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Bowie-Ausstellung:Die dritte Sorte Kontext ist schlicht Boulevard

Die zweite Sorte ist Zeitgeschichte. Also Hinweise auf all das, was es sonst noch so gab. Da wurde auch mal mehr, mal weniger genau gearbeitet. Ein Bild von Lonnie Donegan! Warum? Weil der Skiffle-König, laut Infotext wichtig war für: Roger Daltrey? (Und Roger Daltrey in einer Band sang, die von Mods gemocht wurde, obwohl er nie wie ein Mod aussah, Bowie aber zeitweilig schon?) Dagegen ist die Herleitung von "Space Oddity" aus "Whole Earth Catalogue", "2001"-Plakat und britischen Zeitungsberichten zur ersten Veröffentlichung des "Blue-Marble"-Fotos des Blauen Planeten zwar naheliegend, aber vorbildlich aufbereitet. Man hätte sich das für jeden Song gewünscht, der hier wichtig genommen wird und dafür lieber auf das eine oder andere Original-Manuskript verzichtet. Wie die Handschrift von dem Typen aussieht, ist nach den ersten drei Kladden klar und auch für unrettbare Ludwig-Klages-Bewunderer psychologisch nicht mehr wirklich relevant.

Die dritte Sorte Kontext ist schlicht Boulevard. Der Unterschied zwischen Teenie-Magazinen als Zeitdokument und Teenie-Magazin-Perspektive als kuratorischer Leitfaden wird dabei naturgemäß nicht immer beachtet. Wenn es nicht weitergeht, wird man mit nicht mehr datierter und nachgewiesener Materialfülle eingedeckt. Als wichtiger Einschnitt wird bestimmt, dass irgendwann Musikvideos aufkommen. Bowie macht auch welche, das ist in der Tat wichtig, aber dazu wäre jede andere (zum Beispiel vergleichende, analytische etc.) Perspektive interessanter gewesen, als die Bilderfülle der Videos durch Meta-Bilderfülle zu toppen, das Gesamtkunstwerk auszugesamtkunstwerken und die Postmoderne zu Tode zu postmodernisieren. Ruhigere, in den Materialdschungel reingehauene Pfade wie der über Bowies Interesse an Malerei, leiden ebenfalls am starräugig glotzenden Positivismus.

Zu oft bekommt man hier einfach nur starräugig glotzenden Positivismus

Dass für die auf den Covern der Alben "The Idiot" und "Heroes" ausgestellten Gesten Bilder des deutschen Surrealisten Erich Heckel wichtig waren, wird sehr schön aufgebaut, dass andere Kostüme und szenische Ideen von Dada und Surrealismus stammen, steht brav daneben. Neben diesen Fakten wäre es aber viel wichtiger gewesen, den Umstand zu würdigen und zu kommentieren, dass Bowie (und einige andere in den späten Siebzigerjahren, etwa das Factory-Label) Grafik und Bühnenbild der Avantgarden der 1910er- und 1920er-Jahre erstmals, erkennbar und folgenreich in die Pop-Musik hineinzitierten und was das gegenüber Vorgängern und Zeitgenossen für eine Behauptung war.

Je länger es dauert, desto unangenehmer wird die unkritische, faktenverliebte Kritik- und Interpretationsverweigerung der Ausstellung. Solange Bowie spezifisch ist und quer zur authentizistischen Selbstverwirklichungsdekade steht, werden die Teile und Schussrichtungen seiner Künstlichkeitsbehauptungen noch ganz plausibel rekonstruiert. Seit er sich zu Tode gesiegt hat (ab ca. 1982), fällt seinen Apologeten nichts anderes ein, als Namen berühmter und hilfreicher Modedesigner zu nennen (und in Interviewfilmchen sein Lob singen zu lassen), erstaunt seine dürftige Malerei zu präsentieren und sogar noch für seine Mitwirkung in dem Phantasy-Quark "The Labyrinth" ein verständnisvolles Wort zu wissen: Er habe dadurch ein jüngeres Publikum gewinnen können. Na dann.

Weil die hybride, hochgradig arbeitsteilige, meist kollaborative Kunst namens Pop-Musik so schwer in die üblichen Künstler- und vor allem Musikerwürdigungen einzutragen ist, hilft man sich bei Spitzenleistungen (wie denen von Bowie oder Dylan), indem man deren Größe einfach bei der von dem Betreffenden am besten beherrschten Nebendisziplin einträgt. Dylan wird so tragikomischerweise zum ewigen Literaturnobelpreiskandidaten, Bowie aber ungerechterweise nicht mal zum Turnerpreisvorschlag, sondern zum leicht bildungshuberisch-verkoksten Verantwortlichen eines Babybayreuth. Da hat er mehr verdient. Sehr erholsam ist ein Blick in sein süß verschlagenes und leicht weggetretenes Mäusegesicht im gelben Anzug aus "Diamond-Dogs"-Tagen. Dies kann man neben anderen schönen Bildern und, von einigen Übersetzungspannen abgesehen, brauchbaren Texten auch im Katalog finden, den man für nicht viel mehr als den doppelten Eintrittspreis kaufen kann, ohne ein Zeitfenster buchen zu müssen.