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Gerd Schwerhoffs "Verfluchte Götter - Die Geschichte des Blasphemie":Von gekränkten Gläubigen

'Gehorche keinem' - Uni-Kunstwerk sorgt für Ärger

Das Kunstwerk "Gehorche keinem" von Babak Saed an der Universitätsbibliothek in Münster, hielt manch frommer Mensch in der Domstadt 2019 für Gotteslästerung.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Der Historiker Gerd Schwerhoff schreibt so fair und gelassen über die Geschichte der Blasphemie, dass man auch heutige Konflikte besser versteht

Von Johann Hinrich Claussen

Am Anfang war das Wort, doch gleich danach kam die Blasphemie. Manchmal fiel beides in eins, wenn die neue Offenbarung ein altes Gottesbild vom Podest stieß und die etablierte Ordnung infrage stellte. Deshalb wurde Jesus, ähnlich wie Sokrates, wahrscheinlich sowohl als Aufrührer wie als Gotteslästerer zum Tode verurteilt. Doch aus dem vermeintlichen Lästerer wurde selbst ein Gelästerter. Die älteste erhaltene Darstellung des Kreuzes ist nicht zufälligerweise ein Spottbild. Auf einem römischen Graffito, um das Jahr 300 datiert, sieht man ein Strichmännchen, das eine Gestalt anbetet, die am Kreuz hängt und einen Eselskopf trägt. Darunter steht: "Alexamenos verehrt seinen Gott". Da wollte sich jemand wohl über einen christlichen Bekannten lustig machen. Man kann dies nachvollziehen, denn einen Hingerichteten als Messias zu verehren, war in der Antike eine blasphemische Idee.

Religion war im römischen Reich nicht zuletzt Herrscherkult. So machte sich derjenige, der beim Besuch einer Latrine oder eines Bordells das Porträt des römischen Kaisers auf einer Münze mit sich führte, der Blasphemie schuldig. Noch schlimmer waren die Christen, die dem Kaiser überhaupt die rituelle Verehrung verweigerten. Auch deshalb wurde ihr Gegen-Gott verspottet. Von einem krassen Fall, der an das Alexamenos-Graffito erinnert, berichtete Ende des zweiten Jahrhunderts der Theologe Tertullian: Ein Mann habe ein Bild durch Karthago getragen; darauf sei eine Gestalt zu sehen gewesen, in einer Toga, mit Eselsohren und einer Schrift in der Hand, auf der zu lesen war: "Deus Christianorum - Onokoites" - "Der Gott der Christen ist einer, der es mit Eseln treibt".

Religiöse Gefühle können gefährlicher sein als der liebe Gott selbst

Solche und viele andere Beispiele stellt der Dresdner Historiker Gerd Schwerhoff in seiner lesenswerten Geschichte der Blasphemie vor. Sie reicht von den Anfängen der europäischen Religionsgeschichte bis zur Gegenwart. Viel Material hat Schwerhoff zusammengetragen, aber er geht darin nicht unter, sondern weiß genau zu differenzieren und lange Entwicklungslinien zu zeichnen. Selbst da, wo es heftig wird, bleibt sein Ton angenehm sachlich. Offenkundig liegt seine Sympathie bei den modernen Prinzipien der Toleranz und der Meinungsfreiheit, aber es gelingt ihm, auch das Gekränktsein der Gläubigen zu verstehen. So bringt er das Kunststück zustande, gelassen und fair über Blasphemie zu schreiben - und zwar so, dass man die Geschichte der Religion, aber auch heutige Kulturkonflikte besser versteht.

Als sich das Christentum zur Staatsreligion entwickelte, gewann der Blasphemie-Vorwurf eine neue Wucht. Doch es dauerte, bis diese sich entfaltete. Im 6. Jahrhundert erklärte der oströmische Kaiser Justinian die Gotteslästerung zur Straftat. Aber erst im ausgehenden Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit wurde dieser Paragraf genutzt, um Menschen anderer Religionen, vor allem Juden, konsequent zu verfolgen. Daneben diente er der sozialen Disziplinierung. Denn viele der vermeintlichen Straftaten wurden im Wirtshaus von betrunkenen, Karten spielenden und dabei wüst fluchenden Männern begangen.

Gerd Schwerhoff: Verfluchte Götter - Die Geschichte der Blasphemie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021. 521 Seiten, 29 Euro.

Besonders interessant wird es mit der Aufklärung. Mutig nahm sie den Kampf gegen die strafrechtliche Verfolgung dieses "imaginären Verbrechens" auf. Ihren ersten Erfolg erzielte sie im revolutionären Frankreich, das 1791 den Blasphemie-Paragrafen strich. Bemerkenswert ist, dass viele Aufklärer sich eines religiösen Arguments bedienten: Der Unendliche könne von endlichen Wesen gar nicht gelästert werden, es gehe hier nur um eine Verletzung menschlicher Gefühle.

Damit leiteten sie für den Blasphemie-Diskurs einen Wandel ein, der für das Verständnis von Religion in der Moderne insgesamt zentral ist: weg vom Gottesglauben und hin zur Gefühlsreligion. Blasphemie wird nicht mehr verstanden als eine Verletzung der Ehre Gottes, die verboten wird, weil sonst Gottes Zorn über das Land kommen könnte. Jetzt stehen die Gefühle religiöser Gemeinschaften im Zentrum. Sie dürfen nicht gestört werden, weil sonst Aufruhr droht. Ob das ein Fortschritt war? Religiöse Gefühle können gefährlicher sein als der liebe Gott selbst.

Toleranz heißt: seine heiligen Gefühle nicht profanieren zu einer Bevormundung

Besonders problematisch ist die Verdrehung von Opfer- und Täterrollen. Die in ihren Gefühlen ach so verletzten Anhänger der Mehrheitsreligion reklamieren für sich den Opferstatus, um dann umso härter gegen die vermeintlichen Lästerer loszuschlagen. Andererseits wussten auch laizistische Aktivisten, die emotionale Wirkung gezielter Religionsverspottung für sich zu nutzen. So hatten in der Belle Époque, als in Frankreich Klerikalismus und Laizismus um die Vorherschafft kämpften, beleidigende Karikaturen Hochkonjunktur. Wer sich diese wüsten Feindbilder von feisten, geilen und gierigen Priestern anschaut, kann noch heute erschrecken. Dies ist die Bildtradition, in der offenkundig manche der nicht eben feinsinnigen Cartoons von Charlie Hebdo stehen.

Der moderne Islam fügt sich dabei erstaunlich gut in den modernen Blasphemie-Diskurs. Nach klassisch-islamischem Verständnis kann ein Geschöpf die Ehre des Schöpfer nicht ankratzen. Dazu ist Allah viel zu erhaben. Umso empfindlicher fallen aber die Reaktionen auf echte oder angebliche Beleidigungen seines Propheten aus. Dabei kann dieser eigentlich kein Objekt einer Blasphemie sein. Denn anders als Jesus Christus für Christen, ist Mohammed für gläubige Muslime nicht göttlicher Natur. Doch mit solchen Feinheiten halten sich die selbsterklärten Verteidiger des Islam nicht auf. Zu groß ist das politische Potenzial, das in verletzten religiösen Gefühlen steckt. Manchmal ist es auch ein Ventil für die Wut über reale Marginalisierung.

Im Vergleich zu Frankreich oder zur muslimischen Welt erscheint alles, was Schwerhoff aus Deutschland erzählt, als eigentümlich harmlos. Allerdings kommt von hier der beste Kommentar zum Thema. Von 1928 bis 1931 wurde George Grosz der Prozess wegen seiner Grafik "Christus mit Gasmaske" gemacht. Kirchenvertreter hatten darin eine Verhöhnung Christi sehen wollen, obwohl Grosz nur die unselige Verbindung von Kirche und Militarismus kritisieren wollte. In der Weltbühne schrieb daraufhin der zu Unrecht vergessene Ludwig Marcuse, dass es nicht richtig sei, einigen Gruppen zu gestatten, die Äußerungen anderer Gruppen zu beschränken, indem ihre, und nur ihre, Gefühle zum Tabu erklärt würden: "Toleranz heißt: seine heiligen Gefühle nicht profanieren zu einer Bevormundung des Nebenmenschen. Man zweifelt doch sehr an der Heiligkeit von Gefühlen, die sich weniger in einem beseligenden Glauben äußern als im Hass gegen die Manifestationen der Ungläubigen." Und dann zitiert Schwerhoff einen Satz von Marcuse, den man sich auch heute noch zu Herzen nehmen sollte: "Die Privilegien im Anstoßnehmen müssen endlich aufhören!"

© SZ/crab
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