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Serie "Welt im Fieber":In Brasilien ist die Logik aus dem Land geflohen

Demonstrators take part in a protest in favor of Brazillian President Jair Bolsonaro in front of the Planalto Palace, amid the coronavirus disease (COVID-19) outbreak, in Brasilia

Anhänger von Präsident Bolsonaro gehen in São Paulo gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße.

(Foto: Adriano Machado/Reuters)

Obwohl wissenschaftliche Studien warnen, beharrt die Regierung auf der Behandlung von Covid-19-Patienten mit Chloroquin. Außerdem sollen sich alle bewaffnen - für einen möglichen Bürgerkrieg.

Meine letzte Kolumne endete mit einem Hauch von Hoffnung in Bezug auf die Covid-19-Forschung in Brasilien. Könnte hier vielleicht sogar eine medizinische Referenzbehandlung entstehen, die dann von anderen Ländern kopiert würde? In einer Studie des Hospitals Sírio-Libanês in São Paulo wird weiterhin die Behandlung schwerer Fälle mit Heparin erprobt.

Dass Chloroquin oder Hydroxychloroquin keine Medikamente sind, um in der Masse der Fälle die Komplikationen einer Corona-Erkrankung zu mildern, kann inzwischen als gesichert gelten. Eine Studie, die aktuell von der Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht wurde, zeigt, dass sie das Sterblichkeitsrisiko für den Patienten sogar erhöhen. Dort wird empfohlen, diese Substanzen auf klinische Studien zu beschränken.

Eine dieser Studien ist "Solidarity" unter der Leitung der WHO, die in Brasilien von der Stiftung Oswaldo Cruz (FioCruz) durchgeführt wird. Die Publikation bestätigt den Verdacht, dass Covid-19-Patienten durch das Medikament Schäden erleiden können. Und genau davor hatten mehrere brasilianische und internationale Wissenschaftler zuvor gewarnt. Trotzdem wurde die Behandlung auf der Basis von Chloroquin in Brasilien vergangene Woche offiziell vorgegeben, auch für leichtere und mittelschwere Fälle in den öffentlichen Krankenhäusern.

Das bedeutet, dass Chloroquin für jedermann verfügbar ist, denn es wird in großem Umfang mit der Unterstützung des Militärs produziert. Wo ist da die Logik? Sie ist in irgendein benachbartes Land geflüchtet, vielleicht Uruguay oder Argentinien, die als Vorbild für den verantwortungsvollen Umgang mit der Pandemie gelten.

Freitags treten unsere Gesundheitsminister zurück, freitags gibt es neue Video-Grausamkeiten

Dass die Logik bei uns schon lange dahin ist, wird besonders an Freitagen sichtbar. Freitags treten unsere häufig wechselnden Gesundheitsminister zurück, freitags bauen sich politische Spannungen auf, und es zeigt sich die fehlende Stabilität der öffentlichen Verwaltung. Letzten Freitag verbrachte das ganze Land die Nacht damit, das Video eines Ministertreffens anzusehen. Die Justiz hatte es mit dem Hinweis, es sei von öffentlichem Interesse, freigegeben. Eine der zahlreichen Grausamkeiten, die das Video enthüllt, ist die Bestätigung, dass Präsident Jair Bolsonaro die Bevölkerung für einen möglichen Bürgerkrieg zwischen seinen Anhängern (der extremen Rechten) und seinen Gegnern (der Linken) bewaffnet. "Ich will, dass alle Waffen haben", sagt er da ganz offen.

In derselben Sitzung schlägt Umweltminister Ricardo Salles vor, die Gunst der Stunde zu nutzen - die Aufmerksamkeit der Menschen sei ja gerade sehr auf die Pandemie gerichtet -, um Beschränkungen zu "vereinfachen", will heißen: zu schwächen, die Regenwälder und historisches Kulturerbe schützen. Der Minister ergänzte, es sei doch wohl nicht nötig, dies im Parlament zu diskutieren.

Dies alles wurde breit in der Presse diskutiert und analysiert. Aber immer noch unterstützen Millionen Brasilianer den Präsidenten und ignorieren die Berichterstattung der Presse. Sie sehen sich nur die "Lives" an, die Bolsonaro immer donnerstags streamt. Sie wissen nur, was in den WhatsApp-Gruppen zirkuliert und in ihren sozialen Netzwerken, die voll sind mit Fake News. Sie sind auf die Ansprachen des Präsidenten fokussiert, so wie auch der aktuelle Gesundheitsminister Eduardo Pazzuelo. Er ist schon der dritte in diesem Amt, nachdem seine zwei Vorgänger kurz nacheinander entlassen wurden. Zuerst war er nur Interimsminister. Er ist kein Mediziner, er hat keine Erfahrung mit Epidemien, aber er wird sich wohl für längere Zeit halten.

Brasiliens Präsident ist viel mehr damit beschäftigt, seinen Posten nicht zu verlieren, als gegen die Pandemie zu kämpfen. Seine Anhänger verteidigen auch seine Strategie der Behandlung von Covid-19 mit Chloroquin. Deshalb werden sie auch die Einverständniserklärung für die Behandlung mit Chloroquin unterschreiben, sollten sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Auch wenn sie über die Risiken dann aufgeklärt würden.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Genau diese Brasilianer sollten aber auch wissen, dass wir uns zurückgezogen haben von der weltweiten Forschung nach einem Impfstoff. Dass wir die Weltmeisterschaft der bestätigten Corona-Fälle gewinnen werden. Und in einigen Wochen werden wir auch die Champions der Todesfälle sein.

Katherine Funke, geboren 1981, ist brasilianische Schriftstellerin und Gründerin des Verlags Micronotas. Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz.

© SZ vom 25.05.2020/cag

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