BR setzt Reportage ab Wie im Privatfernsehen

Der Bayerische Rundfunk setzt eine Reportage zum Fall "Shanti" ab und holt sich eine Posse ins Haus. Die Streitkultur des öffentlich-rechtlichen Senders erscheint beschädigt.

Von Claudia Tieschky

Aktuelle Stoffe sind begehrte Ware im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. So eine Story hatte der Bayerische Rundfunk (BR), doch er nahm die für 8. Juli geplante Reportage "Das Doppelleben des Sektengurus Shanti" kurz vor Ausstrahlung aus dem Programm, dafür spielt sich jetzt eine Posse ab.

Sektenguru Ulrich Schulz, alias Oliver Shanti: Eine Reportage über ihn löste nun einen Streit beim Bayerischen Rundfunk aus.

(Foto: Foto: BKA)

Filmautor ist der pensionierte BR-Redakteur Klaus Wiendl, 28 Jahre beim Magazin "Report München" und auch bei Stern und Süddeutscher Zeitung im Geschäft, seit Ende Juni der jahrelang als mutmaßlicher Kinderschänder gesuchte Esoterik-Guru Ulrich Schulz alias "Shanti" in Portugal gefasst wurde.

Wiendl, 65, hatte zu dem Fall 2005 einen BR-Film gefertigt. Aus diesem Material mit zwei neuen Minuten besteht sein vorgelegtes Werk.

Viel Zank

Um den 30-Minuten-Beitrag zanken nun viele mit vielen Motiven. Der Bayerische Journalisten-Verband BJV mutmaßt vorschnelles Nachgeben des BR gegenüber Interessen der Münchner Staatsanwaltschaft, mindestens aber ein Problem der "inneren Rundfunkfreiheit" (BJV-Geschäftsführerin Frauke Ancker).

Die Rechtsanwältin zweier Nebenkläger, Ricarda Lang, die für den Film befragt wurde, beschied dem BR-Intendanten Thomas Gruber schriftlich, dass immerhin Spiegel TV ein Interview mit ihr bringe und dass sie nun "froh über die Existenz von Privatsendern sei".

Lang wirkte einmal bei Sat1 in Richter Alexander Hold. Der BR verteidigt die Absetzung mit angeblich "ungeklärten relevanten Persönlichkeitsrechten" im Material von 2005.

Wiendl: "Es gab nie juristische Probleme"

Wiendl sagt: "Es gab mit dem Beitrag nie juristische Probleme." BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb lässt ausrichten, die Vorwürfe seien absurd, "die Arbeit der Staatsanwaltschaft München war zu keinem Zeitpunkt ein Thema". Und er sei "sehr zornig".

Das alles wirkt wie ein toller Fall des Richters Hold vom Privatfernsehen. BR-Jurist Ernst Testroet hält indes schon das Wiendl-Werk von 2005 für waghalsig.

Mit Blick auf das Persönlichkeitsrecht des Gurus seien darin vorgebrachte Missbrauchs-Anschuldigungen aus der Zeit vor 1999 riskant, so Testroet, "Shanti" hätte den BR belangen können, war aber außer Landes. Heute sitzt er in München in U-Haft und braucht vielleicht Geld.

Sicher ist, in dem Beitrag ging es auch um ein gerade erst bekannt gewordenes, bereits 1999 eingestelltes Ermittlungsverfahren gegen "Shanti".

Dialog "massiv verweigert"

Wiendl hatte früh davon erfahren und die Sache in den Beitrag eingebaut. Das war offenbar als Clou gedacht. Im Sinne des Persönlichkeitsrechts von Schulz mache aber gerade das ergebnislose Verfahren bei der Staatsanwaltschaft München I mit End-Entscheidung von Juli 1999 die Wiedergabe von Anschuldigungen aus der Zeit davor noch angreifbarer, so Jurist Testroet.

Möglich seien Vorwürfe im Rahmen der Verdachtsberichterstattung: "Der aktuelle Sachverhalt hätte einen Fernsehbeitrag unter dem Gesichtspunkt der Verdachtsberichterstattung konkret ermöglicht, wurde aber in dem Beitrag Stand Montag überhaupt nicht erwähnt".

Nach Mitteilung der Einwände, heißt es vom BR, habe Wiendl den Dialog "massiv verweigert" und auf Ausstrahlung der vorliegenden Fassung am 8. Juli bestanden. Es sei ungewöhnlich, sagt Testroet, "dass ein Mitarbeiter den juristischen Rat einfach in den Wind schlägt."

Journalistenverband erinnert an Dienstanweisung von 1971

Die BJV-Chefin Ancker vertritt dem Fall gegenüber dem BR und ihr geht es als Funktionärin - auch das gehört zu den Kampflinien - nicht zuletzt um Einhaltung einer Dienstanweisung von Oktober 1971, die im BR quasi die Rolle eines Redaktionsstatuts einnehme.

So ist bei wesentlichen Eingriffen in Beiträge oder Absetzung Einvernehmen mit den Autoren herzustellen. Nach Angaben des BJV habe niemand im Sender versucht, Wiendl die Absetzung inhaltlich zu begründen oder mit seinem Einverständnis den Beitrag zu ändern. Auch darüber streiten Sender und Senior-Reporter.

Am Donnerstagnachmittag wollten sich Wiendl, Ancker, Gottlieb und Testroet zu einem Gespräch treffen und womöglich ging es da ein klein wenig zu wie im Privatfernsehen.