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Zum Tod von Biz Markie:Der Klassenclown des Rap

Ein wegweisendes Urheberrechtsurteil hatte für ihn dramatische Folgen: Rapper Biz Markie.

(Foto: Chris Delmas/AFP)

Biz Markie ist tot. Über einen, der die Party am Laufen hielt - zur Not mit dem einzigen Song der Pop-Geschichte, der ausschließlich vom Essen von Nasenpopeln handelt.

Von Joachim Hentschel

Was man gern vergisst, wenn man heute die Fallhöhen und Egomanien erlebt, die Hybriswallungen und Machtfantasien, die einen großen Teil des Hip-Hop-Geschäfts bestimmen: Ganz, ganz am Anfang waren Rapperinnen und Rapper vor allem Entertainer, Conférenciers. Sie hielten die Party am Laufen. Moderierten die Leute aus ihrer Crew an, die selbst nicht so gut mit Worten waren, die Breakdancer und Plattenscratcher. Und platzierten ab und zu ein paar Gags. Finster war das Leben in den späten Siebzigern ja oft genug, nicht nur in Harlem und der Bronx.

Das war die wichtigste, die Traumrolle für Biz Markie: die des Comic Relief, des "Hamlet"-Totengräbers. Das einzige Stück der Hip-Hop-Geschichte, das komplett übers Essen von Nasenpopeln erzählt, stammt von ihm, ebenso eine Betrachtung zur herrlichen Privatsphäre, die Menschen beim Klogang erwartet. Talentiert war Markie, "The Diabolical One", auch als sogenannter Beatboxer, also beim Imitieren von Rhythmusspuren mit dem Mund, und selbst das hat ja eine komödiantische Note. Auf "Def Fresh Crew", seiner ersten Platte von 1986, ist er als menschliche Drum-Maschine der Rapperin Roxanne Shanté zu hören. 1990 stand er sogar kurz davor, mit "Mouth Man" eine eigene Cartoon-Serie zu bekommen, aber dazu kam es dann doch nicht.

"Ich bin im Rap-Business der Klassenclown", sagte er der DJ Times in einem Interview. "So viel man auch über Selbstzerstörung rappt, man wird niemanden davon abhalten, sich kaputtzumachen. Ich dagegen bin hier, um die Leute glücklich zu machen."

Was nicht heißt, Biz Markie wäre nur eine Marginalfigur gewesen. Marcel Theo Hall, 1964 in Harlem geboren, fand bei DJ-Engagements in New Yorker Nachtklubs schnell Anschluss an die aufblühende Rap-Szene, war mit Pionieren wie Shanté, Marley Marl und Big Daddy Kane Teil der Juice Crew. 1989 landete er mit dem Song "Just A Friend" einen gewaltigen Crossover-Hit. Mit seiner (von einem Stück des Soulsängers Freddie Scott entlehnten) Refrainmelodie interessierte der Song auch das Pop-Publikum, es stieg auf Platz 9 der US-Charts und brachte dem Musiker einen Platin-Award. Im Text erzählt Markie von Liebeskummer, im Video sitzt er mit irrer Perücke als Mozart am Klavier. Von da an wäre er als Weltstar bestens vermittelbar gewesen.

Die Experten streiten sich, ob es am spektakulären Ereignis von 1991 lag, dass es mit der großen Karriere doch nichts wurde. Auslöser des Unglückes war der Song "Alone Again", für den Markie Ausschnitte aus der Schnulze "Alone Again (Naturally)" des irischen Sängers Gilbert O'Sullivan verwendet hatte. Im Hip-Hop, der damals ökonomisch weit weniger relevant war als heute, wurden solche samples damals in der Regel ungefragt genutzt. Ab und zu entlohnte man die Urheber nachträglich auf dem kleinen Dienstweg, wenn sich jemand beschwerte.

O'Sullivans Plattenfirma hingegen verklagte Markies Label. Wer ein Sample eines anderen Künstlers im eigenen Song verwende, ohne vorher zu fragen und Konditionen zu vereinbaren, so die Begründung, verletze das Urheberrecht. Die Kläger bekamen recht, das Album musste aus den Läden zurückgeholt werden. Nicht nur für Biz Markie waren die Folgen dramatisch. Der Präzedenzfall veränderte die kreative Praxis im gesamten Rap-Business von Grund auf. Was davor vor allem dem künstlerischen Impuls des DJs entsprungen war, wurde nun zur Verhandlungssache. Immer teurer, immer politischer.

Markie erreichte nie wieder den Status der späten Achtziger. Er versuchte sich als Sänger, scheiterte kläglich, denn die Autotune-Software musste erst noch erfunden werden. Er spielte in Filmen sich selbst, tauchte in Celebrity-Fitness-Shows und als Spongebob-Synchronsprecher auf. Immerhin profitierte er davon, dass er sich so früh als ikonischer Charakter positioniert hatte. Und auch das fatale Urteil kam ihm später noch zugute: 1997 sampelten ausgerechnet die Rolling Stones eines seiner Stücke für ihren Song "Anybody Seen My Baby?". Dafür dürfte er einige Schecks bekommen haben.

In den vergangenen Monaten hatte Biz Markie mit diversen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, musste mit schwerer Diabetes ins Krankenhaus, erlitt einen Schlaganfall. Am Freitag, so teilte sein Management mit, ist "The Clown Prince of Rap" im Alter von 57 Jahren in Baltimore gestorben.

© SZ/vs
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