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Lateinamerika:Eine völlig aus den Fugen geratene Gesellschaft

Doch Machado de Assis war subtil, auch weil er wusste, dass der, der in Brasilien die Wahrheit direkt ausspricht, umgebracht werden kann, und das auch 140 Jahre später noch, auch heute. Selbst ich, der ich männlich, weiß und heterosexuell bin, habe inzwischen Angst, umgebracht zu werden um dessentwillen, was ich sage.

Es ist eine völlig aus den Fugen geratene Gesellschaft, in der ein Präsident, der nicht einmal zum Präsidenten gewählt wurde und jeder Legitimität entbehrt, aus politischen Gründen eine militärische Intervention in Rio de Janeiro durchführen lässt und dabei mehr als alles andere persönliche Interessen verfolgt. In der besagter Präsident und seine Spitzenleute befürchten müssen, sofort verhaftet zu werden, sobald sie ihre Immunität einbüßen. In der Eduardo Cunha, der ehemalige Präsident des Abgeordnetenhauses, schon im Gefängnis sitzt. In der der Präsident und seine Leute nur deshalb nicht hinter Gittern sind, weil sie noch immer Immunität genießen und es keine unabhängige Justiz gibt. In Rio de Janeiro laufen Kinder auch deshalb mit Gewehren auf dem Rücken herum, weil der Ex-Gouverneur in Haft ist, der gegenwärtige Gouverneur sich lediglich ohnmächtig zeigt und ebenfalls aller möglichen Vergehen angeklagt ist, der Präsident der Gesetzgebenden Versammlung einsitzt und der gesamte Rechnungshof verhaftet ist. Und in diesem gesetzesfreien Raum macht sich die Eingreiftruppe breit, die wohl leugnen würde, dass es Räume gibt, die von der Militärpolizei besetzt sind, einer mit nahezu unbegrenzter Macht ausgestatteten Einheit, von der Marielle Franco vor ihrer Hinrichtung sagte, sie töte die Bevölkerung, vor allem die schwarze Bevölkerung der Favelas.

Politik Brasilien Brasiliens Ex-Präsident Lula tritt Haftstrafe an
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Brasiliens Ex-Präsident Lula tritt Haftstrafe an

Zuvor hielt der 72-Jährige noch eine flammende Rede vor seinen Anhängern. Lula war wegen Korruption zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.

Langsam verspürt die Linke wieder ein wenig Lust zum Kämpfen, und eingeschlafene Humanisten wie ich erwachen, während die Anhänger des Reservisten und Hätschelkindes der Ultrarechten, Jair Bolsonaro, mit aller Macht verhindern, dass man den Tod von Marielle Franco beklagt. Seit die Kandidatur von Luís Inácio Lula da Silva verhindert wurde, liegt Bolsonaro in allen Umfragen vorne.

Die Linken spüren die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Faschismus

Bolsonaro hatte lange Monate nach einer Gelegenheitspartei gesucht, bis er endlich die unbedeutende Trittbrettpartei PSL wählte - die neunte seiner Karriere. Er und seine Anhänger attackieren jeden, der seine Trauer über den Verlust von Marielle Franco öffentlich zeigt. Sie habe den Tod verdient, geerntet, was sie gesät habe, weil sie Banditen verteidigte, während sie in Wahrheit nur versuchte, die Menschenrechte zu verteidigen, die in Brasilien immer mehr in Gefahr sind.

Zugleich schließen Agrobusiness und ein Großteil der Unternehmerschaft immer explizitere Vereinbarungen zur Kandidatur Bolsonaros ab - jedenfalls war dies so vor dem Tod von Marielle Franco. Bolsonaro selbst wurde zu Hause von seinen Helfershelfern nahezu ans Bett gefesselt und dringlich ersucht, sich zur Hinrichtung Marielles nicht zu äußern. Und zwar weil alle wissen, was er sagen würde: dasselbe, was seine blutrünstigen Anhänger sagen: "Der Fehler der Diktatur war es zu foltern, statt zu töten." (Jair Bolsonaro, im Streitgespräch mit Demonstranten). "Pinochet hätte mehr Leute umbringen müssen." (Bolsonaro über die Diktatur in Chile.) "Die Militärpolizei hätte 1000 Häftlinge töten müssen, nicht bloß 111" (Bolsonaro über die Niederschlagung des Häftlingsaufstands 1992 in São Paulo, dem Carandiru-Massaker). "Ich wäre unfähig, einen homosexuellen Sohn zu lieben. Mir wäre lieber, dass mein Sohn bei einem Unfall stirbt, als dass er hier mit so einer bärtigen Schwuchtel herumläuft." (Jair Bolsonaro in einem Interview über Homosexualität mit dem Playboy).

Ein Großteil der herrschenden Klasse sowie ein Teil der evangelikalen Reaktion nehmen die Einladung von Bolsonaro zum Tanz an, indem sie die Aggressivität seiner Reden herunterspielen, wie es die Deutschen angesichts der faschistischen Verheißungen in der Weimarer Republik taten. Wir Brasilianer tanzen auf dem Vulkan, getrennt in Rechte und Linke, denn nur die Rechten bestehen darauf, dass es diese Einteilung in links und rechts nicht mehr gibt.

Probleme wie rassische, sexuelle und Gendervorurteile wurden ernsthaft erstmals in der Regierungszeit von Fernando Henrique Cardoso und, mehr noch, unter den Regierungen der PT debattiert. Und dies ist für das weiße Herrenhaus nicht hinnehmbar, das sich auch weiterhin mit Sklaven ohne Wohlfahrtsprogramm für arme Familien versorgen will. Es besteht kein Zweifel daran, dass es diese Art von Denken war, die zum Tod von Marielle Franco beitrug, denn dieselbe Denkweise tötet Marielle Franco täglich neu in den Kommentaren im Internet.

Die Umstände der Verhaftung des ehemaligen Präsidenten Lula zeigen dasselbe Muster. Es gab klar verständliche, wenn auch zweideutige Empfehlungen von Seiten des Armeebefehlshabers, dass diese Verhaftung zu erfolgen und das Oberste Gericht die von Lula verlangte Haftprüfung abzulehnen hätte. In rekordverdächtigen 22 Minuten ordnete der auch bei vielen internationalen Juristen, darunter der ehemaligen deutschen Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, umstrittene Richter Sérgio Moro Lulas Verhaftung an und gab ihm 24 Stunden, um sich den Behörden zu stellen. Lula, dessen Wahlkampfkonvoi bei der Reise durchs Land einige Tage zuvor von Kugeln getroffen worden war - ein Verbrechen, das wie Marielles Tod bislang nicht aufgeklärt wurde -, verbrachte die Nacht im Gewerkschaftsgebäude in São Paulo und sagte dann, dass er auf das Angebot der Selbstauslieferung nicht eingehen wolle, jedoch bereit sei, von der Polizei abgeholt zu werden. Brasilien verkommt mehr und mehr zur sprichwörtlichen Bananenrepublik, die es der Korruption wegen schon immer war.

Seither reißt die gespannte Wachsamkeit derer, die Lula in Curitiba unterstützen, nicht ab. Die Linken, die seit der Hinrichtung Marielle Francos den Kampf wieder aufgenommen haben, befinden sich immer mehr im Kriegszustand, und die Humanisten, die, wie ich, erwacht sind, erst recht, denn sie spüren die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Faschismus, der in den virtuellen Foren von den hasserfüllten Anhängern Bolsonaros und anderen weiterhin gepredigt wird.

Marcelo Backes, 1973 in Campina das Missões, Brasilien, geboren, lebt als Autor und Übersetzer in Rio de Janeiro. Deutsch von Markus Sahr

© SZ vom 14.04.2018/doer
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