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Serie "Welt im Fieber": Brasilien:Als rasten wir auf den Abgrund zu

In Brasilien hat Jair Bolsonaro die Fitnessstudios und Schönheitssalons für systemrelevant erklärt - und der Gesundheitsminister tritt nach 29 Tagen im Amt zurück.

Am Montag den 18. Mai sind es zwei Monate, die ich im Haus geblieben bin und meine Mutter hat Geburtstag. Ich würde sie gern mit einem schönen Artikel, voll mit wunderbaren Nachrichten beschenken. Aber ich muss ein anderes Geschenk finden, denn an guten Nachrichten fällt mir heute nur eine einzige ein: Die Welt dreht sich noch. Allerdings kommt es einem manchmal so vor, als drehte sich Brasilien nicht mit ihr. Viele Menschen fühlen sich hier, als sei die Erde doch eine Scheibe und wir rasten auf den Abgrund zu.

Brasilien beklagt nun schon 15 000 Tote durch Covid-19. Fast 900 Todesfälle pro Tag. Santa Catarina, wo ich wohne, gehört zu den weniger betroffenen Regionen. Am schlimmsten trifft es den Norden, etwa im Bundesstaat Amazonien, gefolgt vom Südosten, vor allem in den großen Metropolen São Paulo und Rio de Janeiro. Der Pandemie folgen Nachrichten von der Schwächung föderaler Strukturen Brasiliens, die den Schutz des Amazonasgebietes und des Atlantischen Regenwaldes überwachen. Schon warnen Experten, dass die Wildtiere den Städten immer näher kommen und die nächste Pandemie von Brasilien ausgehen könnte.

Den vergangenen Freitag verbrachte Jair Bolsonaro damit, einen neuen Gesundheitsminister zu suchen. Nach nur 29 Tagen kündigte der zweite Gesundheitsminister innerhalb eines Monats seinen Rücktritt an, fünf Tage zuvor erfuhr Nelson Teich durch ein Journalistenkollektiv, dass Präsident Bolsonaro Schönheitssalons und Fitnessstudios als systemrelevant erklärt hatte. Der Präsident hatte entschieden, die Öffnung von Friseursalons und Fitnessstudios zu erlauben, ohne seinen Gesundheitsminister zu konsultieren. Überrascht von der neuen Verordnung antwortete Teich vor Journalisten, er habe von nichts gewusst.

Zwei Tage später reiste Teichs Kollegin Damares Alves, die Ministerin für Frauen, Familie und Menschenrechte nach Floriano im Norden Brasiliens. Dort besuchte sie eine Klinik, wo die neue Therapie einer brasilianischen Ärztin erprobt wird. Auch in São Paulo gibt es ein Pilotprojekt. Eine Therapie mit dem Blutverdünner Heparin. Es gibt also Grund, auf die medizinische Forschung in Brasilien stolz zu sein. Ob man die Erfolge in dieser Klinik in Piauí ein "Wunder" nennen kann, wie es Damares auf ihrem Rückflug nach Brasília tat, weiß ich nicht. Doch werden Wissenschaftler über diesen Weg sicherlich international diskutieren. Das hoffe ich zumindest. Auch die Erde dreht sich ja immer noch, alles ist möglich.

Katherine Funke, geboren 1981 im brasilianischen Joinville, ist Schriftstellerin und Gründerin des Verlags Micronotas. Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz

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SZ vom 18.05.2020/khil/cat
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