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Roman "Der traurige Gast":Die Stadt ist Magnet und ewiger Transitraum

Im Kontext der verschiedenen Lebensgeschichten und verstörenden Ereignisse, allen voran der Terroranschlag, wird ohne jede Kulissenschieberei der spezifische Charakter Berlins deutlich. Die Stadt ist Magnet und ewiger Transitraum. Zwischen den Zeiten, zwischen Ost und West. Zwischen den Kulturen. Alle landen irgendwie hier. Niemand scheint wirklich ganz angekommen zu sein. "Jede Straße sah plötzlich identisch aus", so die Architektin über einen Spaziergang. "Ich war nur zweimal abgebogen. Ich kehrte um und ging den Weg zurück, den ich gekommen war. Aber mir kam kein einziges Gebäude mehr bekannt vor, ich hatte sie noch nie in meinem Leben gesehen. Ich wusste nicht mehr, welche Farbe die Eingangstür unseres Wohnhauses hatte."

Als in den Nachrichten gemeldet wird, dass ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast ist, schaut der Erzähler gerade eine amerikanische Serie. Während die junge französische Autorin Frederika Amalia Finkelstein in ihrem Roman "Überleben" (dt. 2018) auf die traumatisierende Wirkung der Pariser Anschläge fokussierte, verdichtet der - nur medial wahrgenommene - Einbruch der Gewalt bei Nawrat eine grundsätzliche Verlorenheit: "Ich hatte plötzlich das Gefühl, irgendwo zwischen Manhattan und meinem Zimmer zu sein, in einem leeren Zwischenbereich". Seine kunstvolle, aber unprätentiöse Erzählweise ist das Gegenteil des ominösen Kopfkinos, das manche Reportagejournalisten für erstrebenswert halten. Sie simuliert kein Miterleben, keine bewegten HD-Bilder. Sie stellt Präsenz her. Das Ich dieses Romans registriert seine Empfindungen punktgenau, befragt sie mitunter knapp. Irritationen werden benannt, nicht aufgelöst.

Die "Sagte-sie-sagte-ich"-Lakonie kann ungeduldig machen

"Der traurige Gast" entstand aus entschlackten, stilistisch geschliffenen Tagebucheinträgen, die dann mit den Berichten der Romanfiguren angereichert wurden. In diesen Passagen finden sich kleinere Schwächen. An manchen Stellen scheint die Recherchefleißarbeit zu sehr durch, dann wird es langatmig. Dass die Paranoia, die den Erzähler nach dem islamistischen Terroranschlag erfasst, unmittelbar mit der Lektüre über die Gräueltaten von Kolonialisten kontrastiert werden muss, wirkt etwas pflichtschuldig. Auch die gleichförmige "Sagte-sie-sagte-ich"-Lakonie kann einen phasenweise ungeduldig machen. Das fällt aber kaum ins Gewicht, weil die narrative Grundkonzeption und ihre sorgfältige Ausführung in den Bann ziehen.

Man vollzieht die Wahrnehmungs- und Reflexionsbewegung eines wirklichen Subjekts nicht nur nach, sondern mit. Das funktioniert durch Wiedererkennen: "Ich zahlte vorne an der Kasse, bei derjenigen der zwei jungen Frauen, von der ich glaubte, dass sie Małgorzata hieß, und trat in die kühle Winterluft hinaus, für einen Moment geblendet von dem grellen Himmel, der sich über die Kirche und den Friedhof auf der anderen Straßenseite und über die ganze Stadt spannte. Ich brauchte einen Moment, bis ich wieder wusste, wo ich war, und ging dann los, Richtung U-Bahn-Station." Es ist dieser Augenblick der Orientierungslosigkeit, des Übergangs, wenn das Bewusstsein im Alltag flackert, der packt. Jeder kennt das, nimmt es ohne größere Irritation hin. Hier wird es, im "Diaspora" betitelten ersten Kapitel, zum Erkenntnisprinzip des Romans. Er ist ein Beispiel integeren Erzählens.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 304 Seiten, 22 Euro.

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