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Bregenzer Festspiele:Ein Meisterwerk

Die Novelle trägt die Musik bereits in sich. Posmysz erlebte selbst so zynische Einrichtungen wie das Frauenorchester in Auschwitz. Sie hörte in der Hölle des Todes Hits von Kreuder und Mackeben. Ihr Tadeusz ist Künstler. Vor dem Lagerkommandanten soll er einen Walzer spielen: "Spiele wie vor Gott, dem Herrn. Du wirst dich bald mit ihm treffen", sagt in der Oper ein SS-Mann. Tadeusz spielt. Aber keinen Walzer. Sondern die Chaconne von Bach. Deutsche Musik. Er wird zu Tode geprügelt, die Geige zertrümmert.

Die Wirkung dieser Szene lässt sich nicht in Worte fassen. Weinberg vertont auch keinen Text, er lässt die Musik in Ruhe. Die Streicher im Orchester nehmen die Chaconne auf, der Klang dieser wunderbaren Musik erfüllt den ganzen Raum. Einer der vielen Momente, die in dieser Oper schlichtweg unfassbar sind. Obwohl Weinberg weite Teile der Partitur direkt aus den Gesangslinien entwickelt, obwohl er so passgenau für Singstimme schreiben kann, dass man bei dieser Uraufführung den Eindruck gewinnt, er habe ihre Besetzung gekannt, als er die Oper komponierte, ist diese Musik noch viel mehr.

"Spiel für mich"

Die unglaublich nuancierte Präzision der Wortvertonung ist die Basis, auf der alles möglich und nichts beliebig ist: Die grimmigen Walzer, die manchmal sehr an Schostakowitschs "Jazz-Suite" erinnern ebenso wie die schmierige Tanzmusik auf dem Dampfer; die herzzerreißenden Volkslieder, wenn sich die todgeweihten, inhaftierten Frauen an die Heimat erinnern, ebenso wie ein Liebesduett zwischen Martha und Tadeusz, das einem die Tränen in die Augen treibt. "Spiel für mich", bat sie einst, in glücklicheren Zeiten, als sie sich in eine Dorfkirche verirrten. Im Lager muss er wieder spielen. Zum letzten Mal.

Weinberg floh zwei Mal vor den Nazis, 1939 von Warschau nach Minsk, 1941 von dort in die usbekische Hauptstadt Taschkent. 1943 schließlich ließ er sich in Moskau nieder, wurde ein Freund von Dmitri Schostakowitsch, der sich auch für ihn einsetzte, als Weinberg in der Hochzeit des stalinistischen Irrsinns inhaftiert wurde. Letztlich rettete ihn Stalins Tod, und vom Ende der fünfziger Jahre an erlebte Weinberg zwei Jahrzehnte blühender Schaffenstätigkeit.

Er schrieb sieben Opern, 26 Symphonien, 17 Streichquartette, Ballett-Musiken und anderes, wenig davon war dezidiert politisch. Er wurde viel aufgeführt, von den wichtigsten russischen Instrumentalisten und Orchestern. Und doch galt er in den achtziger Jahren auf einmal als überholt, als altmodisch (Schostakowitsch erging es ähnlich); er war kein Schnittke und keine Gubaidulina, er wurde vergessen wie seine Oper "Die Passagierin", bevor diese überhaupt aufgeführt wurde. Und da er außerhalb der Sowjetunion unbekannt war, kannte ihn bald niemand mehr.

Eine Befreiung

Tatsächlich klingt diese Oper älter, als sie ist. Na und? Man denkt an Schostakowitsch und auch an Britten. Die Szenen auf dem Dampferdeck sind in irisierende Klänge getaucht, denen aber schon die Schieflage, das Abgründige innewohnt. Diese Klänge kehren im Lager wieder, in ganz anderen Farben, düster, fahl. Walzer laufen aus dem Takt, ab und an zerbricht eine Zwölftonreihe, Momente, die an Filmmusik erinnern - auch damit hatte Weinberg Erfahrung - tauchen auf.

Diese Musik ist zu jeder Sekunde präsent, stets beredt, aber nie vordergründig effektvoll, sondern subtil, wie auch Weinbergs reine Instrumentalmusik. Wenn ihm der Text wichtig ist, schweigt die Musik. Und man versteht jedes Wort, obwohl im Lager ein kosmopolitischer Kauderwelsch gesungen wird. Die Musik fräst jedes Wort ins Hirn des Zuhörers, die Wirkung ist beklemmend, unmittelbar psychosomatisch. Diese Oper ist ein Meisterwerk. Und David Pountney verbeugt sich vor ihr.

Oben ist das helle Dampferdeck, unten die graue Hölle, mit Gleisen und Wagons, in denen die Häftlinge untergebracht sind. Die beiden Ebenen sind allein durch die Beleuchtung voneinander getrennt, ständig gibt es Korrespondenzen, die Vergangenheit, nur scheinbar im Untergrund, kommt schnell wieder zu Tage. Pountney macht echtes, stimmiges Theater, alle Solisten sind ein Traum, Dirigent Teodor Currentzis führt die Wiener Symphoniker zur Höchstleistung. Nach dem Ende lange Stille. Erst dann trauen sich die Ersten zu applaudieren. Es wirkt fast wie ein Sakrileg. Und ist doch eine Befreiung.

© SZ vom 23.07.2010/luc
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