Süddeutsche Zeitung

Bildband zum Brexit:Alte Mauern, neue Grenzen

Verlorene in einem Konflikt, den sie sich nicht ausgesucht haben: Toby Binder porträtiert in Belfast den Alltag von Kindern und Jugendlichen, die im Fall des EU-Ausstiegs wohl erneut die Wirren der Politik ausbaden müssten.

"Nur eine Straße weiter wäre ich als mein "Feind" geboren". Fast ein Brite - ein seltsamer Gedanke für den irischen Schriftsteller Paul McVeigh, der Nordirland verließ, als er 18 Jahre alt war, und erst vor zwei Jahren in seine alte Heimat zurückkehrte. In Belfast begegnet ihm nun täglich die Angst, die ihn als Kind inmitten der "Troubles", dem Bürgerkrieg, ständig umgab. Etwa in Form der bis zu acht Meter hohen "Peace Lines", der Mauern, die während des Konflikts vor allem in der Hauptstadt errichtet wurden, um katholische und protestantische Wohnviertel voneinander zu trennen. Anders als es der Name "Friedenslinien" suggeriert, waren sie dort eine tägliche Erinnerung an die Gefahren der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Nordirland. Sie sind heute in der Stadt immer noch präsent.

Und dann ist da die Angst, die weit weniger sichtbar ist, aber durchaus ihre Berechtigung hat: die vor einem harten Brexit. Der Frieden ist nach dem Referendum brüchig geworden, auch nach mehr als zwanzig Jahren stehen sich irische Nationalisten und protestantische Unionisten gegenüber. Erst Ende Januar detonierte eine Autobombe in Londonderry, offenbar die Tat einer Splittergruppe der militanten Untergrundorganisation IRA.

Was diese Angst für die erste Generation bedeutet, die nach dem Friedensabkommen, dem sogenannten Karfreitagsabkommen von 1998 geboren wurde, damit hat sich der Fotograf Toby Binder beschäftigt. Binder, der 1977 in Esslingen geboren wurde, hat schon früher in seinen Fotoessays die Auswirkung politischer Zustände auf das Leben von Kindern gezeigt. Zuletzt etwa die Folgen der Deindustrialisierung für junge Menschen, die in ehemaligen Arbeiterstädten Großbritanniens aufwachsen, wo die Jugendarbeitslosigkeit hoch ist und Gangs und Drogen eine große Rolle spielen.

In seinem Band "Wee Muckers. Youth of Belfast" porträtiert er den Alltag von Kindern und Jugendlichen aus sechs verschiedenen Stadtvierteln, protestantisch wie katholisch, die im schlimmsten Fall einen neuerlichen Konflikt auszubaden hätten.

Auf den eindrücklichen Schwarz-Weiß-Fotografien sieht man sie auf der Straße herumsitzen, miteinander streitend, rauchend, plaudernd - jedoch scharf getrennt nach Vierteln. Kontakt zwischen Protestanten und Katholiken gibt es nach wie vor kaum. Trotz aller Grenzen: "Sie tragen die gleichen Klamotten, haben den gleichen Haarschnitt, hören die gleiche Musik, nehmen die gleichen Drogen und manchmal haben sie auch die gleichen Sorgen: Gewalt, Arbeitslosigkeit, kaum Perspektive", schreibt der Fotograf. Und zeigt damit einen Einblick in eine ungewisse Zukunft. Auf beiden Seiten.

Toby Binder: Wee Muckers. Youth of Belfast. Mit einem Vorwort von Paul McVeigh. 120 Seiten, Kehrer Verlag, 35 Euro.

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Quelle:
SZ vom 16.04.2019/cag
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