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"Bridgerton" auf Netflix:Es sind nicht nur die Bettszenen

Streaming zum Mitreden - 'Bridgerton'

Erst der Ball, dann die Hochzeit, dann darf die Ehe vollzogen werden: Regé-Jean Page und Phoebe Dynevor in einer Szene der Serie "Bridgerton".

(Foto: Liam Daniel/dpa)

Warum die Kostümsoap "Bridgerton" die bislang erfolgreichste Netflix-Serie ist.

Von Kathleen Hildebrand

Der Sexszenen-Marathon, von dem jetzt so oft die Rede ist, wenn es um die Netflix-Serie "Bridgerton" geht, beginnt in Folge sechs bei exakt 11 Minuten und 55 Sekunden. Zu einer Geigenversion von Taylor Swifts Hit "Wildest Dreams" sieht man den Duke und die Duchess of Hastings ihre junge Ehe vollziehen. Im Pavillon im Regen, auf einer Leiter in der Bibliothek, im Himmelbett und auf der sehr gepflegten Rasenfläche im Schlosspark. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt: Die beiden sind mit Freude und Enthusiasmus bei der Sache.

Diese Sequenz mag einer der Gründe dafür sein, dass "Bridgerton", erschienen am ersten Weihnachtsfeiertag 2020, die erfolgreichste Serie ist, die der Streamingdienst Netflix jemals produziert hat. In nur einem Monat haben 82 Millionen Haushalte sie zumindest teilweise angeschaut. In 83 Ländern stand sie auf Platz eins der Netflix-Charts. Die Romane von Julia Quinn, auf denen die Serie basiert, stehen 18 Jahre nach ihrer Veröffentlichung auf der Bestsellerliste der New York Times.

Gut, der Erfolg liegt natürlich auch ein bisschen daran, dass Netflix 2019 seine Berechnung für den Erfolg von Serien verändert hat: Statt 70 Prozent einer Serienfolge muss man mittlerweile nur noch zwei Minuten geguckt haben, damit sie als "angesehen" gilt. Es ist also gut möglich, dass einige Zuschauer schon nach dem ersten strammen Korsett-Festziehen ausgeschaltet haben und trotzdem mitgezählt werden. Und: Zur Zeit von anderen großen Serien-Würfen wie "House of Cards" war Netflix noch in wesentlich weniger Ländern vertreten. Also können automatisch mehr Zuschauer eine Serie schauen.

So viele große und kleine Skandale, da muss jeder deutsche Soap-Autor vor Neid erblassen

Trotzdem: Diese teure zehnteilige Serie über eine kinderreiche Aristokratenfamilie, deren älteste Tochter im Jahr 1813 in der Londoner Ballsaison einen Ehemann sucht, ist ein gewaltiger Erfolg. Weil "Bridgerton" aber beileibe nicht die erste, sanft softpornöse Netflix-Produktion ist, muss es für diesen Hype noch andere Gründe geben als nur die Sexszenen.

Zuerst einmal natürlich Shonda Rhimes. Die US-amerikanische Fernsehproduzentin hat mit ihrer Produktionsfirma Shondaland einen Vertrag über acht Serien mit Netflix geschlossen. "Bridgerton" ist das erste Produkt dieses Deals. Rhimes ist mit Serienhits wie "Grey's Anatomy", "Scandal" und "How to Get Away with Murder" berühmt geworden. Serien mit sehr eigenständigen weiblichen Hauptfiguren, schnell und perfekt erzählt, ohne Scham vor absurden Plot-Wendungen und Cliffhangern. In Shondaland ist alles größer, bunter, krasser. Genauso funktioniert auch "Bridgerton" mit seiner Kostümpracht, den spektakulären Schauplätzen und einem Plot mit dermaßen vielen Skandälchen, dass jeder deutsche Soap-Autor erblassen muss vor Neid.

Dem Showrunner Chris van Dusen, der die Show im Auftrag seiner Chefin macht, ist es aber auch gelungen, aus einer Historienromanze einen leicht konsumierbaren Debattenbeitrag zu machen. "Bridgerton" hat gefühlt Tausende Texte in Zeitungen, Magazinen, Blogs inspiriert, weil man an der Serie die großen Fragen zu den Themen Gender und Race noch mal neu aufrollen kann.

"Bridgerton" ist eine clevere Melange aus erfolgserprobten Formaten: "Downton Abbey", "Gossip Girl", das Jane-Austen-Gesamtwerk plus die bonbonfarbige Poppigkeit aus Sofia Coppolas "Marie Antoinette". Die Serie haucht dem Historiengenre auch eine Modernität ein, weil sie die Rollen der Aristokraten nicht nur mit weißen Schauspielern besetzt.

Alles supermodern? Wenn der Held seine Geliebte fragt, was sie sich wünscht, haucht sie nur: "Dich!"

Das Regency-England des Jahres 1813 hat in "Bridgerton" eine schwarze Königin. Auch Hauptdarsteller Regé-Jean Page, der Duke of Hastings, ist schwarz. Auf Bällen, in den Parks und Straßen von London sind alle Hautfarben zu sehen, und zwar nicht nur als Bedienstete.

Auch zur Frauenfrage hat "Bridgerton" einiges zu sagen. Die Serie macht explizit, was bei Jane Austen höchstens angedeutet wird: Die jungen Damen der höheren Gesellschaft wurden zwar von Kindesbeinen an darauf trainiert, eine gute Partie zu machen, werden aber bewusst unwissend über die körperlichen Aspekte der Ehe gehalten. Während sie sich kennenlernen, muss der Duke der unschuldigen Daphne eine Masturbationsübung zur Hausaufgabe geben, damit sie eine ungefähre Vorstellung davon bekommt, was Mann und Frau miteinander machen können. Später macht sie ihrer Mutter schwere Vorwürfe, weil die sie so im Ungewissen gelassen hat.

Also alles supermodern? Die Oberfläche suggeriert es, und ja, während dieses Pandemiewinters ist diese Serie perfekter Eskapismus. Aber letztlich ist sie auch eine streng konservative Erzählung.

Eine unschuldige junge Frau verliebt sich in einen reichen, attraktiven Casanova mit dunklem Geheimnis. Sie muss ihn retten: vor seinen schlechten Angewohnheiten (Sex mit Prostituierten), seinem mangelnden Bindungswillen ("Ich werde niemals heiraten!") und, vor allem, muss sie ihn von seiner schlimmen Kindheit erlösen. "50 Shades of Grey" lässt grüßen. "Twilight" auch. Der Duke hatte einen lieblosen Vater, der ihm die Lust auf eigene Nachkommen gründlich verdorben hat. Daphnes Mission ist also: den Duke doch noch zur Zeugung zu bewegen, und damit zur Gründung jener Daseinsform, die Hollywood schon immer als die einzig gültige propagiert hat: die Kleinfamilie.

Trotz der Pos und Brüste, die in "Bridgerton" gelegentlich aufblitzen, ist die Serie auch nicht besonders freizügig. Der Mann befriedigt die Frau, der Orgasmus ist streng synchron, und wenn der Duke seine Gattin fragt, was sie sich denn sexuell so wünsche, fällt ihr nur ein gehauchtes "Dich!" ein.

Aber natürlich basiert der Erfolg von Popkultur vor allem auf der Oberfläche, und die ist in "Bridgerton" trotzdem deutlich diverser, als sie es früher war in der Filmindustrie. Der Clou an der Serie, die einen bewährten Stoff modern überlackiert, ist folglich vor allem eine perfekt ausbalancierte Synthese. Maximale Anschlussfähigkeit erreicht man nicht mit braver Konventionsware. Aber auch nicht mit radikaler Avantgarde. "Bridgerton" verbindet beides zu massentauglichem Pandemie-Soulfood.

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