Brexit-Kolumne EU-Bürger sind politische Jetons in Theresa Mays Brexit-Roulette

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Das sieht man unter anderem auf dem Rasen der Nordlondoner Kinderliga. Die zeigt die ganze Vielfalt des Schmelztiegels London. Und die Ängste.

Brexit-Kolumne von Alexander Menden, London

In diesem Monat will die britische Regierung die Ausstiegsverhandlungen mit der EU eröffnen. Der London-Korrespondent des Feuilletons berichtet ab sofort täglich davon, wie der bevorstehende Brexit sich jetzt schon in allen Lebensbereichen spürbar macht.

Jeden Sonntag treten die "Under Tens" des örtlichen Fußballclubs gegen andere Neunjährige aus der Harrow Youth League an. Wenn der eigene Sohn mitspielt, ist das eine erstaunlich aufregende Angelegenheit.

Man hat überhaupt reichlich Gelegenheit, sich aufzuregen. Über den Zustand des Heimplatzes zum Beispiel, der so abschüssig ist, dass man immer hofft, dass die eigene Mannschaft in der zweiten Halbzeit bergab spielt. So lassen sich Rückstände leichter aufholen. Man kann sich auch über den Coach aufregen, einen kindsköpfigen Rumänen, der ohne jedes taktische Verständnis am Spielfeldrand hin- und hertigert und "Kick it!" schreit. Oder darüber, dass die anderen Clubs viel organisierter wirken als der eigene. Die Japaner haben einen Verein, der mit Videoanalyse arbeitet; die Polen haben sogar einen Sponsor.

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Facebook und Twitter sind voller Scherze über den Brexit. Sie zeigen, wie nah wir EU-Bürger einander eigentlich sind - und dass durch das Votum der Briten etwas zwischen uns kaputtgegangen ist.

Doch über all das regt man sich ja letztlich gerne auf, denn zugleich fühlt man sich im Matsch dieses Parks in Barnet auch immer als Teil einer internationalen Gemeinschaft. Anders als manches gegnerische Team ist das eigene wunderbar gemischt: Nigerianer, Polen, Bulgaren, Deutsche, Albaner, und sogar ein Engländer, der im Tor steht. Das ist der Schmelztiegel London. Noch.

Zurück? Aber wohin denn? Für die Söhne der Bekannten ist Deutschland nur ein Urlaubsziel

Das EU-Referendum hat die Aufregung dieser Kinderliga-Spiele bei manchem zu etwas anderem gerinnen lassen. Seitdem vergeht kein Sonntag, an dem man nicht mit den anderen Eltern über die Zukunft der Welt, die Zukunft der Insel und die der Ausländer in Großbritannien spekuliert. Anita, die reizende Mutter eines bewundernswert kämpferischen Jungen im defensiven Mittelfeld, stammt aus Niedersachsen. Ihr Mann Francesco ist Italiener, arbeitet im gehobenen Management eines der luxuriösesten Hotels der Stadt, und nennt London "meine erste große Liebe". Familien wie diese werden jetzt immer öfter gefragt: "Und - wollt ihr jetzt zurückgehen?" Die Gegenfrage lautet: Zurück wohin denn? Die beiden Söhne haben einen deutschen Pass, der ältere ist glühender Bayern-München-Fan. Aber sie haben nie woanders gelebt als in London. Deutschland? Italien? Das sind für sie Urlaubsziele, keine Heimat. Und wie viele Hotelmanager werden in Italien gerade gebraucht. Oder auch in Deutschland, wenn sie kein Deutsch sprechen?