Brexit-Kolumne Man wollte immer die britische Staatsbürgerschaft beantragen. Aber unter Zwang? Nein

Der Brexit hat eine Sollbruchstelle aufgerissen in der britischen Gesellschaft. Niemand ist verbitterter darüber als die Mehrzahl der etwa drei Millionen EU-Ausländer, die man jeden Tag spüren lässt, dass sie nur noch geduldet sind in diesem Land.

Gerade hat das britische Oberhaus zwar den Entwurf des Brexit-Gesetzes mit einem Änderungsantrag ans Unterhaus zurückgeschickt. Die Lords möchten, dass die Regierung den EU-Ausländern, die bereits hier leben, ein Bleiberecht garantiert. Aber das wird eher eine Geste bleiben. Alle erwarten, dass die Tory-Mehrheit die Änderung abschmettert, und das Gesetz das House of Lords in zweiter Lesung passiert. Die EU-Bürger bleiben bis auf Weiteres, was sie de facto schon seit Juni 2016 sind: politische Jetons in Theresa Mays Brexit-Roulette.

Theresa May müsste nur das Bleiberecht der EU-Ausländer garantieren

Diese Taktik ist umso verwirrender, als die konservativen Unterhausabgeordneten einhellig versichern, dass sich keiner von denen, "die einen so wichtigen Beitrag zur britischen Gesellschaft leisten", Sorgen um ihre Zukunft machen müssten. Es gehe nur darum, im Gegenzug die Rechte der britischen Bürger in der EU zu sichern.

Brexit Brexit-Befürworter wollen Bleiberecht für EU-Ausländer in Großbritannien
Ausschuss im Unterhaus

Brexit-Befürworter wollen Bleiberecht für EU-Ausländer in Großbritannien

Ein Ausschuss des Unterhauses sagt, es sei "unzumutbar", wenn die Menschen keine Klarheit über ihren Status hätten. Er fordert Premierministerin May zum Handeln auf.

Ein Faustpfand funktioniert aber nur, wenn man auch bereit ist, es einzusetzen. Um alle Sorgen auszuräumen, müsste Theresa May nur das Bleiberecht der EU-Ausländer garantieren. Solange sie das nicht tut, klingen die Beschwichtigungsversuche ihrer Fraktion hohl. Ausgerechnet Brexit-Ideologen in Mays eigener Partei wie der frühere Justizminister Michael Gove, der in Sachen Wahrheitsverdrehung dem Ukip-Demagogen Nigel Farage kaum nachstand, schwingen sich nun im Sonderausschuss des Unterhauses zu Anwälten der Europäer auf. Aber das ist im Rahmen der gesamten Post-Referendum-Debatte eher einer von vielen surrealen Nebenaspekten. Bei den Verhandlungen über die Rechte der EU-Ausländer - wenn sie denn endlich beginnen - wird zweifellos eine Asymmetrie herrschen: Die europäischen Gesprächspartner können immer darauf verweisen, dass die Rechte, die May für die britischen Staatsbürger in EU-Ländern einfordert, diesen ja als EU-Bürger immer zugestanden haben, und dass sie ohne Brexit überhaupt nicht in Gefahr wären.

Vielleicht kommt das Bleiberecht ja noch

Francesco überlegt ernsthaft, einen Antrag auf britische Staatsbürgerschaft zu stellen. Die Chancen stünden gut nach all den Jahren in England. Aber Anita sagt, als sich nach dem dritten Gegentor das Gespräch wieder der Zukunft zuwendet: "Vor dem Referendum hätte ich es vielleicht in Erwägung gezogen, Britin zu werden. Aber jetzt, unter Zwang? Nein danke." Wie so viele, die ihre ganze Lebensplanung auf ein Leben im Vereinigten Königreich ausgerichtet hatten, wollen sie und ihr Mann abwarten. Vielleicht kommt das Bleiberecht ja noch. Ob alle es nutzen wollen, steht auf einem anderen Blatt. Manchmal wird man ein bisschen wehmütig, wenn man die "Under Tens" spielen sieht, weil man ahnt, dass die Tage der Vielfalt in der Nordlondoner Kinderliga gezählt sein könnten.