Braindrain in der Türkei:"Wenn die Regierung einen nicht kriegt, versucht sie, Familienmitglieder zu finden"

Bektaş Aktar war in der Türkei ein angesehener Universitätsprofessor, bevor er sich gezwungen sah, nach Europa zu fliehen.

Die türkische Regierung hält mich für einen Terroristen. Würde ich morgen in die Türkei zurückkehren, würde ich umgehend angeklagt. Ich war ein angesehener Professor in der Türkei und musste umgehend nach dem Putschversuch fliehen. Ein Freund rief mich in der Nacht noch an und riet mir, dringlich dazu, das Land zu verlassen. Alles musste ganz schnell gehen - innerhalb von 16 Stunden mussten meine Frau, meine Kinder und ich abreisen.

Der Regierung war ich schon länger ein Dorn im Auge. In den zweieinhalb Jahren vor dem Putschversuch wurde ich zu keiner akademischen Veranstaltung eingeladen. Meine Kontakte zu Akademikern und Ministern im Ausland scheinen der Regierung nicht gefallen zu haben. Das passt einem autoritären Regime nicht, das alles in der Türkei monopolisieren will.

Die Tatsache, für die Regierung ein Terrorist zu sein, muss man erst mal verdauen. Auch die plötzliche Flucht macht meiner Familie und mir zu schaffen. Unsere Bücher, Schmuck, Erinnerungsstücke - das alles ließen wir zurück.

An der europäischen Universität, an der ich gerade aufgenommen wurde, verdiene ich bei Weitem nicht so viel wie früher und das Niveau meiner Arbeit ist auch niedriger. Aber immerhin habe ich einen Job. Und meine Familie und ich sind sicher.

Meinen Verwandten in der Türkei bringt das wenig. Wenn die Regierung einen selbst nicht kriegt, versucht sie, Familienangehörige zu finden. Nun sitzen einige meiner Angehörigen im Gefängnis, natürlich ohne offizielle Begründung. Zu Leuten in meiner Heimat habe ich kaum mehr Kontakt. Im vergangenen Jahr, seit ich die Türkei verlassen habe, haben mich nur drei Menschen von dort angerufen. Aber ich kann ihnen keinen Vorwurf machen, schließlich haben sie Angst um ihre Sicherheit.

Das, was gerade in der Türkei passiert, ist eine perfekte Illusion. Die Menschen glauben einfach, was Erdoğan sagt, sie skandieren rassistische Slogans und feiern den Präsidenten, wenn er die Todesstrafe wiedereinführen will. Man kann aber nicht der Regierung allein die Schuld geben. Millionen unterstützen gerade ein korruptes und diktatorisches System. Menschen verraten gerade ihre Nachbarn, sogar ihre Freunde an das Regime. Mit so einem Land kann ich mich nicht mehr identifizieren. Wenn sich die Leute nicht bald fragen, wen sie da unterstützen, dann möchte ich meine Kinder nicht mehr in dieses Land zurückbringen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: