Biografie:Museen sind Marktplätze. Es wird gekauft und verkauft

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Sein erstes Museum in der Industriestadt Zwickau macht er zu einem Zentrum der Moderne und der Arbeiterbildung. Nebenbei baut er die erste große Sammlung zeitgenössischer künstlerische Fotografie für den Dresdner Industriellen Kurt Kirchbach auf. Es entsteht eine enge Freundschaft, die über Zeiten erzwungener Arbeitslosigkeit hinweg hilft. Seit den Zwanzigerjahren handelt der junge Kunsthistoriker auch mit Kunst - mit Briefkopf des Museums, was damals nicht unüblich ist. Museen sind Marktplätze. Es wird gekauft und verkauft.

Als Hildebrand Gurlitt wegen nationalistischer Hetze gegen seinen leidenschaftlichen Moderne-Kurs erst den Job in Zwickau und später auch noch den als Leiter des Kunstvereins Hamburg verliert, verlegt er sich ganz aufs Handeln. Als die antisemitischen Gesetze verschärft wurden und Hildebrand wegen seiner jüdischen Großmutter um seine Händlerlizenz bangen muss, übernimmt seine Frau Helene die Geschäfte. Sie führt fortan die Bücher für die Steuer und unterdrückt alles Verfängliche.

Hoffmann legt nahe, dass Kontakte zum Evangelischen Bilderdienst Gurlitt den Weg zur Verwertungsstelle "Entartete Kunst" geebnet haben, wo er Verträge über 78 Gemälde, 278 Aquarelle, 52 Zeichnungen und 3471 Drucke abschließt. Vieles davon geht, entgegen den Abmachungen, direkt an seine norddeutschen und rheinischen Sammler. Etliches auch an andere Händler. Vieles behält er selbst. So weit alles bekannt.

Gurlitt soll an der Seine für deutsche Kunst werben

Neu ist, dass Hildebrand Gurlitt "im Interesse des Reiches" bereits im Jahr 1940 ins besetzte Holland reisen darf, wo sein alter Bekannter aus Berliner Studienzeiten, Eduard von Plietzsch, Kunstsachverständiger der Dienststelle Mühlmann geworden ist. Ein weiterer alter Bekannter, der Kunstkritiker Erhard Göpel, findet wiederum ein neues Auskommen im Referat Sonderfragen für die besetzten niederländischen Gebiete. Gurlitt ist damit ganz nah an den Quellen von Raubkunst und kauft "rauschhaft".

Im Juni 1941 beruft dann die Kulturabteilung der deutschen Botschaft in Paris, das Deutsche Institut, Gurlitt in die Seine-Metropole. Er soll Ausstellungen organisieren, für deutsche Kultur werben. Für seine Handelsaktivitäten nutzt er fortan auch die Kuriere der Botschaft. Meike Hoffmann bezeugt darüber hinaus Gurlitts große Nähe zum Deutschen Kunstschutz. Nutznießer waren seine privaten Kunden, genauso wie etliche deutsche Museen.

So war Gurlitt in Paris längst Hans Dampf in allen Gassen, als er von Hermann Voss den Auftrag erhielt, als Einkäufer für Hitlers Linzer Museum tätig zu werden. Wieder zu besonderen Konditionen. Seine letzten Einkäufe tätigte Gurlitt noch nach dem D-Day (6. Juni 1944). Kunst, die er nicht mehr außer Landes bringen konnte, deponierte er bei befreundeten Kunsthändlern und holte sie nach dem Krieg ab, als er wieder in deutscher Kulturmission reisen durfte.

Durch einen Film zur Eile getrieben

Das detailreiche, aber bisweilen betuliche Buch wäre lesbarer, wenn sich die Autorinnen mehr Zeit gelassen hätten, aus einem Sammelsurium von beziehungsreichen Namen und entlarvenden Zitaten eine kohärente Erzählung zu bauen, die Konkurrenzen und Seilschaften unter Kunsthändlern und Kunsthistorikern genau untersucht. Aber die von dem Filmemacher Maurice Philippe Remy angekündigte "wahre Geschichte", trieb Agentur und Verlag zur Eile.

Meike Hoffmann verteidigt ihre nebenberufliche Parforcejagd: Die Biografie werde durch neu ausgewertete Dokumente nicht falsch. Aber präziser. Schließlich geht es um die Entschlüsselung eines Systems, das erheblichen Einfluss auf die Kunstpolitik Nachkriegsdeutschlands gewann.

Meike Hofmann, Nicola Kuhn: Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt 1895 - 1956. Die Biographie. Verlag C.H . Beck, München 2016. 400 Seiten mit 36 Abbildungen, 24,95 Euro.

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