BR-Symphoniker spielen Dvořák, Liszt und Nielsen:Besser wird's nicht

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Yuja Wang bei den Proben mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. (Foto: Astrid Ackermann/BRSO)

Die großartige Pianistin Yuja Wang gastiert beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks - und rettet den Abend.

Von Helmut Mauró

Weckt die Euphorie über den gelungenen Interims-Konzertbau zu hohe Erwartungen an die Darbietungen? An diesem teils enttäuschenden Abend mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Antonio Pappano und mit Werken von Dvořák, Liszt und Nielsen konnte man diesen Eindruck gewinnen. Zum Teil mag es daran gelegen haben, dass sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks noch nicht wirklich mit dem kompakten und hellhörigen Konzertsaal der Isarphilharmonie angefreundet hat. Zum anderen forcierte der Dirigent Antonio Pappano die Tendenz des Orchesters, mit groben Effekten eine eher oberflächliche Schwarz-Weiß-Dramatik herzustellen, die nichts mit der barocken Chiaroscuro-Dramatik zu tun hat, als wirklich gestaltete Höhepunkte zu erreichen. Spätestens wenn diese vorgetäuschten Höhepunkte verpufften, merkte man im anschließenden dürren, blutleeren Decrescendo, welchen musikalischen Totgeburten man hier beiwohnte. Das zeigte sich schon im Eröffnungsstück, Antonin Dvořáks Othello-Ouvertüre, die Pappano in Schwerstarbeitermotorik in Gang zu setzen suchte, mit kräftigen, ruckartigen Bewegungen, die ihn selber aber weit mehr durchschüttelten als all jene Hörer, denen es an Empathie mangelte, in diese muntere Form der Autosuggestion einzustimmen.

An diesem Abend gab es vor allem laut und leise

Wenn man daran dachte, wie wirkungsvoll und fein konstruiert gerade Dvořák diese Decrescendi, das allmähliche Abebben, gestaltet, wie er aus einer Melodie im Untergehen noch das letzte Quäntchen an Strahlkraft und Dramatik herauskitzelt, dann musste man von dieser Darbietung enttäuscht sein. An diesem Abend gab es für Dvořák vor allem laut und leise, und das Leise war auch nur ein heruntergedimmtes, gehemmtes Forte, kein glückserfüllter, melodiös ausgelebter Entspannungsmoment. Das schwingend Melodische zerfiel in Bruchwerk, oft dominierte Blechlärm, vom naturromantischen Zauber Dvořáks blieb eigentlich nichts.

Und so wirkte auch die Pianistin Yuja Wang in Franz Liszts Erstem Klavierkonzert zunächst lustig-krachert, auch die eingängigsten melodischen Phrasen kamen etwas polternd und ohne inneren Zusammenhang. Allerdings mit ungeheurer Spielfreude vorgetragen und mit Lust, kraftvoll zuzupacken. Ist Liszts Es-Dur-Konzert ein Werk musikalischer Travestie? Denn Yuja Wang beherrscht auch das leichte Spiel, die glitzernde Oberfläche, die fein perlende Kaskade. Die ganz besonders. Wie fein austarierte Wasserfälle in einem Barockgarten fließen ihre Skalen und Akkordbrechungen. Nur schneller. Yuja Wang verfügt über eine bewundernswert souveräne Fingertechnik. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis man merkte: Hoppla, die tut nur so, als kooperiere sie ästhetisch mit den BR-Symphonikern und dem etwas weniger präzisen Dirigenten Pappano. In Wahrheit verfolgt sie, mit nahezu subversiver Ironie, ganz andere Pläne. Eines jedenfalls scheint ihr fremd zu sein: das Dunkle, Dämonische, das durch alle moderne Klangkonstruktion hindurchwirkende Romantische.

Sie stößt nie wirklich vor in Liszts Dramatik weit gespreizter Akkordstrukturen, nie wird es bedrohlich, fremd, düster - alles bleibt freundlich. Die Welt ist wunderbar, besser wird's nicht. Das hat etwas furchtbar Pragmatisches, was sich auch ganz konkret in Wangs Spiel niederschlägt. Vor allem in einem variablen metrischen Grundgerüst, das dem der BR-Symphoniker hin und wieder entgegen stand. Aber immer, wenn man das Bedürfnis verspürte, Liszt vor diesem ästhetischen Pragmatismus zu retten, donnerte Yuja Wang alle Bedenken freudestrahlend hinweg. Was soll man machen, da gilt es, seine Vorstellungen für einen Tag zu vergessen und rechtzeitig zu kapitulieren. Am Ende hat sie - eine großartige Pianistin - ja doch den Abend gerettet.

Man unterschätzt sie leicht, denn ihr Auftreten, und das betrifft bei Weitem nicht nur Kleidung, ist kokett und wäre noch vor 40 Jahren ein Skandal gewesen. In China allemal, aber auch in Europa und Amerika. Heute erlebt man vermehrt Künstler, auch aus dem asiatischen Raum, in spielerischer Exzentrik, einem neuen Selbstbewusstsein zumal. Und Yuja Wang, die neben Lang Lang erfolgreichste Pianistin Chinas - beide studierten und leben in den USA -, hat zu dieser neuen Freiheit im Auftreten sicherlich viel beigetragen. Der Kunst tut das gut. Die Zeiten mechanistisch gedrillter Tastenroboter ohne musikalisches Verständnis ist vielleicht noch nicht ganz vorbei, aber die gängigen Vorurteile dieser Art, die noch immer in der Klassikwelt herumgeistern, darf man allmählich über Bord werfen.

Auf sich allein gestellt fehlte dem Orchester der Zugang

Wo, das gab es auch einmal in Europa, Millionen Kinder Klavierspielen lernen, kommen hin und wieder, egal unter welchen pädagogischen Bedingungen, auch mal Hochbegabungen ans Licht. Und eines hat dieser Abend ja auch gezeigt: Es gibt kein nationales Monopol auf musikalisches Verständnis. Das kommt auch in den besten Orchesterfamilien vor. Ist dann nur nicht ganz so lustig, sondern eher bräsig ermüdend. Und genauso kam es nach der Pause, als das Orchester für die große Vierte Symphonie des dänischen Spätromantikers und Avantgardisten Carl Nielsen wieder ganz auf sich gestellt war. Es fand keinen rechten Zugang zu diesem Weg in die Moderne, der, ähnlich wie die Klangwelt Paul Hindemiths, seit Adornos Diktum, als minderwertig gilt gegenüber der seriellen Musik. Dirigent Pappano konnte da offenbar auch nicht weiterhelfen, und der Versuch, das lebendige Klangchaos als hintergründig geordnete Verhältnisse zu präsentieren, misslang. Gott sei Dank.

Sonst müsste man Nielsen für einen schlechten Komponisten halten. Es klang alles recht unausgewogen pompös, im Blech gerne auch mal mit zwei "ö". Allerdings: Der kontrapunktische Abschnitt gelang bravourös, da funktionierte das Konzept, und die Schlussapotheose, ja, die darf auch ein wenig scheppern. Doch dafür sollte man der akustischen Hygiene zuliebe in diesem Saal nicht ganz so dick auftragen. Was man an diesem Orchester immer bewundern kann, ist die makellose Präzision, die unbedingte Zuverlässigkeit handwerklichen Könnens auf Höchstniveau. Also die allerbeste Voraussetzung für große Musik. Das vergaß man beinahe an diesem Abend.

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