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Bregenz:Schöner Tyrannenmord

Die Bregenzer Festspiele graben Goldschmidts "Beatrice Cenci" aus

Von Egbert Tholl, Bregenz

Gegen diese Oper sind blutrünstige Fernsehserien wie die "Borgia" langatmige Labereien. Berthold Goldschmidt brauchte um 1950 herum deutlich weniger als zwei Stunden, um von Morden, Vergewaltigung, Doppelhinrichtung und Erlösung zu erzählen, ganz ohne Umschweife und mehr oder weniger historisch korrekt. Die Geschichte seiner Oper "Beatrice Cenci" hat sich tatsächlich so zugetragen. In der päpstlichen Welt der Renaissance erbte Francesco Cenci ein riesiges Vermögen, das sein Vater aus der vatikanischen Verwaltung abgezweigt hatte. Francesco mauserte sich schnell zum Unhold, suchte Befriedigung in sexueller Gier aller Arten, zahlte dafür horrende Strafen, ließ seine beiden Söhne umbringen, vergewaltigte seine Tochter Beatrice, misshandelte seine zweite Frau Lucrezia. Die beiden Damen ersannen ein eher umständliches Mordkomplott, das sein Ziel erreichte, aber aufflog. Der Papst kannte kein Pardon, die Frauen wurden hingerichtet.

Das ist jetzt nicht unbedingt eine Geschichte, zu der die Abendrobe bei den Bregenzer Festspielen passt. Das macht aber nichts. Keiner im Publikum dürfte die Oper je gehört haben, die Gelegenheiten dazu waren bislang rar, auf deutsch, der Originalsprache, gab es sie vor Bregenz noch nirgendwo. Die Bregenzer Festspiele waren schon immer für außerordentlich Entdeckungen gut; während in diesem Jahr wieder "Carmen" auf dem See die Zuschauermassen anlockt, gibt es eben drinnen im Festspielhaus weitgehend Ungehörtes, in Vergessenheit Geratenes.

Berthold Goldschmidt kann man grob zu Komponisten wie Zemlinsky, Schreker, Korngold rechnen, deren Werke, gerade deren Opern, vor der Nazibarbarei für Aufsehen sorgten - und die nach dem Krieg niemand mehr hören wollte. Eine doppelte Verfemung: erst aus rassisch-ideologischen Gründen von den Bühnen Europas verbannt, dann aus der Zeit gefallen, weil nach 1945, wiederum aus ideologischen Gründen, alles neu, am besten seriell klingen musste. Serielle Musik ist großartig, aber es hätte auch etwas anderes geben können. Das Kappen dieser Entwicklungslinie in der Musik ist auch ein Erbe der Nazis. Seltsamerweise fiel stets der Rückgriff auf viel ältere Musik leichter, als auf Werke wie eben eine Oper wie "Beatrice Cenci", von der auch Johannes Debus, der tolle Dirigent der Bregenzer Aufführung, vollkommen zu Recht im Programmheft sagt, sie wirke nicht wie 1950 komponiert, sondern eher 20, 30 Jahre früher. Und war auch, anders als Goldschmidts "Der gewaltige Hahnrei" (1932), noch weniger als ein Misserfolg bei einem Opernwettbewerb in Goldschmidts Londoner Exil.

Ein Anachronismus, aber die Musik ist dennoch nicht frei von der Avantgarde der Zeit. Goldschmidt kannte sich aus bei der Wiener Schule, wirkte an der Uraufführung des "Wozzeck" mit. Und immer wieder hört man in den grandiosen Orchesterpassagen seiner Oper Stellen, die irisierend Tonalität ins Schweben bringen. Vieles ist große, feine Überwältigung, manches, wie der Renaissance nachempfundene Trompetensignale, gewitzt. Vor allem aber ist Goldschmidts Werk sehr irritierend. Die Handlung wird als rasante Kolportage erzählt, die Musik ist rasend schön. Ja, man hört von üblen Taten, sieht auch ansatzweise etwas davon - und nichts klingt grausam. Goldschmidt nannte das selbst "civilisierte Brutalität"; heute könnte man es als avancierte Diskrepanz empfinden. Im dritten und letzten Akt, nach dem Mord, schält sich daraus ein Requiem für die aufrechte Beatrice heraus, eingeleitet von deren Lebewohl an die Welt - eine absolut umwerfende, liedhafte Arie mit orchestralen Zwischenspielen dunkler Poesie und einer hinreißenden Melodie.

In diesem Moment ist Gal James als Beatrice fabelhaft, führt ihre Stimme in brüchige Regionen des zartesten Pianissimo. Neben ein paar sinistren, vatikanischen Würdenträgern ist sie Zentrum der Aufführung, auch weil Christoph Pohl den Francesco Cenci zwar ordentlich, aber ohne jede Gewalt oder Bösartigkeit singt und spielt. Regisseur Johannes Erath verliert sich ein bisschen zu sehr in grelle Tableaus, hat die tolle Idee, zum Frühstücksei des verlogenen Kardinals "Tosca", dritter Akt, aus einem Grammophon tönen zu lassen, hantiert mit goldgefüllten Reliquienschreinen und tanzenden Lemuren. Die Musik stört er nicht.

© SZ vom 20.07.2018
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