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Björks Bühnenshow:Ritual fürs Matriarchat mit kreisrunder Flöte

Bjork In Concert - Esch-sur-Alzette, Luxembourg

Bjork am 16. November in Esch-sur-Alzette in Luxemburg.

(Foto: Getty Images)

In dieser Show tritt jede menschengemachte Struktur als Verlängerung der sogenannten Natur auf: Björk gibt ein Konzert in Luxemburg, verführt zum aggressiven Träumen und raubt einem die Worte.

Nach dem Konzert, am Treppenabsatz, kann man über die Ameisenköpfchen der aus der Halle strömenden Menschen blicken, und sich verspäteterweise über die Größe der Menge gruseln, deren Teil man gerade noch war, ohne es so recht zu bemerken. Von der Saalmitte aus betrachtet war Björk natürlich bloß spielzeugsoldatinnengroß gewesen, gleichzeitig hatte aber außer Zweifel gestanden, dass sie und ihre Leute nur für sich und - wenn überhaupt - für die Autorin dieser Zeilen und ihre Begleitung da waren. 6500 Leute am Samstagabend in einer Halle in Luxemburg, und man hatte das Gefühl, alles Dargebotene werde einem ganz persönlich eingeflüstert, eingeflötet.

Hinterher also, an der Garderobe, meint die Begleitung: Wie geil das war, dass der Chor am Anfang diese alten, verfremdeten Songversionen gespielt hat, "Sonnets/Unrealities XI" vom Album Medúlla zum Beispiel. Man hatte selber wieder nichts mitbekommen, stattdessen angenommen, der - anfangs zumindest - in Tracht gewandete isländische Hamrahlid-Chor habe irgendwelche obskuren Weisen gesungen.

Das erste Lied vom neuen Album, das gespielt wird, ist dann übrigens "The Gate" - die Wiedereröffnung der vernarbten Wunde als Tor. Man zupft sich vor Begeisterung gegenseitig am Ärmel, Erinnerungen ans Ferienlager, als ein Teenageboy in hautengen Cheap-Monday-Hosen einem Girl mit fingerdick schwarzem Kajal unter den Augen den iPod reichte: Wie, du kennst Björk nicht. Nostalgie, ja, aber nach der Zukunft.

Sprache versagt vor der Erfahrung, wird klein, irritierend handlich

Die Bühne ist eine grelle Umarmung, eigentlich aber: Wohnort eines unerklärlichen Einzellers, der weder Pflanze noch Tier ist, wie jenes im Pariser Zoo ausgestellte, dessen Gehege Blobzone heißt. Vorn hängt ein Vorhang aus weißen Fäden, Dichte regulierbar, sodass die auf ihn projizierten Animationen mal ätherisch durch den Raum schweben, mal opak leuchten. Die Animationen sind irre, virtuose, barock programmierte Blumen, die nirgends blühen, Vögel, die nirgends singen, Fruchtkörper, die zum Inneren eines Motors werden, zu einem Gesicht, zu einem Menschen, der in einer Explosion aufgeht, der aus einer Explosion hervorgeht, der in seinen Liebsten hineingeht, der seinen Liebsten umschließt, bis sie wieder zusammen explodieren, zu einer Blume, deren Computerchipsamen die Sporen künftiger Myzele bilden, und so weiter.

Man könnte denken: Anna Lowenhaupt Tsing, oder: Donna Haraway, oder: Annie Sprinkle, oder: Monique Wittig, oder: Luise Meyer, oder: Anni Albers. Gerade als Schriftstellerin und Poplümmel ist man verführt, an Autorinnen, Weberinnen, Denkerinnen zu denken, an Frauen, die man kennt, denn: Man will nicht alleine hier sein, man hielte diese Schönheit alleine nicht aus, Gott sei dank gibt es diese Frauen, und die Begleitung.

"Show Me Forgiveness" wird in einer am Rande der Bühne verbauten Nachhallkammer gesungen. Absolute Intimität. Mit jedem Ton, den Björk ausstößt, saugt sie das Publikum an sich heran. Die Sängerin als lebensspendende Krake, eine Spezies, die ja bekanntermaßen über drei Herzen verfügt. Ihr Gesicht flackert als Doppelvignette auf den Vorhangrändern.

2004 stand im New Yorker in einer Reportage über Björk: "The moment you try to put this idea into words, however, the glacier of cliché begins to advance". - In dem Moment allerdings, in dem man versucht, diese Idee in Worte zu fassen, beginnt der Klischee-Gletscher zu wachsen. Den Satz muss man, als Grenzfunktion der Sprachlosigkeit, im Hinterkopf behalten, wenn man jetzt in diesem Text hier liest: Das Konzert wurde begangen, wie man einen Gottesdienst begeht.

Um einen herum wippen die Körper in immer kleineren, immer unkontrollierteren Schwingungen. Da sind portugiesische Normcore-Heteropärchen Mitte 50, transeuropean Gays mit goldenem Kopfsch-muck, da ist die sämtliche Geschlechtergrenzen transzendierende, Fritten snackende letzeburgische Dorfjugend. An diese Mitstreiterinnen denkt man, später, auf dem Treppenabsatz stehend, der von nun an Anhöhe heißen soll, weil nach dieser Show jede menschengemachte Struktur als Verlängerung der sogenannten Natur auftritt, weil die einzige Option das aggressive Träumen ist, vom Richard Brautigan'schen cybernetic forest, filled with pines and electronics, zum Beispiel.

Drinnen in der Nachhallkammer macht Björk mit "Venus As A Boy" weiter - elegisch, flötig, absolut nicht hektisch, aufgeräumt, dreamy. Diese Adjektive sind, natürlich, nicht mehr als Eingeständnisse ihres eigenen Scheiterns. Hilflose Beschreibungen, die klingen, als wollte man ein Blogger-style-vintage-look-boho-chic-Kleidungsstück auf Ebay verkaufen, Worte, die bloß auf eins verweisen können: eine Musik, eine Show, die sich allen Erzähl- und Genre- und Kontigenzzwängen verweigert, während bloß die folgenden gesprochenen Worte fallen: Merci, bien, beaucoup, Luxembourg, Bonsoir, Hello.

Vor der Zugabe hält Greta Thunberg noch eine angenehm linksradikale Videobrandrede. Die Teens tanzen also zur utopiasierten, von Dur nach Moll transponierten Boy-Venus, die rund zehn Jahre vor ihrer Geburt erschienen sein dürfte, was relevant ist, weil es sich ja streng genommen um ein Lied aus der Zukunft handelt; folgerichtigerweise heißt der letzte Track auf "Utopia" ja "Future Forever".

Sprache versagt also vor der Erfahrung, wird klein, irritierend handlich, wird Wiederholung, dabei wiederholt gerade Björk sich nie, versagt sich auch dieser Abend der Wiederholung, ein perfektes Theaterstück, an dessen Replizierbarkeit man kaum glauben mag. Science und Fiction gehen eine Allianz ein, als zwei Seiten einer Medaille, deren Name Notwehr lautet, gegen die Verhältnisse um uns und in uns. Was ist das, das Dritte, das Flüchtige, das Permanente, das Dings, aus dem alles gemacht ist, was zählt: Verhältnisse, Beziehungen, Umwälzungen? Vielleicht: ein Lied, gesungen in einer strahlenden Kammer.

Die unglaublichen Kostüme von Olivier Rousteing und Iris van Herpen, die Björk, das Flöten-Septett, die Harfenistin, der Chor und die zwei Perkussionisten und ungezähltes mehr tragen, kannte man schon von Instagram, und trotzdem: Fashion wird hier nicht nur einfach groß geschrieben, Fashion findet hier erst zu sich selbst. Nie hat es - bei allem, mit Sicherheit schwerem, Bling - Kleidung gegeben, die sich eher für die arbeitende Frau eignet, die tanzende, spielende, stampfende, singende, röchelnde, atmende, schwitzende Frau, nie sahen working girls & women & co besser aus, und man träumt von den Runways, die diesen Gedanken - der ja schließlich auch aus ihnen kommt - vielleicht einmal wiederaufgreifen könnten.

Gerade hat Björk noch vom "Matriarchal Dome" gesungen, den man gemeinsam weben möge, in der besseren Welt - man kann auch befreite Gesellschaft sagen -, da segelt ein riesiger Hula-Hoop-Reifen, von der Decke. Es ist eine kreisrunde Flöte, die Flötistinnen drapieren sich um sie herum und spielen, und Björk singt in ihrer Mitte. Darum geht es auch: revolutionäre Rituale, Versuchsanordnungen, Laborszenarien, aggressive Träume eben.

Enis Maci wurde 2019 von "Theater heute" für Stücke wie "Mitwisser" zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres gewählt. 2018 erschien ihr Essayband "Eiscafé Europa" im Suhrkamp Verlag.