Blockbuster zurück im Kino Titanic in 3D - ein Trauergesang

Das klassische Underdog-Kino meldet sich im Blockbuster-Format zurück, nur eine Nummer größer: Zum hundertsten Gedenktag des Untergangs der "Titanic" hat sich Regisseur James Cameron seinen gleichnamigen Supererfolg noch einmal vorgenommen und ihm digital eine dritte Dimension verpasst. Doch die 3D-Effekte wiegen nicht auf, was man durch sie verliert.

Von Fritz Göttler

Sein Glück selbst gestalten, nicht warten und nur akzeptieren, was das Schicksal einem zudenken mag - die große Devise des American Dream, die ihm Dynamik und Form verleiht. In diesem Film wird sie ausgerechnet auf einem Ozeandampfer diskutiert, der gerade seinem Untergang entgegenfährt, den etwa 1500 Menschen nicht überleben werden. Im allerletzten Augenblick erst ist Jack Dawson mit seinem Freund an Bord gesprintet, die Tickets für die Überfahrt auf der Titanic nach Amerika haben sie bei einem Kartenspiel gewonnen.

James Cameron: Regisseur und Tiefseetaucher lässt die Titanic noch einmal in 3D untergehen.

(Foto: dpa)

James Cameron macht klassisches Underdog-Kino im Blockbuster-Format. Nun hat er sich, zum hundertsten Gedenktag der Katastrophe, seinen Supererfolg "Titanic" wieder vorgenommen und ihm digital eine dritte Dimension verpasst. Der blindwütige Wahn, 3D wäre die Zukunft des Kinos, der durch den Riesenerfolg von Camerons "Avatar" befeuert wurde, hat sich wieder gelegt. Zu viele sinnlose Konvertierungen, 2D gedreht, am Computer in 3D verwandelt, haben dem Publikum erst mal die Lust genommen. 3D muss - auch weil's für ein paar Dollar mehr ist an der Kinokasse - um Anerkennung und Erfolg kämpfen.

Cameron hat die 3D-Debatte immer im Seriösen gehalten. Die Scharlatane, die mit Pfusch schnellen Profit machen wollten, hat er immer verdammt. 60 Wochen Arbeit und 18 Millionen Dollar wurden in den Relaunch der "Titanic" investiert, Cameron selbst hat wöchentlich die Ergebnisse begutachtet. "Schatten fehlender visueller Information ersetzen", das war die große Aufgabe, für jede Einstellung musste eine Karte der Tiefenschichten angelegt werden. Unsere Augen sehen in zwei verschiedenen, zu einander versetzten Perspektiven, und die 2D-Version eines Films liefert nur eine davon, die zweite muss aus dem vorhandenen Material vom Computer imaginiert werden.

Die Begeisterung für 3D ist bei Cameron gekoppelt mit der fürs Tiefseetauchen - in der trüben Dunkelheit unter Wasser muss die dritte Dimension des Blicks mühsam errungen werden. Die erste halbe Stunde in "Titanic" ist in dieser Hinsicht noch immer unglaublich faszinierend, die langsame Passage durch das versunkene Schiff.

Wenn dann die Rückblende einsetzt ins Jahr 1912, wiegt das 3D-Surplus nicht auf, was man verliert. Vor allem die Totalen auf dem Deck, die hypnotischen Momente, wo das Schiff vollläuft, auseinanderbricht, sich hochkant stellt, haben nun den Effekt von Puppenstubenhaftigkeit - man sieht, wie gewaltig die CG-Technik in den fünfzehn Jahren seit "Titanic" sich verbessert hat. Immer wieder traurig ist der Verlust des Lichtes und der Leuchtkraft der Farben - 3D sperrt einen in einen dunklen Korridor. Grausam stark wirkt plötzlich der Ton, das Ächzen des sterbenden Schiffes, ein Trauergesang.

Historie vom Klassenkampf

James Cameron ist der letzte Independent Hollywoods - eines archaischen, vormodernen Hollywood. Seine Unerschütterlichkeit, seine würdige Naivität lässt ihn auch Merkwürdigkeiten wie das Bäumchenpflanzen für ein Regenwald-Projekt in Brasilien nach "Avatar" überstehen. Vor einigen Tagen hat er im Tauchboot den tiefsten Punkt der Meere, im Marianengraben, erreicht.

9/11 hat den Blick der Amerikaner aufs Katastrophenkino verändert, die Unausweichlichkeit des Untergangs hat eine neue Dimension. Auch in "Titanic" wird die Historie vom Klassenkampf bestimmt, auch dieses Motiv ist von den Finanzkrisen der letzten zehn Jahre verstärkt worden. Leonardo DiCaprio als Jack Dawson, das ist der dynamische, unbekümmerte Tatmensch - sensibel und künstlerisch, von Picasso begeistert und von Monet.

Sein Gegner, der neureiche Billy Zane, sieht Gemälde höchstens als Geldanlage, er schmuggelt sich am Schluss ins Boot, um die eigene Haut zu retten. Plötzlich sieht man nun, dass der durch Konkurrenzdenken verursachte Untergang der Titanic keine singuläre Katastrophe war, sondern Teil einer Serie in der Krise des Kapitalismus. Billy Zane überlebt und rettet seine Millionen, aber beim großen Crash verliert er dann alles. Er steckt sich eine Pistole in den Mund und drückt ab.

TITANIC 3D, USA 1997/2012 - Regie, Buch: James Cameron. Kamera: Russell Carpenter. Mit: Leonardo DiCaprio, Kate Winslet, Billy Zane, Kathy Bates, Frances Fisher, Gloria Stuart, Bill Paxton. 20th Century Fox, 194 Minuten.

Passagierschifffahrt: "Titanic"

Vom Stapel gelassen