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Blick von außen auf Deutschland: Laufband-Lektion in Heimatkunde

Laufen mit Deutschland im Blick.

(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de)

Münchner Marienplatz, Bad Reichenhall, Rennsteig. Wer in New Yorker Fitnessstudios joggt, kann den "Germany Run" absolvieren. Und kommt aus dem Schaudern nicht mehr heraus.

Von Peter Richter, New York

Das Programm heißt "Germany Run". Man startet in München im Englischen Garten und ist nach fünf Minuten schon am Marienplatz, und wenig später in Bad Reichenhall, nach einer halben Stunde hat man den Rennsteig hinter sich. In Brooklyn durch Deutschland zu rennen geht schneller als in Deutschland selber.

Weil es den meisten zu heiß ist zum Laufen im August in New York, sind die Laufbänder in den Fitnessstudios voller denn je. In einer feinen Brooklyner Muckibude hat jedes Laufband seinen eigenen Fernseher, und auf die Fernseher haben sie jetzt eben das Programm "Germany Run" gepackt. Die Erfinder haben da jemanden mit einer Kamera auf dem Kopf zum Joggen geschickt, und so sieht man nun, was er sah, weicht Passanten vorm Hofbräuhaus aus, und immer, wenn es so aussieht, als biege man direkt in den Bayrischen Hof ein, findet man sich stattdessen in Schwabing wieder, und Schwabing mündet direkt in den Aufstieg zur Nürnberger Burg.

Der "Tatort" kommt einem in den Sinn, obwohl ein ganzer Ozean Sicherheitsabstand besteht zwischen hier und dem deutschen Fernsehen. Aber beim Laufen geraten nun einmal auch die Gedanken ins Wandern. Und einer der Gründe, warum die Deutschen ihren Sonntagabendwahnsinn so lieben, ist ja wohl der, dass durch die föderale Struktur dieses Wahnsinns so gut wie jeder irgendwo ortskundig sagen kann: Wenn die Kommissare vor der X-Kirche in ihren Opel steigen und dann über die Y-Brücke fahren, können sie aber unmöglich direkt darauf am Z-Markt vor der Würstchenbude halten!

Ausgeschlachtet für die Idealschönheit

Man könnte, um seinen Überlegungen auf dem Laufband mehr kulturelle Tiefe zu geben, natürlich auch an Zeuxis denken, den antiken Künstler, der mal die schöne Helena malen sollte und die fünf schönsten Mädchen der Stadt vor die Staffelei holen ließ, damit er einfach zusammenstücken konnte, was ihm an denen jeweils am besten gefiel. So etwas ist immer ein wenig kränkend für die, die beim Zusammenbasteln von Idealschönheiten gewissermaßen ausgeschlachtet werden.

Vermutlich sind deswegen auch Europäer immer so pikiert, wenn Amerikaner versuchen, in nur einer Woche Rom, Florenz, Venedig, Wien, Paris und Berlin zu schaffen. Die Grand Tour, wie in Hollywood geschnitten. Aber ist das nicht eigentlich sogar ganz konsequent, nämlich die Anwendung des Zeuxis-Tricks auf die klassische Bildungsreise selber? Am Ende sind es Beobachtungen auf dem Feld einer eher naturalistischen Ästhetik, die einen in der Ferne fast vom Laufband rutschen lassen.

Liebe Menschen in Bad Reichenhall und auch auf dem Marienplatz in München: Die Dreiviertelhosen im Military-Look sind nicht euer Ernst, oder? Die wahllos mit englischen Wortfetzen beschrifteten T-Shirts? Amerikaner auf Europatour können das lesen!

Und sie könnten so boshaft sein, es nicht aus ihrem Deutschlandbild gnädig wieder herauszuschneiden.

© SZ vom 19.08.2015/jobr

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