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Brad Pitt in Venedig:Psychoanalyse im Weltall

„Ich ziehe einen gewissen Stolz daraus, nicht mehr so reaktiv zu sein“, erzählt Brad Pitt bei der Premiere.

(Foto: Verleih)

Brad Pitt stellt beim Filmfestival in Venedig seinen Science-Fiction-Blockbuster "Ad Astra" vor und verteilt beim Treffen ein paar Hollywoodstar-Weisheiten übers Älterwerden.

Dieses Gefühl, etwas verstehen zu wollen, geht es nicht eigentlich darum? Die Suche danach kann an die seltsamsten Orte führen. Diesmal ging es durch die endlosen, pseudobyzantinischen Gänge des großen, alten Strandhotels Excelsior, in einen Raum mit ein paar Journalisten aus aller Welt. Dann eine lange Wartezeit, im Fenster ein Stück blauer Himmel und der auch sehr blaue Golf von Venedig. Und dann saß da plötzlich Brad Pitt und strahlte dieses Gefühl aus, vollständig mit sich selbst im Reinen zu sein. Was immer stark ist, wenn man das in einem Menschen spürt, aber dann noch kombiniert mit der Präsenz von Brad Pitt, kann man sich das ungefähr vorstellen?

Egal, wie auch immer, jedenfalls spricht er plötzlich über das Älterwerden. Das eben entweder nur den eigenen egomanen Irrsinn verschärft oder aber doch zwangsläufig zu mehr Weisheit führt. Und dass er nun, in dieser Phase seines Lebens, ungefähr so zu sein versuche wie der Stuntman Cliff, den er gerade in Quentin Tarantinos Film "Once Upon A Time in Hollywood" spielt. "Ich ziehe einen gewissen Stolz daraus, nicht mehr so ... reaktiv zu sein. Zu akzeptieren, was meines Weges kommt. Und zu wissen, dass Gott ... oder der Geist ... oder das Universum, wie auch immer du es nennen willst, nicht gegen dich ist. Dass alles eine Gelegenheit ist, größer zu werden."

Warum wirkt das in diesem Fall plötzlich anders als die üblichen Selbsthilfesprüche der Stars? Warum spürt man, dass da mehr dahinter sein könnte? Zunächst kann man das Gefühl noch nicht recht eingrenzen - und doch beginnt man sofort, die Filme des Festivalbeginns in Venedig anders zu sehen. Allen voran natürlich "Ad Astra" von James Gray, in dem Brad Bitt selbst die Hauptrolle spielt. Gray macht sehr persönliche Filme, oft düsterer Natur, aber die ganz große Hollywoodmaschine stand ihm bisher nicht zur Verfügung.

Der Vater ist während einer Nasa-Mission verschollen, der Sohn reist ihm hinterher

Hier ist das nun anders, Brad Pitt hat "Ad Astra" mit seiner Produktionsfirma auf die Skala der großen Weltraum-Epen hochgepusht. Die Bilder von Weltraumspaziergängen, Mond-, Mars- und schließlich Neptunflügen brauchen den Vergleich mit Filmen wie "Interstellar" oder "Gravity" nicht zu scheuen. Manchmal streifen die Szenen sogar die Grenze zum Actionfilm, wenn etwa zwei Weltraumfahrzeuge auf den Staubpisten des Mondes unterwegs sind und von feindlichen Vehikeln angegriffen werden. Warum allerdings der Mond ein Kriegsgebiet à la "Mad Max" geworden ist, damit will sich James Gray nicht wirklich aufhalten - denn eigentlich ist dies eine sehr intime Vater-Sohn-Geschichte.

Clifford McBride (Tommy Lee Jones) war in dieser nahen Zukunft der berühmteste Astronaut der Nasa, bis seine Mission auf der Suche nach extraterrestrischem Leben in der Nähe des Neptuns verschollen ging. Zwanzig Jahren später ist sein Sohn Roy (Brad Pitt) ebenfalls Astronaut, ein Muster an Effizienz, Pflichterfüllung und perfektem Ruhepuls, aber unfähig zu wirklichen emotionalen Bindungen, etwa zu seiner Frau.

Vieles spielt nun in Roys Kopf, in seinen Gedanken, als er erfährt, dass sein Vater da draußen vielleicht noch am Leben ist, und inzwischen verrückt sein könnte, und dass jemand nachschauen muss, was mit ihm los ist.

Das ist nun explizit als mythische Reise angelegt, jener Art, wie Joseph Campbell sie über alle Kulturen hinweg untersucht hat, und diese Reise führt immer zum Vater zurück. Es wird also sehr freudianisch im All, es müssen noch Dinge geklärt und losgelassen werden - und im Sinn von Brad Pitts neuem Koordinationssystem offenbart sich, was Roy noch lernen muss. Seine Unbeirrbarkeit erscheint hier als Stärke, die allein die Mission zu Ende bringt, aber er muss schon bis zum Neptun fliegen, um zu begreifen, dass er sein Inneres dabei viel zu wenig gezeigt hat.

Eine Unbeirrbarkeit ganz ähnlicher Art gibt es in "The Perfect Candidate", von Haifaa Al-Mansour. Im Jahr 2012 war sie die erste Frau, die je in Saudi-Arabien einen Film gedreht hat, "Das Mädchen Wadjda". Ihre neue Heldin Maryam (Mila Al Zahrani) ist Ärztin, fährt selbst Auto und kandidiert gegen viele Widerstände für den Gemeinderat. Man spürt eine schöne Solidarität in diesem Film, unter den Frauen, aber auch von ein paar Männern, einen frohen Glauben an die Zukunft. Dass vieles noch wie Wunschdenken wirkt, mag man Al-Mansour gar nicht ankreiden, genauso funktioniert auch das Mainstream-Kino, und hier sind die Motive ja wenigstens nobel. Nur spürt man eben hinter allem noch größere, härtere Fragen, zu denen es eines Tages vorzustoßen gilt.

Während alle hysterisch zappeln und aufs Universum schimpfen, probiert Pitt es mit Gelassenheit

Viel zu reaktiv, um bei Brad Pitts schönem Begriff zu bleiben, geht es dagegen in Noah Baumbachs "Marriage Story" zu, der ersten Netflix-Produktion im diesjährigen Venedig-Wettbewerb, wo Streamingdienste inzwischen schon wie Teil des Kino-Alltags betrachtet werden. Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) waren ein rechtes New Yorker Traumpaar mit achtjährigem Sohn, er der Kopf einer unabhängigen Theatertruppe, sie seine Muse und sein Star. Am Anfang schreiben sie auf Geheiß ihres Therapeuten Dinge auf, die sie aneinander mögen, und man freut sich schon auf die bergmanneske Aufarbeitung einer großen Liebe - und ihres vielleicht unausweichlichen Scheiterns.

Stattdessen treten dann aber nach zehn Minuten die Scheidungsanwälte auf und übernehmen nicht nur das Leben der Protagonisten, sondern auch den ganzen Film. Das sind zwar tolle Figuren, gespielt von Laura Dern, Alan Alda und Ray Liotta, aber ihr Treiben ist in keiner Weise erkenntnisstiftend, und die eigentlichen großen Beziehungsfragen, auf die man gehofft hatte, kommen zu kurz. Wer's noch nicht wusste, kann hier lernen, dass es ohne Anwälte immer tausend Mal besser geht, besonders in Amerika, mehr aber auch nicht. Und das ist schade für einen Regisseur, dem schon ganz andere Vorstöße ins Innere seiner Figuren geglückt sind.

Zurück noch einmal ins Hotel Excelsior, zurück in den Raum mit dem Golf von Venedig im Fenster, zurück zu Brad Pitt. Warum wirkt der so sehr mit sich im Reinen? Natürlich sei er "der Typ, der in der Lotterie gewonnen hat", will sagen in Sachen Geld und Ruhm, aber er sei eben auch noch der Junge aus den Ozark-Wäldern, der eines Tages ins Unbekannte aufbrach, nach L.A. und New York, und 23 war, als er zum ersten Mal in einem Flugzeug saß. Und dann erzählt er völlig nebenbei, was die griechischen Stoiker ihm inzwischen bedeuten, die antiken Philosophen. "Es ist überwältigend, wie sehr sie ihrer Zeit voraus waren. Oder aber, wie wenig wir in den letzten zweitausend Jahren gelernt haben. Praktisch nichts."

Und auf einmal ist er da, der Moment der Erkenntnis. Davor war es nur ein nagendes Gefühl im Tarantino-Film, und jetzt noch verschärft in "Ad Astra": Brad Pitt ist der Mann der Stunde. An Frauen der Stunde mangelt es ja nicht, aber öffentliche Männer jeder Art sind entweder egomane Irre oder offensichtlich hilflos oder vollständig abgetaucht. Nur Brad Pitt, der ist noch da. Er strahlt etwas aus, das Hoffnung macht.

Und plötzlich versteht man, warum. Weil eben die Welt im Großen und Ganzen gerade viel zu reaktiv ist. Viel zu hysterisch und aktionistisch und sauer auf das komplette Universum, das es immer nur böse meint. Und nein, Brad Pitt, der offenbar existenziell erfolgreich darin ist, die Stoiker zu lesen und dann wirklich ein bisschen ruhiger, akzeptierender, freundlicher und größer zu werden, ist nicht über Nacht zum Giganten geworden. Er wächst nur jeden Tag ein kleines bisschen, während alles sonst schrumpft, immer schneller, in Richtung der totalen Verzwergung.