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Biografie:Zeilen einer Wilden

"In Schwabing muss man gesehen werden", erinnerte sich die Fotografin Germaine Krull an die Bohème.

(Foto: Nachlass Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen)

Die Monacensia erhellt die literarische Seite der Fotografin Germaine Krull

Anstößige Aktbilder, Mode-, Werbe- und Porträtfotografie, die in ihrer Art der Malerei nacheifern will, und Fragmentaufnahmen technisch revolutionärer Bauten - was scheinbar gegensätzliche Bildinhalte sind, vereint sich in der Person von Germaine Krull. Der avantgardistischen Fotografin (1897-1985) wird nicht nur die Begründung der fotografischen Moderne in Frankreich nachgesagt, sondern auch eine enge Freundschaft zu Man Ray und Walter Benjamin.

Die Künstlerin, die als Tochter deutscher Eltern im ostpreußischen Wilda geboren wurde, sprach von sich selbst gern als Chien fou, als verrückter Hund - und beschreibt damit wohl am besten ihre Biografie. Nachdem sie in Italien, Frankreich und der Schweiz aufgewachsen war, absolvierte sie eine Ausbildung an der Lehr- und Versuchsanstalt für Fotografie, Chemie, Lichtdruck und Gravüre in München. Dem Ersten Weltkrieg zum Trotz eröffnete sie hier 1917 ein Fotoatelier; erklärtes Ziel war es, dieses Atelier als Haupttreffpunkt des ohnehin stark künstlerisch und intellektuell geprägten Schwabing zu etablieren. "In Schwabing muss man gesehen werden. Man schläft miteinander, raucht, intrigiert und amüsiert sich auf Teufel komm raus. Manchmal arbeitet man auch", schreibt Krull in ihren autobiografischen Erinnerungen, die sie "Chien fou" nannte.

Viele literarische Stücke Krulls sind bisher unveröffentlicht. Sie lagerten im Nachlass der Künstlerin, die mehr als Fotografin denn als Autorin Bekanntheit erlangte - und werden jetzt von der Monacensia in Kooperation mit dem Museum Folkwang im Rahmen der Ausstellung "Dichtung ist Revolution" der Öffentlichkeit präsentiert. Während sie erst in den Dreißigerjahren mit dem Schreiben begann, verstand Krull jedoch auch ihre Rolle als Fotografin nicht ausschließlich als der Ästhetik verpflichtet: "Der Fotograf ist ein Zeuge. Ein Zeuge seiner Epoche. Der echte Fotograf ist der Zeuge aller Tage, der Reporter."

In ihren Werken - den fotografischen wie literarischen - beschreibt und hinterfragt Krull gesellschaftliche Strukturen und Funktionen; nicht zuletzt sind die Veränderungen durch den Ersten Weltkrieg und die Novemberrevolution ein zentrales Thema bei ihr. Germaine Krull selbst schloss sich bei der Revolution den Spartakisten an; Kurt Eisner zählte sie zu ihren Freunden und Fotomodellen. Als politische Aktivistin, die versuchte, nach der Zerschlagung der Räterepublik zwei Revolutionären zur Flucht zu helfen, wurde sie 1919 aus Bayern ausgewiesen; es folgte ein nicht weniger turbulentes Leben auf verschiedenen Kontinenten.

Erst 1976 spürte das Sammlerehepaar Ann und Jürgen Wilde die Künstlerin, deren Person und Werk in der Nachkriegszeit in Vergessenheit geraten war, in Indien auf. Ein Jahr später boten sie den kommerziellen, journalistischen und künstlerischen Fotografien Krulls in einer Retrospektive Raum zu wirken. An diesem Dienstag wird nun die Schauspielerin Katja Schild in der Monacensia im Hildebrandhaus aus den teils unveröffentlichten Manuskripten und Dokumenten Krulls lesen, aus dem Französischen übersetzt von Gabriele Krause. Eine Erinnerung in Romanform, eine fiktionale Erzählung über sie selbst bis 1922 sowie ihre Autobiografie lassen Rückschlüsse auf Germaine Krulls ebenfalls außergewöhnliche schriftstellerischen Fähigkeiten zu. Es ist eine Zeitreise in das Schwabing der Intellektuellen, Freigeister und Künstler.

Es herrschte eine Atmosphäre revolutionären Widerstands; Dienstag, 12. Februar, 19 Uhr, Monacensia im Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Straße 23