Bregenzer Festspiele:Ein Witz in tiefer Not

Festspiele Bregenz

Eine Prise Weinstein-Geilheit: Szene aus "Impresario Dotcom".

(Foto: Bregenzer Festspiele / Karl Forster)

Was von den Festspielen übrig blieb: Die Oper "Impresario Dotcom" in Bregenz.

Von Egbert Tholl

Wäre dies ein normaler Sommer, säßen Tausende an der frischen Luft in einer "Rigoletto"-Aufführung und das, worum es hier ginge, wäre Teil des zeitgenössischen Beiprogramms. Nun aber bleicht der riesige Kopf des Hofnarren ganz verwaist im Sonnenlicht aus, und im Festspielhaus findet die Uraufführung von "Impresario Dotcom" der slowakischen Komponistin L'ubica Čekovská statt, der einzigen szenischen Produktion, die in diesem Jahr von den Bregenzer Festspielen übrig blieb. Eine Woche lang gibt es dazu drumherum ein paar Konzerte. Und es bleibt ein Rätsel, weshalb man nicht doch die Seebühne bespielte, bloß mit weniger als den sonst üblichen 7 000 Zuschauern. Drinnen waren dann 900 erlaubt, ohne Virus passten 1 700 rein, einige der möglichen Plätze blieben leer, aber die Stimmung war gut, am Ende sogar enthusiastisch. Es gibt ja sonst auch wenig, woran man sich derzeit in Vorarlberg hochkulturell erfreuen kann.

Das kleine Bregenz verfügt nicht über die Hygiene-Power der Salzburger Festspiele, was wohl auch den Verzicht auf die Seebühne erklärt. Und was man bei der Umsetzung von "Impresario Dotcom" spürte. Getestet wurde hier auch, aber weniger, man achtete vor allem auf Abstand. Für die rund 20 Musiker des Symphonieorchesters Vorarlberg und den Dirigenten Christopher Ward war das im großen Graben des Festspielhauses kein Problem, auf der Bühne indes merkte man es schon.

Alle bleiben Narzissten. Und sterben. Vielleicht an Corona.

Die Beteiligten an der Produktion rangen deren Zustandekommen der Festspielleitung ab, das Werk wurde auf pausenlose 90 Minuten gekürzt, auf ein Bühnenbild weitgehend verzichtet. Wie dieses Auftragswerk wirklich wirken kann, wird man wohl erst bei seiner Premiere am Slowakischen Nationaltheater in Bratislava erfahren. Denn die Inszenierung von Elisabeth Stöppler vergrößert noch einmal die hygienebedingte Vereinzelung der Figuren. Alle werden als Karikaturen, lächerliche Popanze eingeführt, nachdem die Darstellerin der Titelfigur, Zeynep Buyraç, ein umständliches Solo zu den Verhaltensvorschriften fürs Publikum absolvieren musste. Dann dauert es lange, bis die Figuren auf der Bühne Kontur gewinnen, bis man merkt, was hier möglich gewesen wäre.

Das Libretto von Laura Olivi ist dagegen prima. Es basiert sehr frei auf Carlo Goldonis rund 250 Jahre alter Komödie "Der Impresario von Smyrna", in der dieser sich über die Eitelkeiten des venezianischen Opernbetriebs seiner Zeit lustig machte. Olivi überführte es in die Gegenwart, und sprach mit freischaffenden Sängerinnen und Sängern über Ängste, Wünsche und Nöte. Durch Corona wurden diese dann noch dringlicher. Der Kampf ums nächste Engagement ist echt - Stöppler macht daraus einen Witz. Doch Olivi ist viel sardonischer. Die Sänger, die hier nach Erfolg gieren und den Conte Lasca, Adlatus des ominösen Dotcom, umgarnen, lassen sich von diesem jeder Würde berauben. Christoph Pohl führt sie in eine Selbsterniedrigungs-Vorsing-Show und die Not bringt sie dazu, sogar, dank Video, unter Wasser zu singen. Es bringt jedoch alles nichts. Dieser Dotcom, den man sich als eine Art digitale Referenz vorstellen muss, weshalb die Verkörperung durch Buyraç exzeptionell misslingen muss, da kann sie machen, was sie will, wollte in leicht seifiger Utopie ein echtes Ensemble ohne Eitelkeiten schaffen. Aber alle bleiben Narzissten. Und sterben. Vielleicht an Corona.

Die Figuren heißen wie ihre Lieblingsrollen, jede singt eine Signatur-Arie ihrer Partie, von Čekovská mit knuspernder Schrägheit unterlegt und in einen eher entwicklungslosen Verlauf semimoderner Zitatderivate eingebunden. Aber es klingt recht flott, keineswegs platt lustig, und die Sänger, Hagen Matzeit als Glucks Orfeo, Eva Bodorová als Offenbachs Musikmaschine Olympia, Terezia Kružliaková als tolle Carmen, Adriana Kučerova als Violetta ("Traviata") und Simeon Esper als schwärmender Tamino mit einer Prise Weinstein-Geilheit machen ihre Sache sehr gut. Das Publikum ist dankbar. Auch weil's nicht weh tut.

© SZ vom 22.08.2020
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