange Zeit vergessen worden. Seit den Neunzigern haben Ines Geipel und Monika Melchert mit Aufsätzen und Büchern Susanne Kerkchoff und ihr Werk dem Vergessen entrissen. Im Frühjahr dieses Jahres hat der kleine Verlag Das kulturelle Gedächtnis die "Berliner Briefe" neu herausgegeben, aber in diese Neuauflage denkbar wenig Überlegung und Anstrengung investiert. Zwar gibt es ein Nachwort, aber Informationen auf dem möglichen Stand der Kenntnisse sucht man vergeblich. Weder Leben noch Werk noch Zeitumstände werden angemessen erhellt. Schwungvoll, aber uninformiert ist das Buch jüngst auch im "Literarischen Quartett" besprochen worden, woraufhin Ines Geipel in der Berliner Zeitung die größten Irrtümer korrigierte.

Ost-Berlin - Brandenburger Tor 1945-13.08.1961

Einen „Schutthaufen bei Potsdam“ nannte Brecht Berlin nach dem Krieg. So sah es aus, als Susanne Kerckhoff in ihre Heimatstadt zurückkehrte.

(Foto: SZ Photo)

Der Roman umfasst dreizehn Briefe einer in der Viersektorenstadt lebenden Helene an den Jugendfreund Hans Scholem in Paris, der vor den Nazis geflohen war.

Helene trägt in vielem die Züge Susanne Kerckhoffs, die in den Briefen aus ihrer Sicht parteilich und ganz subjektiv zugleich die Wirklichkeit Nachkriegsdeutschlands schildert. Ein Kommentar zu den Personen und Ereignissen, die sie Revue passieren lässt, wäre unbedingt erforderlich gewesen. So erzählt sie, der Weiß Ferdl sei in München vor seinem Publikum erschienen, auf der einen Schulter vier Zwiebeln, auf der anderen eine: "In der Nazizeit hat uns einer gezwiebelt - jetzt zwiebeln uns vier!" Angesichts dieser Gleichsetzung von Nazi-Diktatur und alliierter Besatzung hätte man doch gern erfahren, dass der deutsche Humorist Weiß Ferdl früh mit den Nazis sympathisierte, oft antisemische Witze erzählte, nach Kriegsbeginn in die NSDAP eintrat und bis heute mit einem Brunnendenkmal auf dem Viktualienmarkt geehrt wird.

Das Leben Susanne Kerckhoffs war gewiss nicht typisch, kein Durchschnittsschicksal, aber es erklärt ihre Überzeugungen, ihre Widersprüchlichkeit. Sie wurde 1918, im letzten Kriegsjahr, in Berlin geboren, ihr Vater war der Literaturhistoriker Walther Harich, ihre Mutter die Cembalistin Eta Harich-Schneider, der die Tochter die Bekanntschaft mit ihren Lieblingsdichtern verdankte, Jean Paul, Brentano, dann Goethe. Die Eltern ließen sich scheiden, Wolfgang Harich, später der eigensinnigste marxistische Philosoph in der DDR, war Susanne Kerckhoffs Halbbruder. Sie half ihm, als er, der Wehrmachtsdeserteur, sich verstecken musste, so wie sie untergetauchte Juden unterstützte und bei sich in Berlin-Karolinenhof aufnahm. Früh heiratete sie den Buchhändler Hermann Kerckhoff, bekam drei Kinder und hatte als jüngstes Mitglied der Reichsschrifttumskammer mit Unterhaltungsromanen Erfolg. Die Ufa verfilmte ihren Roman "Tochter aus gutem Hause".

Obwohl sie die SED in den "Berliner Briefen" scharf kritisierte, trat sie in die Partei ein

Das Kriegsende erlebte sie im Emsland, sie arbeitete in Hannover als Dolmetscherin für die Briten, dann übersiedelte Kerckhoff, die in den Dreißigern wohl eine "religiöse Sozialistin" geworden war, in die SBZ, nach Berlin. Ihre Gedichte, meist konventionell und liedhaft, manchmal berückend schön, fanden viele Bewunderer. Auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress sprach sie 1947 von der Schamlosigkeit, die darin liege, von "innerer Emigration" zu reden, "bloß weil wir feige waren - ich übrigens auch".

Dann wurde sie Feuilletonredakteurin der Berliner Zeitung, in deren Chefredakteur Georg Stibi sie sich verliebte. Er war verheiratet, sie geschieden, ihre Kinder lebten im Westen, ein Gericht sprach allein ihrem Ex-Mann Sorge- und Umgangsrecht zu. Ihr Geliebter geriet in die Mühlen der auch antisemitisch motivierten stalinistischen Kampagne gegen Noel Field und trennte sich von ihr. Weil sie Nico Rosts Buch "Goethe in Dachau" in der Zeitung antipolnische Ressentiments vorwarf, widersprachen ihr viele Genossen heftig, auch herabsetzend. Obwohl sie die SED in den "Berliner Briefen" über Seiten scharf kritisierte, etwa wegen der versagten Pressefreiheit, trat sie dann doch in die Partei ein.

Susanne Kerckhoff

„Daß ich dich liebe – / bin wie die Kinder im Wald. / Sie sind erfroren. / Folg ihnen bald“ – Susanne Kerckhoff (1918-1950).

(Foto: ullstein bild via Getty Images)

Am 11. März 1950 veröffentlichte die Berliner Zeitung ihr Gedicht "Volkslied", das persönliche Not in ein Bild allgemeiner Verzweiflung, Enttäuschung verwandelt: "War es im Walde, / waren die Wege verschneit, /gingen die Kinder, /gingen im Walde zu weit. // Über die Heide /sangen sie, lachten sie gern, /hörten vom Berge / Stimmchen wie Silber so fern.// Schön sind die Tannen, / duftig das funkelnde Eis. / Furcht auf den Wangen / glüht wie ein Öfchen so heiß.// Daß ich dich liebe - / bin wie die Kinder im Wald. / Sie sind erfroren. / Folg ihnen bald." In der Nacht vom 14. auf den 15. März 1950 nahm sie sich das Leben. Es ist an der Zeit, es ist überfällig, ihr Werk vollständig und sachkundig kommentiert herauszugeben.

Susanne Kerckhoff: Berliner Briefe. Hrsg. von Peter Graf. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020. 112 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 19.06.2020

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