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Biografie:Im Maschinenraum der Erinnerung

Harun Farocki: Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig. Fragment einer Autobiografie. Schriften Band 1. Hrsg. von Marius Babias, Antje Ehmann. n.b.k. Diskurs/Neuer Berliner Kunstverein. Walther König, Köln 2017. 208 Seiten, 19,80 Euro.

Für ihn hörte ein Film nicht am Rande der Leinwand oder nach dem Abspann auf: Mit dem "Fragment einer Autobiografie" wird die Reihe der Schriften des verstorbenen Filmemachers Harun Farocki eröffnet.

Es war einmal, im Jahr 1972, da tauchten plötzlich geheimnisvolle Schriften auf an Berliner Hauswänden. "Zwischen 2 Kriegen". Es ist mysteriös, gespenstisch, surreal, man denkt an Serials von Louis Feuillade, "Fantômas", "Judex", die "Vampires".

Feuillade in den Zehner- und Zwanzigerjahren, das gehört zu den reinsten Ausformungen des französischen Surrealismus, der vom Kino mehr geprägt wurde als vom Schreiben. Eine Gesellschaft, die sich in ihrer Rätselhaftigkeit zur Schau stellt, aber die Rätsel bleiben undurchschaubar. Das Rätsel an den Berliner Hauswänden ist relativ einfach und schnell geklärt, Harun Farocki hat die Inschrift fabriziert, um die Leute gespannt zu machen auf seinen Film "Zwischen zwei Kriegen". Eine kleine Reklame-Sprayer-Aktion.

Farocki hat seine Projekte immer rundum betreut - gesprüht hat er später auch für "Etwas wird sichtbar" -, das ist seine ganz eigene Art der Postproduktion. Mit dem Film- oder Textende sind diese nicht fertig. Essay ist alles, was er machte: Dutzende Hörfunk- und Filmbeiträge, viele Jahre lang vor allem für den WDR, Texte zu Politik und Ästhetik, viel für die Zeitschrift Filmkritik, die Gespräche mit Kaja Silverman über einige Godard-Filme, die Installationen. In den Filmen von Christian Petzold taucht er als Mitarbeiter auf, mit dem er gemeinsam bei Tasmania Berlin Fußball spielte. In einem Text, seinerzeit in der Filmkritik veröffentlicht, erzählt er, wie er abends durch die Basler Kneipen zog und frühere Hefte der Filmkritik den Gästen angeboten hat. Das war 1976, als er Heiner Müllers "Die Schlacht" und "Traktor" inszenierte, am Theater Basel, zusammen mit dem Freund Hanns Zischler.

Die Autobiografie folgt zum großen Teil der Chronologie, in Zehnerschritten. Eine Arithmetik der Erinnerung. Kindheit in Indonesien, der Umzug nach Deutschland, Bad Godesberg und Hamburg, die Jesuitenschule, die Flucht aus dem bürgerlichen Elternhaus. Farocki ist im Juli 2014 gestorben, siebzig Jahre alt. "Dass er an seinen Lebenserinnerungen arbeitete", schreibt Marius Babias in seinem Vorwort, "die in eine éducation sentimentale der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Geschichte Westberlins eingewoben sind, war nur im Freundes- und Familienkreis bekannt. Entstanden über einen Zeitraum von zehn Jahren, waren die Aufzeichnungen zwar zur Veröffentlichung bestimmt, allerdings nicht in der jetzigen, unvollendeten Form". Nicht vollendet wurden die zwei letzten Teile, ein offenes Schreiben. In den nächsten Bänden der Farocki-Ausgabe sollen seine theoretischen Texte (wieder) aufgelegt werden, das Projekt steht unter Leitung des Harun-Farocki-Instituts.

Die digitalen Medien lösen das Sehen auf. Sie sehen nun selbst

Es ist eine abenteuerliche Jugend, mit einer Menge Reißaus und Unrast, zwischen Berlin und Köln und auch Paris. Eine Zeit ist hier reflektiert, in der mit dem Denken neu angefangen wurde, man spürt den Spirit von Walter Benjamin. "Ich machte mir manchmal Vorstellungen, wie es in meinem Köpfchen aussah, und ich hatte das Bild eines sauberen Maschinenraums vor Augen. Oder die Kommandobrücke eines Schiffes, eine solche hatte ich auf der Überfahrt nach Europa gesehen."

Die Geschiche des Sehens, das ist das Thema, das Farocki sein Leben lang beherrscht, und wie es sich verändert durch die neuen, die digitalen Medien, die das sehende Subjekt, das Individuum auflösen. Nun sehen die Systeme selbst. Man sollte, während man das Buch liest, ein paar der Farocki-Filme dazu sehen (eine Auswahl ist auf DVD erschienen bei Absolut Medien).

Es ist eine Geschichte der Sechziger und Siebziger der BRD, ein Buch, in dem es ums Überleben geht, Tag für Tag. Und wie dieses Überleben zusammenhängt mit Revolten, Auflehnung und Flucht. Suchen nach Zimmern und Wohnungen, nach Unterkunft durchziehen das Buch, in Altbauten und auf Hinterhöfen. Er ist ein Obdachloser, lebenslang, aus Prinzip. "Jetzt, mit dreißig, hatte ich keinen Freund mehr, der mit mir auf lange nächtliche Wanderschaften ging. Vor allem keinen, mit dem die Nacht für das andere stand, für eine Zukunft, in der wir ganz andere sein könnten. Die Hoffnung auf ein anderes Ich hatte ich noch nicht aufgegeben, aber ich wusste, dass ich sie für mich behalten musste." Einmal wird von einem Selbstmordversuch erzählt.

Er ist abhängig von Freunden, von Freundschaften, und er beutet seine Arbeitgeber aus, wenn es um Rechte geht an seinen Filmen oder um Material, Umschläge, Filmkleber, Allongen, Schwarzfilm, Bücher, nächtliche Telefonate, er trickst mit Reisekostenabrechnungen. Es fällt der Begriff "produktiver Diebstahl". Der Begriff des Eigentums wird in Frage gestellt von dieser Generation, auch der des geistigen. Farocki tut sich mit Hartmut Bitomsky zusammen, der spielt in Filmen von ihm, sie drehen gemeinsam, eine "Sache, die sich versteht". Gemeinsam mischen sie die dffb auf, die Deutsche Film- und Fernsehakademie, provozieren die eigene Relegation. Sie wollen nicht politische Filme machen, sondern Filme politisch.

Eine besondere Beziehung hat Farocki zu Ingemo Engström aus Helsinki, Studentin der HFF, der Hochschule für Fernsehen und Film in München, die sehr kritisch sein kann - "Ingemo hielt von all dem, was ich in den letzten Jahren gedreht hatte, nichts" - und sehr verlangend, immer wieder verlangt sie Farockis Mitarbeit bei ihren eigenen Filmen. Er meditiert, angesichts eines Bildes von ihr an einer 35-mm-Kamera, über den Blick des Regisseurs. "Dabei hatte sie den Mund leicht geöffnet, wohl zum Zeichen einer geistigen Anstrengung. Ihr Blick sollte gleich Wort werden, auf ihre Inaugenscheinnahme sollte eine Arbeitsanweisung folgen." Eine professionelle Beziehung, aber auch mehr als professionell. Es gibt ein berühmtes Bild - auch im Band reproduziert -, da sind ihrer beider Köpfe so hintereinander geschoben, dass sie zusammen ein Doppelwesen ergeben.

Eine Einstellung wie von Alain Resnais, dessen "Hiroshima mon amour" hat Farocki geliebt.

. Erzählen und Erklären, es ist, als musste in der Nachkriegszeit der Umgang mit Bildern und Zeichen neu gelernt werden, ein Teil des Wirtschaftswunders. Vor einer Filiale von Kaiser's Kaffee wundert sich Harun über das Markenzeichen, die Kaffeekanne, deren Tülle eine Nase ist und die pausbäckig lacht. Er hätte das eher in einem Kinderbuch erwartet. "Für mich stand diese Kanne für die erstaunliche Einsicht, dass die Warenwirtschaft die Kinderseele der Erwachsenen anspricht. Stand für die Lachgesellschaft, wobei ich nicht wusste, dass die historisch neu war in Deutschland ... Diesen Ernst des Erwachsenenlebens hatten mir meine Eltern vermittelt und auch die Jesuitenschule verkündete ihn ex cathedra. Diesen Ernst aber unterminierten die lachende Kanne, das HB-Männchen und der Hör zu-Igel."

Liebe, Arbeit, Kino gehören zusammen bei Harun Farocki. Das aktuelle, das wirkliche Leben drängt ins virtuelle, erträumte. Farocki zitiert aus einem Text über "Etwas wird sichtbar", von Frieda Grafe in der SZ: "Die Trauer ist noch größer als die Enttäuschung. Die Zeiten nach der Revolution sind schwer. Wenn man zur Tagesordnung übergeht, wenn die reinen Kämpfer von gestern ihre Unschuld verlieren." Der Text gehört für Farocki zum Film, Postproduktion. "Das war eine sehr wohlmeinende Kritik. Sie beschrieb einen Film, den ich gern gemacht hätte. Aber nicht gemacht habe."