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Brecht an den Kammerspielen:Komm unter meine Decke

© Julian Baumann
v.l.n.r.: Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Majd Feddah

Jedem seine Blase: Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Majd Feddah (von links).

(Foto: Julian Baumann)

Christopher Rüping inszeniert Brechts "Im Dickicht der Städte" an den Münchner Kammerspielen mit ganz viel Empathie und Kuddelmuddel. Damit kommt er dem Stück nicht bei.

Die Willkommenskultur an diesem Abend in den Münchner Kammerspielen ist so zugewandt und freundlich, dass man sich gleich wohl- und angesprochen, ja, buchstäblich abgeholt fühlt. Das geht schon im Foyer los, wo ein Gewusel herrscht wie vor einem Boxkampf. Leute drängeln sich um einen riesigen, durchsichtigen Plastikballon mit einer leibhaftigen Schauspielerin darin: Gro Swantje Kohlhof scheint uns gar nicht zu bemerken, sie daddelt auf ihrem Handy herum, einsam in ihrer Blase. Wir Zuschauer werden indessen live gefilmt, wobei die freundliche Jelena Kuljić und eine Kamerafrau einzelne heranzoomen, deren Gesichter dann drinnen, auf der Bühne, in Großaufnahme auf eine Videoleinwand projiziert werden. Das geht auch eine Weile so weiter, wenn alle schon sitzen.

Vor der Videoleinwand steht Julia Riedler mit einem Mikrofon und kommentiert die gezeigten Gesichter mit extra tiefgelegter Stimme, interpretiert etwas in sie hinein, stellt sich zum Beispiel vor, dass die Dame mit der großen Brille Ilse heißt und abends mit ihrem Kater auf dem Sofa fernsieht. Oder dass der Herr mit dem aristokratischen Gesicht in seiner Wohnung Klavier spielt, dazu ein Glas Rotwein. Es sind Einsamkeitsbilder, die Riedler da entwirft, jedes Porträt einleitend mit den Worten "Ich sehe wen, den Ihr nicht seht..."

Jemanden sehen, von jemandem gesehen werden, sich nahe kommen, gemeint sein - es ist ein Konzept der Empathie und (Publikums-)Umarmung, mit dem der für diese Inszenierung an die Kammerspiele zurückgekehrte ehemalige Hausregisseur Christopher Rüping an Bertolt Brechts Frühwerk "Im Dickicht der Städte" herangeht. Der "unendlichen Vereinzelung des Menschen" im Großstadtdschungel, die der junge Brecht zum Thema macht, setzt Rüping sein expressives, exzessives, berufsjugendlich verspieltes Improvisations- und Wohlfühltheater entgegen.

Die "schwarze Sucht des Planeten, Fühlung zu bekommen", von der in dem Stück der Holzhändler Shlink befallen wird, ist auch Rüpings Sucht. Er ist der Kuschler unter den jüngeren Regisseuren. Wir sollen in seinem Theater uns selbst und den anderen näher kommen, mit den Schauspielern quasi unter eine Decke schlüpfen - ein Bild, das in dieser Inszenierung tatsächlich umgesetzt wird: Da vergnügen sich die zwei Männer und die drei Frauen des Abends in Unterwäsche gruppensexlüstern unter einer riesigen weißen Steppdecke, die sie schon mal bis über die dritte Reihe im Parkett ziehen. Theater auf Tuchfühlung. Das Turtelspiel mit und unter der Decke macht den Fünfen derart viel Spaß - Hui Buh! -, dass sie es endlos in die Länge ziehen. In seinen schlechteren Inszenierungen tendierte Christopher Rüping schon immer zum Kindergeburtstag.

"Allein sein ist eine gute Sache. Das Chaos ist aufgebraucht."

Aber zunächst haben er und sein Spaßtrupp die Sympathien auf ihrer Seite. Die Erwartungshaltung ist groß. Rüping hat den Kammerspielen zuletzt mit seinem Antiken-Marathon "Dionysos Stadt" den größten Erfolg beschert und schon 2017 klug und formbewusst ein anderes Frühwerk Brechts inszeniert, "Trommeln in der Nacht". Jetzt, im "Dickicht der Städte", verheddert er sich im Gefühlskampf- und Gender-Kuddelmuddel.

Brecht entwirft eine Versuchsanordnung: die Geschichte zweier Männer, die in der "Riesenstadt Chicago" ohne ersichtlichen Grund einen Kampf gegeneinander führen. Der reiche Holzhändler Shlink fordert den Bibliotheksangestellten George Garga heraus. Erst versucht er, Garga dessen Meinung über einen Kriminalroman abzukaufen, später überschreibt er dem Mittellosen seinen Besitz, um einen gleichwertigen Gegner zu haben. Doch Garga ist mit der Situation überfordert, wird zum Säufer und Kriminellen, zieht seine Familie ins Unglück. Shlink, der im Kampf so etwas wie Sinn oder Nähe in der Feindschaft gesucht hat, wird sich am Ende töten. Garga bleibt zurück und spricht die berühmten Worte: "Allein sein ist eine gute Sache. Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit."

Rüping nimmt nur die Grundkonstellation, um auf der mit Rollkisten für technisches Gerät vollgestellten Bühne (Jonathan Mertz) sein eigenes Chaos anzuzetteln. Am Anfang spielt die raukehlig-coole Julia Riedler den Shlink, und der bärtige Syrer Majd Feddah ist Garga. Aber es gibt keine festen Rollen, auch die immer so schön leuchtende Gro Swantje Kohlhof ist später Garga und baumelt schlussendlich mit Shlink, nun verkörpert von Jelena Kuljić, knutschend in der Luft, nachdem die beiden intensiv gecatcht haben. Der virile Feddah gefällt sich auch mal doof-klamottig im Brautkleid, und der zarte Christian Löber gibt Gargas Schwester Marie als Tilda Swinton. Das Cross-Gendering geht einher mit einem Sprachmischmasch und szenischem Tohuwabohu. Einmal wird die Münchner Maximilianstraße als fotorealistische Kulisse aus dem Schnürboden herabgelassen: Ois Chicago! Ein anderes Mal soll ein Zuschauer Julia Riedler ins Gesicht spucken. Geldscheine wirbeln durch die Luft, eine Discokugel wirft kreisende Lichter, die Souffleurin Jutta ist Teil des Spiels. Die Verfertigung des Theaters auszustellen, wie Rüping das gerne tut, verbindet ihn an diesem Abend am ehesten mit Brecht (dem späteren, verfremdenden). Wo dieser in seinem Stück auf Taktik und Timing eines Faustkampfs setzt, tänzelt der nette Rüping bloß dynamisch vor dem Boxsack. Manchmal lässt er Brüche, Aporien zu. Aber es fehlt die Härte, der Haken, der entscheidende Hieb. Man kann zusehen, wie der Abend an Zugriff und Spannung verliert, wie er aufweicht im Behaglichen des Ensemblekollektivs, wo jeder das Seinige einbringen darf. An Brecht geht der Abend vorbei. Der ist kälter, härter, metaphysischer. Hier haben sich alle viel zu sehr lieb.

© SZ vom 27.01.2020
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