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"Blue Jasmine" im Kino:Übersättigt vom Treiben der Superreichen

Kaum vorstellbar, dass er von Madoff und seinen Eskapaden gar nichts mitbekommen hat. Seine Erklärung in einem Interview, der Film basiere auf einer wahren Geschichte, die ihm seine Frau mal beim Abendessen erzählt habe, und mehr hätte er dann auch gar nicht wissen wollen, klingt absurd und lässt doch zugleich tief blicken.

Jasmine jedenfalls lebt nun von der Freundlichkeit ihrer Schwester Ginger (Sally Hawkins, wie üblich festgenagelt auf ihren Fusselpony und ihre patentierte Quirligkeit) und kann trotzdem in keiner Sekunde verbergen, wie deplatziert sie sich in der Welt der Verlierer fühlt. Die Wohnung beengt sie, ihren Job als Empfangsdame hasst sie, die Avancen des Zahnarzts, bei dem sie arbeitet, findet sie einfach nur widerlich. Standesdünkel vergiftet noch ihren flüchtigsten Gedanken, was wieder mit viel Wodka und Xanax bekämpft werden muss.

Leider spürt man den fortschreitenden Weltverlust, der Allens Werk seit Längerem plagt, auch hier wieder in jeder Szene. San Francisco zum Beispiel: Hier tummeln sich strikte Heteros, die jeden Dollar zweimal umdrehen, das Herz auf dem rechten Fleck haben und das Internet nur vom Hörensagen kennen. Ihre aggressive Vitalität wirkt so echt wie Ersatzkäse. Gerade da, wo er das "wahre Leben" zeigen will, erstickt der Film fast an der eigenen Künstlichkeit. Traurige Erkenntnis: Auch in Amerika ist Woody Allen inzwischen Tourist. Womöglich wäre er das sogar in New York, sollte er sich dazu entschließen, doch noch einmal eine Art Fortsetzung des "Stadtneurotikers" zu drehen.

Verdrängen bis zum Untergang

Bleibt Jasmines Innenleben. Das fasziniert dann schon eher. Verdrängen bis zum Untergang lautet hier das Motto. Sollte diese Frau wie das Land sein, in dem sie lebt? Es gab da einen Moment, vor Jahren schon, wo die Anzeichen nicht mehr zu ignorieren waren, wo sie hätte aufwachen müssen.

Was aber nicht passiert ist. Und obwohl jetzt alles in Scherben liegt, so schlimm zerschlagen wie überhaupt nur vorstellbar, ist es für jede Erkenntnis zu spät. Das ist die Pointe hier: Jasmine lauert nur auf den nächsten reichen Ehemann, um genau da weiterzumachen, wo sie aufgehört hat. Mehr kennt sie nicht, mehr geht in ihren schönen Kopf nicht hinein. Und dafür kann man Cate Blanchett dann wirklich bewundern - dass sie aus dieser eintönigen Prämisse noch gewaltige Funken schlägt.

Aber muss dann wirklich noch eine Art Prinz auftauschen, der Jasmine allen Ernstes sofort heiraten will? Und muss dieser Plan dann gleich wieder scheitern, an neuen Lügen, die sie spinnt, um ihre Schmach zu verschleiern? Jeden anderen Drehbuchautor, der damit ankäme, würde man faul nennen. Das trifft es aber nicht ganz - Woody Allen arbeitet schließlich ohne Unterlass. Nur hat er inzwischen nur die Kunst perfektioniert, seine Kräfte altersgerecht einzuteilen. Bei seinem erklärten Ziel, weiterzudrehen bis in alle Ewigkeit, jedes Jahr einen Film, ergibt diese Sparsamkeit Sinn.

Prinzipieller Fatalismus

Was außerdem zum Tragen kommt, ist Allens prinzipieller, wohl dokumentierter Fatalismus. Er trifft hier glücklich auf ein Publikum, das vom Treiben der Superreichen ohnehin die Schnauze voll hat. Wenn das Leben der oberen Zehntausend nicht prinzipiell auf Betrug basiert, dann mindestens auf aberwitzigem Selbstbetrug. Ist es nicht so?

Es ist so, der Meister nickt. Warum also dieser Frau noch Facetten gönnen, die über ihr unmittelbares Dilemma hinausgehen? Warum eine Ahnung von Zweifel in ihr Herz sähen, einen Hauch von Erkenntnis aufkeimen lassen, ihren Panzer aus Ignoranz und Angst durchbrechen? Richtig, das wäre ja Arbeit.

Wir Zuschauer sollen uns für Jasmine interessieren, aber doch nicht allzu sehr. Knapp hundert Minuten eben - solang ihr Fall Unterhaltung verspricht. Und dann? Was wird aus ihr? Wo soll sie hin? Das weiß am Ende keiner, aber da läuft dann auch schon der Abspann - was man als Zeichen deuten muss, dass wir sie jetzt guten Gewissens allein lassen dürfen. Wird sie sich etwas antun? Möglich. Ist aber nicht unser Problem.

Blue Jasmine, USA 2013 - Regie und Drehbuch: Woody Allen. Kamera: Javier Aguirresarobe. Mit Cate Blanchett, Alec Baldwin, Sally Hawkins, Bobby Cannavale. Warner, 98 Minuten.

© SZ vom 06.11.2013/cag

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