Süddeutsche Zeitung

Brasilien:"Wir stehen am Anfang der Barbarei"

  • Der brasilianische Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro hetzt im Wahlkampf hemmungslos gegen Indigene, Afrobrasilianern, Homosexuelle und Künstler.
  • Allein in den vergangenen drei Wochen haben Journalisten 50 Attacken von Bolsonaro-Fans auf Andersdenkende aufgelistet.
  • Einige Künstler haben bereits aus Sicherheitsgründen das Land verlassen.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Das Nationalmuseum von Rio ist nicht tot. Zumindest noch nicht ganz. Sein Hauptgebäude, der Palast, in dem Könige und Kaiser residierten, brannte Anfang September zwar bis auf die Grundmauern ab. Um die 90 Prozent der rund 20 Millionen Exponate sind dabei wohl zerstört worden, ein unermesslicher Verlust, nicht nur für Brasilien, sondern für die ganze Menschheit. Aber es sind immer noch sehr viele spektakuläre Objekte übrig. Das Herbarium etwa oder die Abteilung für Meeresbiologie mit Hunderttausenden Schwämmen, Korallen und unerforschten Organismen, die in einem Nebengebäude aufbewahrt wurden. Dort befinden sich auch große Teile der Museumsbibliothek. Den klimatisierten Bereich, in dem die Raritäten lagern, darf man nur mit einer Sondergenehmigung betreten.

Der Chef-Bibliothekar drapiert einen Band mit Originalzeichnungen von Maria Sibylla Merian auf einem weichen Kissen, er zieht sich Plastikhandschuhe an, bevor er darin blättert. Merian, die Naturforscherin aus Frankfurt am Main, hat im frühen 18. Jahrhundert tropische Insekten, Raupen, Falter, Motten gesammelt, gezeichnet und koloriert. Ihre Farben wirken immer noch wie frisch gemalt. Auch neun Pergamentrollen mit Manuskripten der Thora, die zwischen 400 und 1000 Jahre alt sein sollen, haben den Brand überstanden. Sie waren kurz zuvor zur Restauration ins Nebengebäude gebracht worden. Niemand, der diese Bibliothek gesehen hat, würde bestreiten, dass noch Leben steckt in diesem Museum.

Das Nationalmuseum gehörte zu den wenigen demokratischen Orten von Rio

Umso dringender stellt sich die Frage, wie es jetzt weitergehen soll mit einer der wichtigsten Kultur-, Forschungs- und Bildungseinrichtungen Lateinamerikas. Die weltweite Anteilnahme war und ist ermutigend, die Unesco schickte Expertenteams, die Bundesrepublik Deutschland stellte eine Million Euro zum Wiederaufbau zur Verfügung. Aber davon ist Brasilien noch weit entfernt. Die Spurensicherung sucht noch immer nach der Brandursache, es gibt weiterhin keine provisorische Dachbedeckung.

Auch sechs Wochen danach regnet es in die verkohlte Ruine hinein, wo Schätze aus mehreren Jahrtausenden wie in einem Sandwich zwischen drei eingestürzten Stockwerken klemmen. Aus Asche wird Schlacke. Professoren, Doktoranden und Studenten müssen sich derweil eine Handvoll Räume und Container teilen. Mitunter kommt man sich vor wie in einem Flüchtlingscamp. Aus der Museumsleitung heißt es: "Bis zum Ende der Wahlen wird hier nicht mehr viel passieren. Wir sind ein Nationalmuseum. Alles hängt davon ab, wer der nächste Präsident wird."

Der nächste Staatspräsident von Brasilien wird höchstwahrscheinlich Jair Bolsonaro heißen. In allen Umfragen für die Stichwahl am 28. Oktober liegt der Hauptmann der Reserve mit großem Abstand vorne. Er hat sich bislang ein Mal zur Zukunft dieses Museums geäußert. Und zwar so: "Es ist doch schon abgebrannt. Was bitte soll ich tun?"

Bolsonaro, 63, wäre gewiss nicht der erste Präsident, der nichts für dieses Haus übrig hätte. Schon lange war es chronisch unterfinanziert, zwischenzeitlich musste es geschlossen werden, weil Geld für die Putzkolonne fehlte. Seit Juscelino Kubitschek, der von 1956 bis 1961 regierte, hat sich hier kein brasilianischer Staatschef mehr blicken lassen. Aber mit Bolsonaro scheint die Ignoranz eine neue Dimension zu erreichen. Fast hat man den Eindruck, als wäre es ihm ganz recht, wenn es endgültig verrottete - ein Ärgernis weniger.

Das Nationalmuseum gehörte in besseren Zeiten zu den wenigen demokratischen Orten von Rio. Es war ein begehbares Schulbuch. Hier erfuhren Kinder aller Schichten, arm und reich, schwarz, weiß und indigen, wie vielfältig die brasilianische Kultur ist, wie alt die Neue Welt, wie einzigartig die Natur. Der Rechtsextremist Bolsonaro steht für die Negierung all dessen: für die Vorherrschaft des weißen Mannes, für Ausgrenzung und Rassismus, für die Verherrlichung der Diktatur, für die wirtschaftliche Ausbeutung des größten Regenwaldes der Erde. Von einem Politiker, der ankündigt, unter seiner Regierung werde "kein Zentimeter" für die Nachfahren der Ureinwohner übrig bleiben, braucht man wohl nicht erwarten, dass er bedauert, wenn in Rio unter anderem das größte Dokumentationszentrum indigener Sprachen in Flammen aufgeht.

Es ist doch schon abgebrannt - aus diesem Satz spricht dieselbe Geisteshaltung wie aus Bolsonaros Reaktion auf den Mord an dem populären Musiker und Capoeira-Meister Moa do Katendê. Er war vergangene Woche in einer Bar in Salvador von einem Bolsonaro-Anhänger mit zwölf Messerstichen getötet worden, weil er sich für die Wahl des linken Gegenkandidaten Fernando Haddad ausgesprochen hatte. Bolsonaro sagte dazu: "Ein Typ, der ein T-Shirt von mir trägt, begeht einen Exzess, was habe ich damit zu tun?"

Allein in den vergangenen drei Wochen gab es 50 Attacken auf Andersdenkende

Für den brasilianischen Performance-Künstler Wagner Schwartz, 45, ist die Antwort offensichtlich. Das politische Programm Bolsonaros sei eine "Apologie der Gewalt", seine vergiftete Sprache habe bereits Fakten geschaffen. Schwartz befürchtet, dass Brasilien "in einem Ambiente ver-sinkt, in dem es keine Existenzberechtigung gibt für Menschen, die anders denken als Jair Bolsonaro und seine Anhänger". Manche halten das für Panikmache, aber im Bericht von "Pública", einem Zusammenschluss investigativer Journalisten aus Rio und São Paulo, werden 50 Attacken von Bolsonaro-Fans auf Andersdenkende aufgelistet - in drei Wochen.

Besonders bedroht müssen sich neben Indigenen und Afrobrasilianern, Schwulen und Lesben auch die Künstler fühlen. Bolsonaro hat einen "großen Kulturwandel" in Brasilien angekündigt. Alles, was man über diesen Kandidaten weiß, deutet darauf hin, dass dieser Wandel nicht gut ausgehen wird für die Kulturschaffenden im Land. Bolsonaro bezeichnet sie pauschal als "vagabundos", als Penner und Schmarotzer, die Fördergelder absahnten, ohne etwas Sinnvolles zu arbeiten. Damit sei bald Schluss. Das Ministerium für Kultur soll abgeschafft werden, per Twitter teilte Bolsonaro mit: "Wir werden die Kulturförderung erhalten, aber für talentierte Künstler, die einen Wert schöpfen."

Es ist schwer zu sagen, ob Jair Bolsonaro eher die Ursache oder das Symptom des dramatischen Rechtsrucks der brasilianischen Gesellschaft in den zurückliegenden Jahren ist. Was in dieser Stimmungslage aber mit Künstlern passieren kann, die in den Augen dieser Massenbewegung nicht "talentiert" und "wertvoll" sind, hat Wagner Schwartz bereits erlebt. Vielleicht muss er sogar froh sein, dass er es erlebte. Berichte, wonach er auf offener Straße er-schlagen worden sei, erwiesen sich als Falschmeldungen. Schwartz hat aber rund 150 Morddrohungen erhalten - wegen seiner Performance "La Bête", die in Europa erfolgreich war und ihn in Brasilien zum Aussätzigen, zum Gejagten machte.

Bei dieser Aktion legt er sich nackt auf die Bühne und fordert das Publikum auf, seinen Körper in beliebige Posen zu rücken. Er sagt, er habe sich dabei von der 1988 verstorbenen Lygia Clark inspirieren lassen, einer weltweit gefeierten Pionierin der brasilianischen Interaktionskunst. Nach einer Aufführung im September 2017 in São Paulo stellte jemand ein Video ins Netz, auf dem zu sehen war, wie eine Frau und ihre Tochter den Künstler berührten, an den Füßen, an den Händen. Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los, der an Lynchjustiz erinnerte und gerade vom Twitterkönig Bolsonaro angefacht wurde. Er bezeichnete die Aktion als "Pädophilie im Namen der Kultur" und alle Beteiligten als "Dreckschweine". Das wurde millionenfach geteilt und nicht zuletzt die evangelikalen Kirchen, die den Katholiken Bolsonaro mit aller Macht unterstützen, trugen zur Verbreitung des irrsinnigen Diktums bei: Wer die Freiheit der Kunst verteidigt, verteidigt Kinderschänder.

Das Land bewegt sich auf direktem Weg zurück in seine dunkelste Vergangenheit

Der Aufruhr um "La Bête" ist keineswegs ein Einzelfall. Im vergangenen Herbst wurde die Ausstellung "Queermuseum - Kartografien der Differenz in der Kunst Brasiliens" in der Stadt Porto Alegre wegen eines anhaltenden Shitstorms vorzeitig geschlossen. Bei der Schau ging es vor allem um Transgender-Themen und Homosexualität, in den Hetzforen der Netzwelt wurde das mit Pädophilie, Sodomie und Blasphemie gleichgesetzt. Jair Bolsonaro sagte im Fernsehen: "Die Macher der Ausstellung gehören erschossen."

Langsam sind nicht mehr allzu viele gesellschaftliche Gruppen übrig, die der Präsidentschaftskandidat noch nicht zum Abschuss freigegeben hätte. So redet er halt, sagen viele seiner Anhänger, das sei eher ein schlechter Witz als ein konkreter Schießbefehl. Aber so schlecht können Witze gar nicht sein wie das, was Bolsonaro regelmäßig von sich gibt. Im ganzen Land ist der Ernst der Lage zu spüren.

Wagner Schwartz lebt inzwischen in Paris, "um sein Leben zu schützen". Er sagt: "Ich würde gerne nach Brasilien zurückkehren, um dort zu arbeiten, aber derzeit erscheint mir das sehr gefährlich." Ähnlich äußerte sich der brasilianische Filmemacher Felippe Barbosa, ebenfalls aus Paris. Bolsonaro und seine befreundeten Generäle haben die Macht noch gar nicht übernommen, aber es ist schon wieder so weit, dass Künstler Brasilien aus Sicherheits-gründen verlassen. So wie zu Zeiten der Militärdiktatur (1964 bis 85), als die systemkritischen Tropicalismo-Musiker Caetano Veloso, Gilberto Gil und Chico Buarque nach Europa ins Exil gingen.

Die drei wohl bekanntesten lebenden Künstler Brasiliens gehören auch 2018 wieder zur den gut 300 prominenten Unterzeichnern eines "Manifestes für die Demokratie". Darin steht: "Es muss gesagt werden, dass die Kandidatur von Jair Bolsonaro weniger eine politische Alternative als eine ernsthafte Bedrohung für unser zentrales zivilisatorisches Erbe repräsentiert."

Noch ist Brasilien eine der Demokratien mit den fortschrittlichsten Bürgerrechten der Welt, der Verfassung zufolge. In der Praxis bewegt sich das Land auf direktem Weg zurück in seine dunkelste Vergangenheit. Wer sich dagegen auflehnt - im Moment sind das vor allem die Künstler und Kulturschaffenden - wird als Staatsfeind, als Kommunist, mitunter auch als Pädophiler verunglimpft. "Wir stehen am An-fang der Barbarei", sagt Schwartz. Es begann in den sozialen Netzwerken, wo die Bolsonaro-Fraktion einen Großmarkt der Fake News erschaffen hat. Seit diese Bewegung aus den Wahlumfragen weiß, dass sie die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat, schwappen die Intoleranz und der Hass zunehmend in die Realität hinein.

Wenn kein Wunder geschieht, wird Jair Bolsonaro vom 1. Januar 2019 an das größte Land Südamerikas regieren. Niemand darf erwarten, dass das Nationalmuseum von Rio dann noch einmal aus der Asche neu entsteht. Niemand muss sich wundern, wenn Moa do Katendê nicht der letzte in aller Öffentlichkeit ermordete Künstler bleibt. Und niemand wird sagen können, er sei nicht von Bolsonaro persönlich gewarnt worden.

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Quelle:
SZ vom 20.10.2018/luch/cat
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