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Bob Dylan:Porträt des Künstlers als Rinderfarmer

Bob Dylan

Von 1967 bis 1973 legte Bob Dylan seine mönchischen Jahre ein und trat kaum mehr auf, außer beim Isle of Wight Festival im August 1969 (im Bild).

(Foto: Chris Wood/Express/Getty Images)

Er war kurz Zigaretten holen: Auf der CD "Another Self Portrait (1969-1971)" von Bob Dylan finden sich 35 bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus der Zeit, als der dauerpräsente Sänger für sieben Jahre von der Bildfläche verschwunden war.

Von Joachim Hentschel

Den Juli 2013 hat Bob Dylan mal wieder durchgespielt. 19 Konzerte in 31 Tagen, an dankbaren Orten wie Tuscaloosa, Wantagh oder Saratoga Springs. Hat die USA durchquert und zur Sicherheit noch mal ausgemessen, wie schon so oft, wenn auch leider nie richtig cool auf dem Güterzug. Im Oktober wird er in Deutschland auftreten, eine von zwei Berlin-Shows ist schon ausverkauft, und kein Mensch würde auf die Idee kommen, ihm dafür Geldgier, Wichtigtuerei oder irgendeines der spätkapitalistischen Motive zu unterstellen, die die Rolling Stones immer hören müssen.

Dylan, 72, hat in seiner Karriere alles dafür getan, dass seine Konzerte nicht als singuläre Ereignisse verstanden werden. Wer ihn 2013 verpasst, schafft es halt 2014. Es geht doch nur darum, dass die Songs nicht zu schimmeln anfangen. Dass sie aufgeführt werden, schön warm bleiben, ab und zu ein passendes Ersatzteil kriegen. Die Geschichte der amerikanischen Musik ist ja kein Museum, auch wenn viele das so sehen.

Sieben rätselhafte Jahre

Eine Anomalie, ein riesiges Loch hat Dylans Livestatistik allerdings. Von 1967 bis 1973, die sieben mönchischen, rätselhaften Jahre. Als er quasi Zigaretten holen ging und erst mal nicht wiederkam. Als er höchstens auftrat, wenn irgendwer gestorben war oder Spenden für die Dritte Welt gesammelt wurden. Als seine Stimme plötzlich komisch klang, als er Elvis oder der glückliche, singende Rinderfarmer sein wollte, obwohl er die ganze große Aggro-Pop-Angelegenheit zuvor schon so viel weiter nach vorn getrieben hatte.

Platten machte er weiterhin, aber auch die waren komisch. Die Historienschreibung hat das alles - sehr praktisch - als die Phase abgeheftet, in der Dylan versucht haben soll, die eigene Karriere zu zerstören, was natürlich nicht stimmt. Die frühen 70er-Jahre, als der bis heute größte und einflussreichste Sänger und Songwriter Amerikas eher zurückgezogen lebte, kaum auftrat und seltsame Musik veröffentlichte, war für ihn die Zeit der radikalen Selbstvergewisserung. Die nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden konnte, abseits der Bühne. Und die gerade deshalb so wahnsinnig dringend war, weil sich davor rund vier Jahre lang der halbe Planet an ihm fremdvergewissert hatte.

Ehrendoktor statt Wodka-Ahoi

1966, da regierte Dylan noch als weltweiter Lurchkönig der Beatniks und Poet Laureate mit tellergroßen Sonnenbrillengläsern, war er 25, ein Alter, in dem andere noch mit Wodka und Ahoi-Brause experimentieren. Als er 1970 in Princeton den Ehrendoktor bekam, witzelte Uni-Präsident Robert Goheen, der Dichter ginge nun ja auch schon auf die gefährlichen 30 zu.

Das ist nämlich die wahre Sensation an "Another Self Portrait (1969 - 1971)", einer CD-Box mit 35 bislang unbekannten Aufnahmen aus der besagten Zeit, die nun erscheint, nachdem sie seit Wochen in Rock-Foren für Debatten und Erregung gesorgt hat: dass hier endlich auch das hörbar wird, was in einer ohnehin semi-privaten Phase des Künstlers Dylan als zu privat für eine Plattenveröffentlichung erschien. Nicht, weil es zu intim, zu verräterisch gewesen wäre. Sondern weil es 1970 schlicht das Format gesprengt hätte.

Lieder vom Brotbacken und Pferdereiten

Die großartigen Berghütten- und Studentenclubversionen volkstümlicher Songs wie "Railroad Bill", "House Carpenter" oder "Tattle O'Day" hatte Dylan im kleinen Stuhlkreis mit Gitarrist David Bromberg und Pianist Al Kooper aufgenommen. Man hört förmlich, wie die Bärte brennen, wie die Schuhe scharren und der Generationendichter es genießt, vom Brotbacken und Pferdereiten zu singen, nachdem er sich die ganzen heißen Sixties lang mit dem urban-unterirdischen Heimwehblues herumschlagen musste, mit Einstein, Robin Hood, der Pik-Ass-Königin, dem Bombenregen und wahrscheinlich auch der Rettung der Welt. Eine Rückkehr zu genau der Musik, aus der er sich irgendwann selbst abgeleitet hatte.

Diese eher simplen Folkbänder, die vor kurzem angeblich bei Recherchen im Sony-Archiv entdeckt wurden, wären auch damals schon veröffentlichungsreif gewesen. Theoretisch. Was heute längst zur Kulturtechnik, zum Klischee geworden ist, die öffentliche Selbsterkundung und Erdung, das mit Demut und Reinigung verbundene, demonstrative Zurück-zu-den-Wurzeln - das hatte Dylan hier schon vorweggenommen, aus der Notwendigkeit heraus, ohne jede Zeremonie. Und zu früh. Poptechnisch, vor allem als Äußerung eines Künstlers seiner Statur, ließ sich so etwas 1970 einfach nicht verwerten.

Bizarres "Selbstporträt"

Deshalb schickte Produzent Bob Johnston die Aufnahmen nach Nashville, ins Disneyland der Country-Industrie, wo (ohne dass Dylan dabei gewesen wäre) eine fantastilliardische Anzahl zusätzlicher Instrumentalisten weitere Spuren dazuspielte, Schlagzeug, Steel-Guitar, ein ganzes Orchester.

Das bizarre Doppelalbum "Self Portrait", das Johnston daraus kompilierte, wurde von den Hörern nicht etwa als Ausrutscher gewertet (es kam in den USA bis auf Platz vier der Charts, in Großbritannien bis an die Spitze), sondern als echter, bösartiger Affront. Purer Eskapismus in einer Zeit, in der in Amerika alle Erschütterungen der Sechziger ohrenbetäubend nachbebten. Plötzlich sang Dylan, der Autor, vor allem fremde Lieder, spielte bei "The Boxer" von Simon & Garfunkel beide Rollen, artikulierte am Ende nur noch "Da da da da", in "Wigwam", einem Stück mit rundfunkorchestralem Schmalz, das es bei uns in der Version von Drafi Deutscher in die "ZDF Hitparade" schaffte. Der "Self Portrait"-Verriss, den der Kulturwissenschaftler Greil Marcus seinerzeit für den Rolling Stone schrieb, war vier eng bedruckte Seiten lang.

In Nashville verhunzt

Auch das kann man nun auf "Another Self Portrait" nachhören, der neuen Box, deren Name überdeutlich macht, dass hier auch ein historischer Bildfehler korrigiert werden soll: reduzierte Urfassungen einiger Songs, die seinerzeit in Nashville nachträglich verhunzt wurden. Man kann das Vorher-nachher-Spiel betreiben, kann spekulieren, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte Dylan damals bessere Ratgeber gehabt.

Genau das wäre aber der größte Trugschluss. Weil ja auch jede einzelne Peinlichkeit zu diesem berüchtigten Selbstporträt gehört, weil Dylan sich damals natürlich auch den Schleim, die Schlager und all die Knödel aus seinem System heraussingen musste. Weil man - um doch noch die Perspektive einzunehmen, die der kleine, auf die 30 zugehende Sänger in diesem schönen Bauernhofmoment wahrscheinlich gar nicht hatte - auf dem Weg durch die amerikanische Musikgeschichte auch am sogenannten Kitsch nicht vorbeikommt, ohne dass etwas abfärben würde. Und ohne ihn dabei allzu selbstverständlich zu nehmen.

"When I Paint My Masterpiece"

Die 35 Stücke auf "Another Self Portrait" ersetzen also nichts, räumen nichts vom Tisch. Sie ergänzen ein kryptisches Gemälde, erweitern es um ein paar Fragmente, von denen gar niemand so genau gewusst hat, dass sie fehlten: Bob Dylan, der Künstler, an dem Punkt, an dem er die innere, rasende Suche nach der eigenen Stimme nach außen stülpte. So dass sich alle mit ihm gemeinsam wundern konnten über die lustigen, struppigen Zwischenergebnisse. In den richtigen, repräsentationsfähigen Körper, seinen Body politic, schlüpfte der Sänger dann ja schnell genug wieder.

Ganz ans Ende haben die Archivpfleger dann auch eine sehr frühe Version des berühmten Stücks "When I Paint My Masterpiece" gesetzt. Dylan hockt am Klavier, erzählt eine kleine erotische Novelle aus Rom. Die Tasten klingen wie die Stufen der Spanischen Treppe, die Sonne scheint ihm aus dem Mundwinkel. Eine unglaubliche, kostbare, wunderbare Aufnahme. Ein Blick nach vorne, bis in die Gegenwart.

© SZ vom 24.08.2013/khil
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