Bildband "Boxing":Legenden im Blitzlicht

Lesezeit: 3 min

Bildband "Boxing", Taschen-Verlag

Zu Muhammad Alis Zeiten war der Ringboden noch unversehrt von Werbung für einen Schnaps, einen Energy-Drink oder ein Casino.

(Foto: Neil Leifer/Authentic Brands Group/Taschen)

Der Fotograf Neil Leifer hat mit seinen Aufnahmen das Boxen zu Kunst überhöht. Aber heute ist das nicht mehr so einfach wie zu Zeiten Muhammad Alis.

Von David Pfeifer

Boxen muss eigentlich unmittelbar und live erlebt werden, es ist eine Gegenwartskunst, über Jahrzehnte hinweg die populärste der "Martial Arts". Millionen Menschen versammelten sich wie zur Andacht vor Radios und Fernsehgeräten. In Deutschland stellten die Fans sich den Wecker, so wie sonst vielleicht noch für die Mondlandung oder Elvis' "Aloha from Hawaii". Der US-Fotograf Neil Leifer, 77, hat das Glück, seit 60 Jahre direkt dabei sein zu können, Ringside, wie die US-Amerikaner sagen, noch vor der ersten Reihe in der Gasse der Betreuer. In dem Prachtband "Boxing" werden nun die besten Momente versammelt, die Leifer der Geschichte entreißen konnte - beim "Thrilla in Manila" oder beim "Rumble in the Jungle".

Wie alte Hollywood-Motive wirken die meisten seiner Aufnahmen heute, Muhammad Ali, George Foreman oder Joe Frazier, von schräg unten aufgenommen, im Scheinwerferlicht, herausmodelliert aus der dunklen Tiefe des Raums. Am Ring saßen Elizabeth Taylor und Sammy Davis Jr., Mia Farrow und Woody Allen. Frank Sinatra ließ sich als Reporter akkreditieren, um einen dieser Kämpfe live zu sehen, der sogar für ihn ausverkauft war. Unten also saßen die Stars und blickten hoch zu den Königen, die im Ring tanzten.

Neil Leifer sind einige Aufnahmen gelungen, die zu Motiven der Popkultur wurden. Er drückte in dem Moment ab, als Muhammad Ali über Sonny Liston thronte und "Get up and fight, sucker" brüllte. Solche Aufnahmen sind häufig Glückssache. Aber das Glück kommt zu den Tüchtigen. Leifers bekanntestes Bild zeigt einen Boxring von oben und die ersten paar Reihen drumherum. Ein weißes Quadrat, zwei Boxer darin, Muhammad Ali, der die Fäuste siegreich in den Himmel reckt, und Cleveland Williams, der flach auf dem Rücken liegt. Auch er hebt die Hände nach oben, allerdings wie um zu kapitulieren, nachdem er bereits k.o. gegangen ist.

Bildband "Boxing", Taschen-Verlag

Muhammad Ali und Cleveland Williams.

(Foto: Authentic Brands Group)

Betrachtet man das Bild eine Weile, erkennt man, was seine Qualität ausmacht: die Leere. Der Ringboden, noch unversehrt von Werbung für einen Schnaps, einen Energy-Drink oder ein Casino. Ein weißes Blatt, auf das die Kämpfer ihre Geschichte schreiben. Für die quasi göttliche Perspektive von oben hatte Neil Leifer zwischen die Scheinwerfer, 20 Meter über dem Ring, eine Kamera montiert, die er von ferne auslösen konnte. Leifer ist mit diesen legendären Aufnahmen eine Legende eigener Ordnung geworden, der einzige Fotograf, der je in die "International Boxing Hall of Fame" aufgenommen wurde. Er hat immer weiter Bilder gemacht, auch bei späteren Kämpfen, von Mike Tyson, Oscar de la Hoya oder Saúl "Canelo" Álvarez, also bis in die Jetztzeit.

Jüngere Fotos sind keine Heldengemälde mehr, sondern Wimmelbilder

Doch auch wenn man nie sagen sollte, dass früher alles besser war, stellt man anhand seiner Fotos doch eine Veränderung fest. Blättert man in dem Buch in die Jetztzeit, gelingen Leifer weiter spektakuläre Bilder von Kampfabenden, bei denen Zehntausende in der Halle sitzen. Aber sie blicken, wie der Fotograf, häufig auf die Bildschirme an der Hallendecke, die eine weit entfernte Aktion wiederholen. Es entstehen Bilder von Bildern. Nah an den Ring kommt Leifer auch noch, aber jetzt hängt alles voller Werbung, nicht nur der Boden, auch die Sweatshirts der Betreuer sind mit Logos bedruckt, genau wie die XXL-Hosen der Boxer, sogar die Kämpfer sind meistens tätowiert. Jeder will seine eigene Botschaft, sein Narrativ rüberbringen, dadurch frieren die Fotos, obwohl technisch brillant, nicht mehr einen Moment der Kulturgeschichte ein, sondern eine optische Kakofonie. Man weiß nicht mehr, wo man hinsehen soll. Es entstehen keine Heldengemälde, sondern Wimmelbilder.

Bildband "Boxing", Taschen-Verlag

Andy Ruiz vs. Anthony Joshua II bei ihrem Kampf in Riad, Saudi-Arabien, im Dezember 2019.

(Foto: Authentic Brands Group)

Es gehört zu den großen Qualitäten des 220 Seiten starken und 800 Euro teuren Edel-Bildbands, der im Taschen-Verlag erscheint, dass etwa die Hälfte der Aufnahmen die große Zeit des Boxens in den Sechziger- und Siebzigerjahren festhalten. Als Boxen so faszinierend war wie Jazz. Doch im Gegensatz zum Jazz, der eine Entwicklung machte, der sich immer wieder erneuern konnte, von John Coltrane bis zu Kamasi Washington, hat das Boxen die Aufmerksamkeit an die Käfigkämpfer der UFC verloren. An ihre funkelnden Autos und ihr fieses Image. Vielleicht war es eben doch dieses Früher, das unschuldiger und lässiger war und noch nicht zugehängt mit Botschaften, die mehr sagen sollten als: Wir sind Könige.

Neil Leifer, Gay Talese, Gabriel Schechter: Neil Leifer. Boxing. Sammleredition von 1000 nummerierten Exemplaren, jeweils von Neil Leifer signiert. Taschen Verlag, Köln 2020, 424 Seiten. 800 Euro.

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