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Booker Prize für Hilary Mantel:"Eine Autorin, die über das Blut hinaus denkt"

"Da wartet man 20 Jahre auf einen Booker-Preis, und dann kommen gleich zwei auf einmal": Nach der Auszeichnung für ihren historischen Roman "Wolf Hall" 2009 gewinnt Hilary Mantel diesmal mit dessen Fortsetzung "Bring up the Bodies" den wichtigsten Literaturpreis im Commonwealth-Raum.

Hilary Mantel am 16. Oktober bei der Booker-Prize-Verleihung in London

(Foto: AFP)

Um ihren Triumph einzuordnen, wandelte Hilary Mantel die Pointe eines alten Witzes über den erratischen Fahrtentakt von Londoner Bussen ab: "Da wartet man 20 Jahre auf einen Booker-Preis", sagte sie bei der Ehrung in der Londoner Guildhall, "und dann kommen gleich zwei auf einmal."

Ganz so lange wie Mantel auf ihre zwei Bookers müssen die Londoner natürlich nie auf den Bus warten. Aber nach den Maßstäben des wichtigsten Literaturpreises im Commonwealth-Raum sind zwei Siege binnen drei Jahren fast wie zwei auf einen Rutsch. Im Jahre 2009 gewann Hilary Mantel mit dem historischen Roman "Wolf Hall", diesmal mit dessen Fortsetzung "Bring up the Bodies". Sie hat so gleich drei Dinge geschafft, die es in der 43-jährigen Geschichte der Auszeichnung noch nie gab: Mantel ist nicht nur die erste Frau, sondern auch die erste Engländerin, die zweimal gewonnen hat. Zudem ist "Bring up the Bodies" die erste Fortsetzung, die jemals den mit umgerechnet etwa 62 000 Euro dotierten Preis erhielt.

Die Sechzigjährige aus Derbyshire schlug den anderen Favoriten - Will Self mit seinem Roman "Umbrella" - aus dem Feld, dem die Buchmacher ähnlich gute Chancen eingeräumt hatten. In "Bring up the Bodies" habe "das beste Stück englischer Prosa" gewonnen, sagte Jury-Chef Sir Peter Stothard, "geschrieben von unserer wahrscheinlich größten lebenden englischen Autorin".

Deutlich blutrünstiger

Die Juryentscheidung spiegelt auch die andauernde Faszination der Briten mit ihrer eigenen glorreichen Vergangenheit wider. "Bring up the Bodies" erzählt, wie der Vorgänger "Wolf Hall", einen Teil der Biografie von Thomas Cromwell, Berater von König Heinrich VIII. "Wolf Hall" berichtete von Cromwells Kindheit und Aufstieg und endete im Jahr 1535. Die Fortsetzung schildert die politischen Ränke des Ministers am Hof und seine Rolle bei der Hinrichtung Anne Boleyns. Cromwell ist vor allem als politischer Manager von Heinrichs Affäre mit Jane Seymour und dem Abfall des Königs vom Katholizismus gefragt.

"Bring up the Bodies" ist deutlich blutrünstiger als "Wolf Hall". Aber Hilary Mantel sei "eine Autorin, die über das Blut hinaus denkt und die ihre Kunstfertigkeit und Sprachgewalt nutzt, um moralische Mehrdeutigkeiten und die Unsicherheit des politischen Lebens zu feiern", so Peter Stothard. Mantel selbst hält "Bring up the Bodies" für ein besseres Werk als "Wolf Hall", es sei "formell besser durchgearbeitet". Dabei sind sämtliche Eigenheiten des ersten Romans erhalten geblieben: der gewöhnungsbedürftige Präsens-Stil, die steifen Dialoge und die Erzählhaltung, die eigentlich eine Ich-Perspektive ist, aber in der dritten Person präsentiert wird.

"Wolf Hall" hat sich in Großbritannien bereits gut eine halbe Million Mal verkauft, "Bring up the Bodies" dürfte durch den Preis einen Erfolgsschub erhalten. Die Leser erwarten nun einen dritten Teil der Lebensbeschreibung Cromwells: Fall und Hinrichtung.

© SZ vom 18.10.2012/ihe

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