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Bonnard-Ausstellung:Der verspätete Moderne

Pierre Bonnard passte nicht in den auf Kubismus und Abstraktion zielenden Kanon der Kunstgeschichte. In einer Ausstellung in Wien lässt sich dieser Maler nun neu entdecken.

Niemand weiß, wo die Erinnerung sich einnistet. Wird es eines Tages ein Geruch sein, der einen an die dann vergangene Gegenwart erinnert? Ein Geräusch oder die Sonnenstrahlen, die für einen Augenblick das Jetzt durchdringen und eine Zeit zurückholen? Der Maler Pierre Bonnard beschreibt das Kunstwerk als ein "Innehalten der Zeit", sein Gemälde "Der Kaffee" (1915) löst dieses Ideal ein. Es zeigt einen gedeckten Tisch mit Kanne und Tasse, ein Hund linst über die karierte Decke. Doch ist diese Komposition aus würfeligem Rot und Weiß und pastelliger Keramik mehr als ein Frühstücksmotiv, sie ruft ein dichtes, zuversichtliches Gefühl von Vertrautheit wach. Auch für den, der seinen Kaffeebecher noch nie auf so einem Leinentuch abgestellt hat.

Er gehörte zum inneren Kreis der Pariser Avantgarde, doch für erstrangig hielt man ihn nicht

Eine Ausstellung der Werke Bonnards in Wien ist die Gelegenheit, die Qualität dieses Malers neu zu entdecken. Mehr als 170 wurden für die Schau "Pierre Bonnard. Die Farbe der Erinnerung" zusammengebracht, die jetzt, nach Stationen an der Tate Modern in London und in Kopenhagen im Bank-Austria-Kulturforum zu sehen ist. Die Auswahl ist geeignet, die Malerei Pierre Bonnards für die Gegenwart aufzuschließen. Diese Schau ist nicht zu vergleichen mit der ungeschickt präsentierten Ausstellung im Frankfurter Städel vor einigen Jahren. Und sie übertrifft auch die noch länger zurückliegende sensationelle Inszenierung in der Fondation Beyeler in Basel, die deutlich weniger Gemälde zeigte, dafür spektakulär gehängt war. Doch es braucht eine ruhige Annäherung, um die Qualität dieses Malers wirklich zu begreifen, dieses etwas verspäteten Modernen, dessen figurative Motive - Akte, Interieurs, Landschaften - nicht in den auf Kubismus und Abstraktion zielenden Kanon der Kunstgeschichte passen.

Der Maler war, wie viele Fotos zeigen, ein kauziger Typ. Einer bürgerlichen Familie in einem Vorort von Paris entstammend, studierte das 1867 geborene Beamtenkind Malerei und fand sich mit Maurice Denis und Paul Sérusier zur symbolistischen Künstlergruppe Nabis zusammen. Sein Modell, Maria Boursin, die sich Marthe de Méligny nannte, hatte er auf dem Montmartre kennengelernt, die beiden unterhielten bald nicht nur ein Atelier in Paris, sondern lebten in Südfrankreich und der Normandie, nachdem Bonnard im Jahr 1909 in St. Tropez seine Bildsprache erst wirklich gefunden hatte.

Nude in the Bath

Eines von hunderten Bildern, die Bonnard von seiner Frau beim Baden malte: "Nu dans la baignoire" (1925).

(Foto: Tate / Tate Images)

Bonnard war erfolgreich, konnte seine attraktiven Gemälde gut verkaufen, war bekannt mit Künstlern wie Claude Monet und Henri Matisse und gehörte fest zum Kreis der Avantgarde, weshalb er beispielsweise für die Jury des Carnegie International Prize durch die USA reisen durfte. Allerdings wurde das Privatleben von Marthe dominiert, deren Krankheiten Kuraufenthalte an der Atlantikküste erforderten.

Auch als die beiden schon lange verheiratet sind, wird Marthe ihm noch Modell stehen. Bonnard ist fasziniert von den täglichen, viele Stunden dauernden Baderitualen seiner Frau, die er durch ein eigens in die Wand gebrochenes Fenster vom Atelier aus beobachten und malen kann. Obwohl das Paar zurückgezogen lebt, ist der Kalender voll: Mit Skizzen wie einem Bein in der Badewanne (23. Januar 1928), Marthes Unterarm beim Abtrocknen (24. Januar 1928), ihren Knien, ihrem Oberkörper ausgestreckt in der Wanne und ihrem Profil.

Als Bonnard 1947 stirbt, widmen ihm das Pariser Musée de l'Orangerie und das New Yorker Museum of Modern Art große Retrospektiven. Doch die auf Abstraktion zielende Kunstgeschichtsschreibung hat ihn letztlich nicht für erstrangig befunden. Und so ist die Ausstellung in Wien jetzt, wo der Gegensatz zwischen Abstraktion und Figuration nicht mehr viel zählt, eine hervorragende Gelegenheit, ihn wiederzuentdecken.

Zwischen den hohen Säulen ist die Wirkung der Gemälde atemberaubend. Vor allem das Kolorit ist überwältigend. Wie viele Künstler seiner Zeit, wie Van Gogh oder Gauguin, hat auch Bonnard japanische Farbholzschnitte studiert. Sein Werk hat allerdings weder die starken Konturen noch die offensichtlich effektvollen Kontraste übernommen, sondern die Farbigkeit aufgesogen und die fast mutwilligen Kompositionen und Perspektiven der fernöstlichen Bildsprache.

Pierre Bonnard: "Le Café" (1915).

(Foto: Tate)

Es ist vor allem das Weiß von Bonnard, das von Japan gelernt hat. Es wirkt nie leer auf der Leinwand, weil Bonnard es wie eine Farbe verwendet. Der "Akt im Bad" (1931) zeigt Marthe auf dem Rand der Wanne, ihren nackten Körper, einen Kimono und ein paar Tücher auf einem Sessel, bunte Fliesen und Matten. Das Bild strahlt, schon weil man das Weiß fast übersieht, das mehr als die Hälfte des Bildquadrats einnimmt, als Email der Badewanne, als Tünche auf der Wand und als gewaltige, porzellanhelle Zone, die man vielleicht wegen der schlanken Schönheit des Akts unwillkürlich ausblendet. Dieses Weiß ist - wie auch das samtige Petrol und das abgetönte Orange - den Motiven eher untergeschoben.

Bonnard war ein Zauderer, der, statt im Ring zu triumphieren, bei sich blieb

Die Ausstellung ist in Wien zudem um Werke erweitert worden, mit denen der scheue Bonnard doch noch im 20. Jahrhundert verankert wird. Neben zahllosen Fotografien ist das vor allem eine kleine Serie, die belegt, dass der Maler in aller Aufrichtigkeit nicht blind war für seine Zeit, dass er durchaus bereit war, sich der Gegenwart zu stellen. Nachdem Bonnard und Matisse im Ersten Weltkrieg aus Altersgründen nicht als Freiwillige einrücken durften, verordnete der Minister für öffentliche Arbeiten zwar persönlich, sie sollten - um dem Vaterland zu dienen - einfach weiterhin "so gut malen". Doch Bonnard schloss sich dann der "Mission d'artistes aux armées" an, die Künstler in Kriegsgebiete entsandte. Und die gedrückten, kleinformatigen Leinwände, die damals entstanden, verschlagen dem Betrachter den Atem: Das "Dorf in Ruinen, Nähe Ham an der Somme" (1917) ist schlammbraun wie ein Schlachtfeld, im Hintergrund tragen Mitarbeiter wohl Verletzte weg. Es ist, als sei mit dem Vormarsch des Krieges alle Farbe aus dem kleinen - dem Maler wohl vertrauten Ort - gewichen. Die Zerstörung, die Bonnard erlebt, resultiert unmittelbar in der Zersetzung der eigenen Malerei.

Es sind solche Motive, die das Bild jetzt runden, die im Kontrast zu all der Schönheit, den sanften, aus Licht modellierten Wasserflächen der angewärmten Badewanne, den Ausblicken aus hell lackierten Fensterrahmen stehen. In diesem Sinn ist auch "Der Boxer" (1931) eine Entdeckung, ein ganz und gar aus Gelb modelliertes Bild, das den Oberkörper eines Faustkämpfers zeigt. Weniger angriffslustig denn ratlos hebt er die schlanken Arme, die Augen fast abgewandt. Doch kann man sich an diesem Zögern nicht sattsehen. Schon weil die Kuratoren es neben ein kleines, ähnlich monochromes Selbstporträt Bonnards gehängt haben, wird es im Gedächtnis bleiben. Bonnard, ein Zauderer, der, statt im Ring zu triumphieren, bei sich blieb, bei seinen hell leuchtenden Erinnerungen.

Pierre Bonnard: "L'escalier dans le jardin de l'artiste" (1924-44).

(Foto: National Gallery of Art, Washington)

Pierre Bonnard. Die Farbe der Erinnerung. Bis 12. Januar. Wien, Bank Austria Kunstforum. Der Katalog kostet 32 Euro.

© SZ vom 17.12.2019
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