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Komödie auf Amazon Prime:Der Tod auf Brautschau

'Der Boandlkramer und die ewige Liebe' bei Amazon Prime Video

Gefi (Hannah Herzsprung) ist vom Tod (Michael Bully Herbig) nicht ganz so tief beeindruckt wie er von ihr.

(Foto: Leonine Studios/obs)

"Der Boandlkramer und die ewige Liebe" mit Bully Herbig als deppertem, verliebtem Tod ist der letzte Film des Regisseurs Joseph Vilsmaier.

Von Doris Kuhn

Der Tod ist ein Depp. Das muss nichts Schlimmes sein. Deppen gibt es viele, gerade in Bayern. Das schlägt sich oft nicht in ihren Berufen nieder, die beherrschen sie - der Tod etwa transportiert die Menschen nach ihrem Ableben mit einem Zweispänner ins Vorzimmer des Jenseits, das macht er gut. Zwar stellen sich dabei dem Zuschauer ein paar Fragen: Wieso hat der Tod ihre Körper dabei statt ihrer Seelen? Wieso liegen die in einem Sarg, raubt er die vielleicht vom Friedhof? Aber da sollte man sofort abwinken. Das sind Irritationen, die man nicht weiter recherchieren will, sonst wird man an Vilsmaiers letztem Werk kein Vergnügen haben.

Joseph Vilsmaier ist am 11. Februar 2020 gestorben, inzwischen mehr als ein Jahr vor dem Start dieses Films. Er war ein Regisseur, der Filme über Bayern gemacht hat, von denen manche sagen, sie hätten mehr mit Postkarten zu tun als mit der Realität. Wenn man aber mal die eigene Oma in Vilsmaiers Herbstmilch begleitet hat, eine Oma, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs eine junge Frau im ländlichen Oberbayern war, ist Realitätsnähe kein Thema mehr. Denn Herbstmilch erzählt genau davon, von diesem Milieu, dieser Zeit, und danach hat die Oma geweint, eine ganze Trambahnfahrt lang vom Sendlinger-Tor-Kino nach Hause. Grund dafür war nicht bloß das Wiedersehen mit einer früheren Wirklichkeit, verkitscht oder nicht. Sondern es war das Gefühl, das in jener Wirklichkeit herrschte. Das hatte Vilsmaier wohl perfekt getroffen.

So war das mit Vilsmaiers Filmsagas. Er machte sie sentimental, märchenhaft manchmal, aber sie trafen sein Publikum ins Herz. Daran sollte man sich erinnern, speziell beim Boandlkramer, der ziemlich viel Märchenhaftes hat. Vilsmaier besetzte den Film mit einer Riege bayrischer Großschauspieler, die sind schön anzusehen und mindestens so schön anzuhören. Es wird tatsächlich Bairisch geredet, was nicht selbstverständlich ist, auch nicht im Heimat-Bayern-Genre. Nimmt man zum Vergleich die Rita-Falk-Verfilmungen, kann man hören, dass da der Dialekt gern aus Österreich geborgt wird. Vilsmaier hingegen wusste, wie eine Mentalität vom Dialekt geprägt wird, und dass es dabei natürlich auf die Nuancen ankommt. Außerdem hatte er Freude am Spiel mit der Sprache, das merkt man an vielen Stellen in seinem Boandlkramer.

Weil Gefi die erste ist, die den Tod je zu einem Gefühl bewegt hat, verliebt er sich in sie

Aber zurück zum Tod. Der geht aufrecht wie ein Mensch, er sieht auch annähernd so aus. Bully Herbig spielt ihn mit viel schwarz-weißer Schminke im Gesicht, was ihn keinesfalls anmutiger macht. Dieser Tod setzt sich in die Zimmer, in denen jemand stirbt, dort kann ihn nur der Sterbende erkennen, die Lebenden sehen ihn nicht. Aber der Tod sieht sie alle, im Boandlkramer etwa die Gefi, Mutter eines zehnjährigen Jungen, den er eigentlich mitnehmen soll. Da passiert dem Tod etwas, das er nicht kennt: Er wird so gerührt von Gefis Tränen um ihr Kind, dass er es ihr lässt. Und weil sie die erste ist, die ihn je zu einem Gefühl bewegt hat, verliebt er sich gleich in sie.

'Der Boandlkramer und die ewige Liebe' bei Amazon Prime Video

Weil er so gerührt von ihren Tränen ist, lässt der Boandlkramer der Gefi ihr Kind.

(Foto: Leonine Studios/obs)

Aus diesem Motiv holt sich Vilsmaier Tragik und Komödie, von beidem erzählt er, indem er den Tod auf eine komplizierte Brautschau führt. Der braucht für seine Liebe zum Mädchen zunächst etwas Hilfestellung aus dem Jenseits, da bringt Vilsmaier, mit der Liebe vertraut, als erstes den Teufel ins Spiel. Ein Handel wird abgeschlossen, dessen Preis der Tod nicht bis ins Detail durchschaut - als Gegenleistung jedenfalls bekommt er vom Teufel die Sichtbarkeit. Jetzt kann er im Dorf von Gefi auftauchen, ein mysteriöser Fremder, der schnell zum Unruhestifter wird.

Das ist überhaupt das Schönste an Vilsmaiers Boandlkramer: Den Tod nicht trüb und lahm zu zeigen, sondern als Aufrührer, der die göttliche Ordnung in Bayern derb auseinandernimmt. Denn nicht nur im Dorf funkt der neue Brautwerber den anderen Verehrern Gefis so heftig dazwischen, dass es zu Geschrei, Geheul und Schlägereien kommt. Auch an der Himmelspforte entwickelt der Tod kriminelle Energie: Er unterschlägt einen Sterbenden, lässt ihn am Leben und nutzt ihn als Mentor, weil dieser Mann, der ein Rosstäuscher war, offenbar auch darüber Bescheid weiß, wie man den Blick von Frauen fängt. Diese Rolle übernimmt Sebastian Bezzel mit bekannt umfassender Lakonie, er wird erst zum Stylisten des Todes, dann zu dessen Strategieberater. Den braucht der Tod auch dringend, denn die Gefi ist von ihm nicht ganz so tief beeindruckt, wie er von ihr.

Irgendwann bringt die Kommunikation mit den Menschen ihn so weit, dass er kein Depp mehr ist

Was dem Tod vor allem fehlt, ist der Humor. Für eine Komödie ist das ein perfekter Auftrag: zu zeigen, wie etwas lustig sein kann. Vilsmaier nimmt sich Dick und Doof als Vorbild, er lässt das ganze Dorf einen Film anschauen, in dem Laurel und Hardy ihre übliche Zerstörung anrichten. Das versucht der Tod dann zu imitieren, und immerhin führt es zu der Erkenntnis, dass Slapstick eine Kunst ist, die nicht jeder schnell mal im Wirtshaus nachmachen kann. Was der Tod für seinen Auftritt erntet, ist bloß Häme. Aber so lernt er allmählich, wie das alltägliche Leben funktioniert, irgendwann bringt die Kommunikation mit den Menschen ihn so weit, dass er kein Depp mehr ist. Man lacht nicht mehr über ihn, man hat Sympathie.

Romantischer wird es kaum, was letzte Filme angeht. Vilsmaier schickt den Tod auf eine Reise, auf der er ihm zeigt, dass man sein Vertrauen in die Menschen setzen kann. Eine Veränderung ist möglich, auch das erzählt er mit dem Boandlkramer. Dabei holt er wie immer weit aus - lässt Himmel und Hölle, Gott und den Teufel mitmischen. Aber selbst die können manchmal nichts daran ändern, dass die Dinge sich zum Besseren wenden. Das ist doch ein tröstlicher Gedanke.

Der Boandlkramer und die ewige Liebe - D 2019. Regie und Kamera: Joseph Vilsmaier. Mit: Michael Herbig, Hannah Herzsprung, Hape Kerkeling, Sebastian Bezzel. 87 Minuten, ab 14. Mai 2021 bei Amazon Prime.

© SZ/khil
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