Birgit Minichmayr über Liebe:"Ich wäre gerne anders"

Lesezeit: 11 min

Die Schauspielerin Birgit Minichmayr hat bessere Manieren als ihre Figuren: Ein Gespräch über trunksüchtige Liebhaber, Kurskorrekturen und Babyspeck.

A. Wewer

Als Birgit Minichmayr ins Berliner Café Podewil kommt - eine kleine, drahtige Person in Schwarz mit Sonnenbrille im roten Haar - ist sie stinksauer. Sie schimpft mit ihrer rotzig-rauchigen Stimme ins Telefon. Ein Fotoshooting ist blöd gelaufen, die Truppe hat ihr Make-up übers Kleid gegossen und Wunderkerzen ins Haar gesteckt. Das fand sie nicht lustig, obwohl sie, eine der talentiertesten Schauspielerinnen ihrer Generation, viel Humor hat. Wenn sie lacht, muss man mitlachen. Sie kramt Zigaretten aus einer unordentlichen Handtasche, bestellt Apfelschorle und konzentriert sich auf das Gespräch. Sie hat nicht nur sehr viele Sommersprossen, sie hat auch sehr gute Manieren.

Birgit Minichmayr über Liebe: "Ich werde dann ganz still": In ihrem neuen Film "Alle anderen" spielt Birgit Minichmayr eine PR-Frau im Beziehungschaos.

"Ich werde dann ganz still": In ihrem neuen Film "Alle anderen" spielt Birgit Minichmayr eine PR-Frau im Beziehungschaos.

(Foto: Foto: Reuters)

SZ: Frau Minichmayr, hatten Sie eigentlich schon immer diese Tom-Waits-Stimme?

Birgit Minichmayr: Nee. Ich konnte mal unglaublich hoch singen. Die tiefe Stimme kommt vom Rauchen, Schreien und Spielen und ist inzwischen ein schönes Markenzeichen geworden.

SZ: So wie Ihre roten Haare und die Sommersprossen.

Birgit Minichmayr: Die eher nicht. Ich sehe in meinen Rollen immer anders aus, bin nicht so schnell wiedererkennbar. Für den "Knochenmann" habe ich mir eine blonde Perücke machen lassen, weil ich meine Frisur zu städtisch fand. Und für den "Kirschblüten"-Dreh mit Doris Dörrie schnitt ich mir in einer Nacht-und Nebel-Aktion die Haare ab.

SZ: Worüber Maren Ade, die Regisseurin Ihres neuen Films "Alle Anderen", nicht amüsiert war.

Birgit Minichmayr: Sie war stinksauer! Die Gitti, die ich bei ihr spielte, sollte weiblich sein, kein burschikoser Typ. Also habe ich wie eine Wahnsinnige Haarwuchsmittel geschluckt, und das hat tatsächlich geholfen. Als wir anfingen, auf Sardinien zu drehen, waren meine Haare wieder halblang.

SZ: "Alle Anderen" ist ein Beziehungsdrama. Hätten Sie sich auch im wahren Leben in den unsicheren, zweifelnden Chris verliebt? Ist das Ihr Männertyp?

Birgit Minichmayr: Ich habe keinen Männertyp. Wenn man meine ganzen Ex-Freunde an einen Tisch zusammenholen würde, käme niemand darauf, dass die alle mal was mit mir zu tun hatten. Ich hatte sehr extrovertierte Männer und dann wieder extrem introvertierte. Nur Zweifel hatten sie alle. Ich stehe allerdings ein bisschen auf böse Buben. Die gefallen mir, die finde ich sexy. Die Initialzündung beim Verlieben ist bei mir aber nie das Aussehen. Die Projektion von einem geilen Typen ist das eine, ich verliebe mich aber in andere.

SZ: Jetzt, mit Anfang dreißig, wahrscheinlich in andere Typen als mit Mitte zwanzig?

Birgit Minichmayr: Ich hatte eine Zeitlang Männer, die suchtgefährdet waren. Das kann ich nicht mehr, das mache ich nicht mehr mit. Das weiß ich jetzt.

SZ: In Theaterkreisen heißt es oft, die Minichmayr, die spielt diese großen, wilden Rollen, die kann was ab . . . Sie trinken und rauchen auch nicht gerade wenig, oder?

Birgit Minichmayr: Ja klar, aber abgesehen von Zigaretten habe ich keine Abhängigkeiten. Allerdings gibt es auch Tage, an denen ich nicht rauche und Wochen, in denen ich nicht trinke. Wenn ich aber nun mit jemandem zusammen bin, der ein richtiges Alkoholproblem hat, komme ich mit ihm nicht dahin, wo ich in einer Beziehung hin möchte. Und ich bin nicht mehr dazu bereit, Kindermädchen zu spielen und zu ermahnen: "Mann, hör auf zu trinken, das tut dir nicht gut."

SZ: Sie haben hinreichend Erfahrung mit trunksüchtigen Liebhabern?

Birgit Minichmayr: Allerdings! Früher wollte ich die Rolle wohl spielen und mein Helfersyndrom ausleben. Heute würde ich mich nicht mehr auf so eine Beziehung einlassen, selbst wenn ich verliebt wäre. Hoffe ich zumindest. Leider ist die Liebe so unberechenbar.

SZ: Für Ihre Rolle in "Alle Anderen" haben Sie den Silbernen Bären auf der Berlinale gewonnen. Sie spielen die impulsive PR-Frau Gitti, die zu ihrem erfolglosen Freund Chris den Satz sagt: "Ich wäre manchmal so gerne anders für dich."

Birgit Minichmayr: Gitti versucht für eine Weile, es Chris in allem recht zu machen. Mehr so zu sein, wie die Frau des erfolgreichen Architekten, auf den das Paar in ihrem Sardinien-Urlaub trifft. Daraus spricht die Sehnsucht, dass es dann vielleicht insgesamt nicht so schwierig wäre mit dieser Beziehung. Nur: Für jemanden anderen kann man sich nicht verändern. Das funktioniert vielleicht für eine Zeit, auf Dauer ist es aber nicht lebbar. Ich möchte im Sommer zum Beispiel aufhören mit dem Rauchen. Wenn ich das mache, dann für mich, aber niemals für meinen Partner. Im Film hasst Gitti sich am Ende dafür. Und ihn auch.

SZ: Aber heißt es nicht heute immer, man müsse in einer Beziehung Kompromisse machen?

Birgit Minichmayr: Die macht man sowieso immer, schon ein "Wir" ist ein Kompromiss. Ein Freund von mir hat neulich mal einen Hammersatz gesagt, der mich erschreckt hat: "Meine Großeltern waren für immer zusammen, meine Eltern haben sich getrennt und ich lasse mich gar nicht mehr ein." So weit ist es also schon gekommen? Ist das die Konsequenz? Um das Thema geht es auch in "Alle Anderen": Dass man sich zueinander bekennt. Vor anderen, aber vor allem auch vor seinem Partner. Damit der wirklich weiß, mit wem er es zu tun hat.

SZ: Genau über diese Erkenntnis gerät das Filmpärchen - er Idealist, sie realistische Macherin - in Streit. Es gibt kein Miteinander mehr, sondern ein Gegeneinander. Gibt die Generation der "Thirtysomethings" zu schnell auf?

Birgit Minichmayr: Keine Ahnung, ich bin jedenfalls ein Kämpfer und gebe nicht schnell auf. Wenn ich gegangen bin, dann war die Liebe nicht mehr da. Ich wusste immer genau, warum ich gehe. Die Erkenntnis ist traurig, aber wenn der Entschluss gefasst ist, auch eine Erleichterung. Der Vorwurf, den man dieser Generation machen könnte, ist sicherlich das Unentschiedene.

SZ: Der Film zeigt das, gibt aber auch keine Richtung vor, oder?

Birgit Minichmayr: Doch, weil er verdeutlicht, wie sehr sich das Paar genau damit quält. Mancher mag ihre Probleme für nichtig halten, für sie ist es aber existentiell.

Lesen Sie auf Seite 2, warum es nicht schlimm ist, für die Liebe zu arbeiten.

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