Brandschäden in Olympia Marmor brennt nicht, er wird zu Kalk

Der Archäologe Ulrich Sinn berichtet vom Ausmaß der Schäden in den antiken Stätten von Olympia. Und er sagt, wen man in der Antike wohl zuerst gerettet hätte: Menschen oder Tempel?

Interview von Johan Schloemann

Die Brandkatastrophe in Griechenland hat auch das Heiligtum von Olympia erreicht. Es ist der Ort der antiken Olympischen Spiele und des Zeus-Tempels, dessen Kultstatue zu den Sieben Weltwundern gehörte. Die berühmten Giebelskulpturen des Tempels werden im Museum auf demselben Gelände aufbewahrt.

Dichter Rauch liegt über einem Hügel bei den antiken Stätten von Olympia.

(Foto: Foto: AFP)

Der Würzburger Archäologe Ulrich Sinn gilt als einer der besten Kenner Olympias. Er war an den Olympiagrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts beteiligt und hat dort zuletzt bis Anfang Juni ein Projekt betreut. Er berichtet über das Ausmaß der Schäden und die Brandgefahr für antike Stätten.

SZ: Was wissen Sie über den Zustand der Ausgrabungsstätte in Olympia?

Ulrich Sinn: Nach dem Bericht des Vorarbeiters der deutschen Archäologen, den ich erreichen konnte, ist das Museum von Olympia weitestgehend unversehrt geblieben. Die Flammen sind bis an das Gebäude gelangt. Es gibt außen leichtere Schäden, aber nicht an den Exponaten. Das Grabungsareal ist ebenfalls beinahe unbeschädigt.

Allerdings ist das Feuer im Südosten des Geländes, also südlich des berühmten Stadions, eingedrungen und hat unter anderem ein Depot der Archäologen erfasst, in dem Steinfragmente gelagert waren. Man wird in nächster Zeit sehen, was dort genau in Mitleidenschaft gezogen wurde.

SZ: Was geschieht denn mit diesen alten Steinen, wenn sie großer Hitze ausgesetzt sind? Kann Marmor, aus dem etwa die Reste des großen Zeus-Tempels bestehen, brennen?

Sinn: Marmor kann nicht brennen, aber verbrennen - daraus wird schlicht und einfach Kalk. In der Spätantike hat man ja gezielt den Marmor der klassischen Bauten verbrannt, um neues Baumaterial zu gewinnen - etwa zum Verputzen und Tünchen der Häuser. An einigen Grabungsstätten, auch in Olympia, sind entsprechende Kalköfen aus der Spätantike gefunden worden.

SZ: Das heißt: Wenn das Feuer nähergekommen wäre, wären die Tempel von Olympia zu Kalkmasse geworden?

Sinn: Ja. Man konnte das gut am Hera-Heiligtum auf der Insel Samos beobachten. Dort haben wir vor einigen Jahren einen Wald- und Buschbrand erlebt, von dem das Fundament des großen Hera-Tempels betroffen wurde. Bei der Gelegenheit war zu sehen, wie ein schnelles Buschfeuer die Marmoroberfläche rasch bröselig und pulverig macht.

Das war ein unfreiwilliges archäologisches Experiment, und die Beobachtung führte auf Samos dazu, dass man die Baugeschichte revidieren musste. Die alte Theorie besagte, dass der in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Christus errichtete Vorgängerbau durch Feuer zerstört worden sein müsse, weil der Tempel kurz danach neu gebaut wurde. Doch das kann nicht stimmen, weil die verbauten Marmorteile des alten Tempels eine wunderbar glatte Oberfläche haben.

SZ: Wenn gleichzeitig die Dörfer und, wie in Olympia, das Weltkulturerbe von den Flammen bedroht sind, dann möchte man ungern eine Priorität schaffen - im Sinne von: erst die Tempel, dann die Menschen. Wie hätte man das in der Antike gesehen, besonders als die Tempel in der Frühzeit noch nicht aus Stein, sondern aus Holz waren und deshalb vom Feuer besonders gefährdet?

Sinn: Auch die Menschen der Antike wären gewiss unglücklich darüber gewesen, zwischen Menschenleben und Gotteshäusern entscheiden zu müssen - sieht man einmal ab vom berüchtigten Feuerteufel Herostrat, der den berühmten Artemis-Tempel von Ephesus in Brand setzte, nur um mit seinem Namen in die Geschichte einzugehen. Der ebenfalls überregional verehrte Hera-Tempel in Argos auf der Peloponnes ist einmal durch die Unachtsamkeit der Priesterin verbrannt, die eine nachts brennende Öllampe nicht ordnungsgemäß bewacht hatte.

Das sah man als sehr großes Sakrileg an - die Priesterin ist vor ihrer Bestrafung geflohen. An solchen Berichten können wir ermessen, wie der Verlust eines Tempels, also eines Gottesbesitzes, damals eingeordnet wurde. Die Norm hätte also wohl damals den Menschen tatsächlich abverlangt, erst den Besitz der Götter zu retten und dann den Besitz der Sterblichen.

SZ: Olympia wurde von Deutschen ausgegraben und wird heute noch von deutschen Archäologen erforscht. Bedeutet das auch eine besondere Verantwortung für die Sicherheit der Stätten?

Sinn: Heute sind alle Objekte, die durch Grabungen ans Tageslicht kommen, sofort griechischer Besitz und damit auch in griechischer Verantwortung. Die Ausgräber haben noch Zugang zu den Funden, solange es für die wissenschaftliche Aufarbeitung notwendig ist.

Theoretisch sind die örtlichen Behörden auch für die denkmalpflegerische Erhaltung zuständig, aber in der Praxis müssen die ausgrabenden Archäologen heute auch ein Konzept haben, wie die Funde am Ort dauerhaft zu sichern sind. Für den Feuerschutz jedoch sind ausschließlich die Griechen selbst zuständig.

SZ: Ist dieser Feuerschutz in Olympia versäumt worden?

Sinn: Nein. Rund um das Areal wurden Wasserleitungen für Sprenkler gelegt, auch das Museum ist ähnlich gesichert. Bei derartigen Feuerstürmen allerdings, wie sie gerade zu erleben sind, hätten auch diese Maßnahmen machtlos sein können.

Ich habe als Archäologe manche Wald- und Buschfeuer erlebt - erst dann hat man eine Vorstellung davon, wie die Pinienzapfen explodieren und als kleine brennende Kanonenkugeln weit in die Luft katapultiert werden. Wenn das Feuer ein wenig nähergekommen wäre, hätte diese historische Stätte der Menschheit massive Zerstörungen erfahren.