Björn Stephans Roman " Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau":Wie überlebt man Schwerin?

Blick am Dienstag (04.10.2020) in Schwerin auf einen Neubaublock aus DDR-Zeit vor dem Abriss. Das Land Mecklenburg Vorpo

Auf der Suche nach einer Perspektive: Neubau in Schwerin

(Foto: Norbert Fellechner/Imago)

Björn Stephans Debütroman " Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau" erzählt vom Aufwachsen im Neubauviertel

Von Christoph Schröder

Klein Krebslow ist ein Terrain, das, wie so vieles, im Übergang zweier Staaten seinen Wert verloren hat. Eine Plattenbausiedlung am Rand einer nordostdeutschen Stadt, geplant als Wohnraum für 17 000 Menschen, allerdings nie fertiggestellt, weil der Zusammenbruch des Staates DDR dazwischenkam. "Das alte Land" heißt die DDR in Björn Stephans Debütroman nur. Die Familie seines Protagonisten und Ich-Erzählers Sascha Labude (ein Name, der in seinem Umfeld für alle möglichen Wortwitze herhält), ist im Frühjahr 1989 mit Stolz hier eingezogen. Fünf Jahre später, im Jahr 1994, in dem die Handlung des Romans überwiegend angesiedelt ist, ist Klein Krebslow ein Ort für "Assis" (so die Mutter) und Wendeverlierer. Wer kann, zieht wieder weg; viele sind bereits gegangen.

Diese bleierne Atmosphäre und die präzise eingefangene Stimmung eines noch nicht abgeschlossenen Transformationsprozesses grundieren den Roman. Das untergegangene alte Land und die damit einhergehenden Verluste sind überall sichtbar, schmerzhaft spürbar. Durch den schon langsam zerbröselnden Belag der Gehwege und Straßen kämpft sich das Unkraut. Der Vater hat nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes einen Vertreterjob angenommen und ist beinahe komplett verstummt; dafür fährt er nun einen Mitsubishi, den er weitaus besser pflegt als die Kommunikation mit seiner Familie. Zwei Stockwerke tiefer leben die beiden Pawelke-Brüder; kahlrasierte Köpfe, Bomberjacken, Springerstiefel.

Für Rechtsradikale wie sie wurde rückblickend der Hashtag "Baseballschlägerjahre" erfunden. Über Klein Krebslow liegt der Mehltau einer Apathie, der sich über die gesellschaftliche Gesamtstimmung wie über persönliche Verhältnisse gelegt hat: "Meine Familie", so sagt es der 13-jährige Sascha, "kam mir ermattet und langsam vor. Eine Zeitlupenfamilie, die wirkte, als hätte der Alltag, die Schwerkraft oder eine andere unsichtbare Macht ihr die Geschwindigkeit geraubt."

Es geht darum, Bewegung in den tristen Alltag zu bringen

Björn Stephan wurde 1987 in Schwerin geboren. Sein fiktiver Schauplatz Klein Krebslow weist in seiner Entstehungsgeschichte und seiner Struktur bis hin zu den nur leicht verfremdeten Straßennamen deutliche Parallelen zu dem Schweriner Stadtteil Krebsförden auf. Und doch sollte man "Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau" nicht als einen rein autobiografischen Erinnerungsbericht lesen, zumal der Ich-Erzähler des Romans sechs Jahre älter ist als dessen Autor, was gerade in der Pubertät ein ganzes Zeitalter ist.

Denn darum geht es, geht es auch: Um das Älterwerden in einer so merkwürdigen Zeit unter nicht minder merkwürdigen äußeren Bedingungen. Vor allem aber auch darum, der Tristesse des desillusionierenden Alltags Bewegung, Schönheit und eine Perspektive entgegenzusetzen. Sonny, Saschas bester Freund, der mit ihm gemeinsam die Klasse 7b besucht, hat sich Elton John zum Idol auserkoren und träumt von einer späteren Karriere als Musiker.

Sascha hingegen sammelt heimlich in einem Schreibheft fremdsprachige Wörter mit poetischen Bedeutungen, für die es in der deutschen Sprache kein äquivalentes Wort gibt. "Age-otori" zum Beispiel, ein Wort aus dem Japanischen, das ausdrückt, dass man nach einem Haarschnitt schlechter aussieht als davor.

Das Panorama des Romans wirkt ein wenig ausgedacht

Björn Stephans Roman ist sorgfältig konstruiert. Er eröffnet im Jahr 2019 mit der Rückkehr einer Frau namens Juri nach Klein Krebslow, die dort einen Brief ihrer verstorbenen Mutter vorfindet. Im folgenden Kapitel, nun im Jahr 1994, ist von einer "Monsterkatastrophe" die Rede, deren Auflösung bis zum Ende einen Spannungsbogen hält. Juri ist es dann auch, die im Haupterzählstrang Dynamik in das Leben des dreizehnjährigen Sascha Labude bringen wird. Ein Jahr älter als er, steht sie eines Tages als Neuzugang im Klassenzimmer. Juri, die in Wahrheit Jenni heißt, ist selbstbewusst, rebellisch und schlau. Ihre Leidenschaft gilt dem Weltraum. Aus dem Stegreif erklärt sie dem Physiklehrer die Entstehung des Universums; Sascha erzählt sie von ihrem großen Vorbild, der Kosmonautin Walentina Wladimirowna Tereschkowa, der ersten Frau im Weltall.

Elton John, das poetische Wörterbuch, die Weite des Universums - Stephans Panorama von Ausbrüchen, Wirklichkeitsverweigerungen und utopischen Gegenwelten, zu denen auch Saschas schwärmerische Verliebtheit in Juri gehört, wirkt zwar ein wenig ausgedacht, fügt sich aber auch auf der recht langen Strecke von 350 Seiten zu einem schlüssigen Ganzen.

Die einzig komplett missglückte Figur des Romans ist eine Art Universalweiser aus dem Morgenland: Herr Reza, ein alter Bewohner der Siedlung, der seinerzeit als Kommunist aus seiner Heimat in die DDR geflohen war, stattet die jugendlichen Protagonisten mit banalen Sinnsprüchen und Philosophemen am Rande des Kitsches aus. Saschas Tonfall dagegen, in dem er zwei Jahre später die Ereignisse rekapituliert, ist zwar angemessen schnoddrig, doch gemessen am Alter des Erzählers eine Spur zu abgeklärt-selbstreflexiv. Dafür produziert Stephan in seinem Debüt Erkenntnisse, die Gültigkeit bis in die Gegenwart haben. Vom Weltraum aus sieht schließlich alles sehr klein aus.

Cover: Björn Stephan Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Björn Stephan: Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau. Roman. Galiani Berlin Verlag, Berlin 2021. 352 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Galiani Berlin)
© SZ/fxs
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