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"Black Christmas" im Kino:Stille Nacht, blutige Nacht

Die Studentin Riley (Imogen Poots) wurde von einem arroganten Verbindungsbürschchen vergewaltigt. Und dann schleicht auch noch ein maskierter Killer über den Campus.

(Foto: Universal Pictures)
  • Im Splatterfilm "Black Christmas" wird der Mörder fast vom Campus-Horror der Gegenwart verdrängt - es geht unter anderem um Misogynie, Rassismus und Rape Culture.
  • Regie geführt hat die 33-jährige Filmemacherin Sophia Takal, die auch das Drehbuch zusammen mit ihrer Co-Autorin April Wolfe geschrieben hat.

Von David Steinitz

Zu den Leidtragenden der sogenannten "Me Too"-Debatte gehört zweifelsohne die Berufsgruppe der Kinokiller. Die glückseligen Zeiten, in denen sich naive junge Frauen in engen Tops und knappen Shorts leicht haben meucheln lassen - vorbei!

So lernen wir es zumindest im Horrorfilm "Black Christmas", in dem der Maskenmann mit seinem Mordwerkzeug doch ein bisschen einsam und verloren in den Irrungen und Wirrungen der emanzipierten und diversifizierten Gegenwart herumsteht. Denn auf dem verschneiten Campus des Hawthorne-College, wo er kurz vor Weihnachten sein blutiges Unwesen treiben und hübschen Studentinnen hinterhersteigen möchte, ist auch ohne ihn schon längst die Hölle los.

Zu Beginn des Films herrscht an der Universität vor allem Misogynie-Horror. Der alte weiße Literaturdozent will in seiner Vorlesung nur Werke alter weißer Männer durchnehmen. Die schwarze Studentin, die Unterschriften für seine Absetzung sammelt, hat zuvor schon dafür gesorgt, dass die Büste des Universitätsgründers aus dem Eingangsbereich entfernt wird, wegen schweren Rassismusverdachts. Der Mann hatte anscheinend einen exzessiven Sklavenfetisch. Und auf der Weihnachtsfeier einer dieser Reiche-Söhne-Studentenverbindungen führen die vier Heldinnen dieser Geschichte in knappen Santa-Claus-Kostümchen ein Lied auf, um gegen die grassierende rape culture auf dem Campus zu demonstrieren: Eine von ihnen ist von einem der Verbindungsburschen im Vorjahr vergewaltigt worden.

Unter diesen finsteren Voraussetzungen hat man es auch als Profikiller nicht so leicht, um Aufmerksamkeit in diesem Schreckenskabinett zu buhlen. Trotzdem spritzt bald das Blut, weil der Killer es aus Gründen, die hier natürlich nicht verraten werden, auf die vier Frauen abgesehen hat.

Wenn man jemandem zutraut, ins auserzählte Genre des Teenie-Splatterfilms zumindest ein bisschen frischen Wind zu bringen, dann ist es der amerikanische Produzent Jason Blum. Mit seiner Firma Blumhouse mischt er seit ein paar Jahren das superheldenfixierte Blockbuster-Hollywood von unten auf: Mit kleinen Budgets, aber einem unverschämt guten Gespür für neue Drehbuch- und Regietalente versucht er das traditionsreiche amerikanische Horrorgenre fürs 21. Jahrhundert attraktiv zu machen. Er produzierte unter anderem ein sehr anständiges Update der legendären "Halloween"-Reihe. Sein bislang größter Hit aber war "Get Out", 2017, für das der von Blum als Regisseur und Autor entdeckte Schauspieler Jordan Peele prompt einen Oscar fürs beste Drehbuch gewann. "Get Out" ist ein Psychothriller, der aber auch mit einem erstaunlichen Gespür für die feinen Risse im Land das fragile Verhältnis zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung in den USA erkundete - Splatter und Subversion aus einer Hand.

Die Männer in diesem Film sind allesamt degenerierte Idioten

Was Produzent Blum jetzt in seinem Horrorstück "Black Christmas" wagt, kommt in Hollywood, wo im Horrorgenre traditionell lüsterne Männer ihre Messer in schöne Frauenkörper gleiten lassen, einer Revolution gleich: Er hat für Drehbuch und Regie nur Frauen engagiert. Das ist aus Produzentensicht insofern ein Wagnis, als das Horrorkino zwar auch weibliche Fans hat, der Großteil des Publikums sich traditionell aber doch unter männlichen Zuschauern findet. Aber warum die alte Geschichte vom Killer, der den Mädchen nachstellt, nicht gerade deshalb mal aus weiblicher Perspektive erzählen?

Mit der Regie hat er die 33-jährige Filmemacherin Sophia Takal beauftragt, die zuvor vor allem als Schauspielern gearbeitet und das Drehbuch mit ihrer Co-Autorin April Wolfe geschrieben hat. In ihrer Auslegung des Genres leidet der Killer an einer Art Komplex wegen eines kleinen Geschlechtsteils, der ihn aber nicht sonderlich von seinen anderen, nicht-killenden Geschlechtsgenossen unterscheidet. Männer sind in dieser Geschichte fast alle degenerierte Idioten. Das gilt für den arroganten Literaturdozenten und seinen White-Supremacy-Stundenplan, und es gilt für die tough aufspielenden, aber im Kern windelweichen Verbindungsbürschchen, die ihre Campusvormacht mit allen Mitteln verteidigen wollen. Und es gilt für den übergewichtigen Trottel von Campus-Wächter, der sich sehr genervt die Mayonnaise aufs Schinkenbrot schmiert, während eine der Protagonistinnen ihm erklärt, ein Psychopath sei hinter ihr her - junge Frau, bitte stellen Sie sich nicht so an, wird schon alles werden, schließlich ist bald Weihnachten.

Dieses Panoptikum der Misogynie wäre ein bisschen oberlehrerhaft für einen Unterhaltungsgruselfilm, wenn die Macherinnen nicht zeigen würden, dass sie auch die Thrills des Genres beherrschen, und das tun sie. Es wird fleißig mit Eiszapfen, Messern und Pfeilen hantiert. Nur dass diese Ersatzphalli zum Schluss gegen ihre Besitzer verwendet werden.

Black Christmas, USA 2019 - Regie: Sophia Takal. Buch: April Wolfe, Sophia Takal. Mit: Imogen Poots, Lily Donoghue. Universal, 92 Minuten.

© SZ vom 13.12.2019/luch
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