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Biografie:Heidelandschaft mit Faun

Selbstporträt aus der Erzählung "Piporakemes": "Da stand ein Mann mit einem dünnen, scheußlich=roten Plastikschlauch in der Hand, auf schütterem, pfuscherhaft=gemähtem Rasen."

(Foto: Arno Schmidt Stiftung/Suhrkamp)

Warum gibt es eigentlich noch immer keine Arno Schmidt-Biografie? Ein exzellent kommentierter Bildband füllt einen Teil der Lücke.

Wie bildet man ein Leben ab? Wie erinnert man sich daran? Und wie soll man davon erzählen? In seinem 1953 erschienenen Kurzroman "Aus dem Leben eines Fauns" verschaltet Arno Schmidt die äußere Handlung und den inneren Monolog seines Ich-Erzählers Heinrich Düring in Form knapper Prosasplitter. Düring erklärt zu Beginn: "Mein Leben ? ! : ist kein Kontinuum! (nicht bloß Tag und Nacht in weiße und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender Fächer; der rennt; raucht; kotet; radiohört) ein Tablett voll glitzender snapshots."

Die Fotometapher bezüglich des Erinnerns taucht oft auf in Schmidts Werk. In dem Essay "Berechnungen 1" schreibt er: "man erinnere sich eines beliebigen kleineren Erlebniskomplexes, sei es ,Volksschule', ,alte Sommerreise' - immer erscheinen zunächst, zeitrafferisch, einzelne sehr helle Bilder (meine Kurzbezeichnung: ,Fotos'), um die herum sich im weiteren Verlauf der ,Erinnerung' ergänzend erläuternde Kleinbruchstücke (,Texte') stellen: ein solches Gemisch von ,Foto=Text=Einheiten' ist das Endergebnis jedes bewußten Erinnerungsversuches."

Die Bildbiografie, die als Edition der Arno Schmidt-Stiftung im Suhrkamp-Verlag erschienen ist, entspricht genau diesem Erinnerungsrezept: Fotos, um die sich Kleinbruchstücke gruppieren. Das Ding wiegt ein gutes Kilo und ist Augenschmaus und biografische Fundgrube in einem. Zum einen liegt das an den enorm kundigen Erklärungen des Arno-Schmidt-Extremexperten Bernd Rauschenbach, der jedes biografische Kapitel einleitet. Die Hauptquellen für die bildgarnierenden Texte aber sind autobiografische Aufzeichnungen und Briefe Arno Schmidts, sowie Passagen aus dessen Büchern, was in Schmidts Fall für eine Biografie unbedingt legitim ist. Denn all seine Hauptfiguren, diese berserkerhaft-verbohrten Bildungswutbürger und beißenden Ironiker, ähneln ihrem Schöpfer im Guten wie im Schlechten auf fast schon monomanische Art und Weise.

Alice hatte eine bestechende Beobachtungsgabe. Und sie hatte es nicht leicht mit ihrem Mann

Die letzte große Quelle sind die Tagebücher seiner Frau Alice, die man übrigens unbedingt für sich genommen einmal lesen sollte. Die Frau hat eine bestechend scharfe Beobachtungsgabe. Und sie hat es wahrlich nicht leicht gehabt mit ihrem schratigen Mann. Nach der Heirat verbot ihr Schmidt eine Fortsetzung ihrer Berufstätigkeit. Stattdessen sollte sie sich heranbilden zu einer Allroundassistentin für sein literarisches Werk, eine Rolle, die sie so klag- wie selbstlos für den Rest ihres Lebens ausfüllte. Schmidt beschrieb diese Beziehung einmal als "eine ganz ideale vertikale Liebe (meine Spezialität! Leider!)"

Schmidt, der immer um seine Bedeutung wusste und für spätere Biografen alles nur Mögliche archivierte, schrieb in den "Materialien für eine Biografie", sein Leben und sein Werk seien "in entscheidendem Maße vom Ort abhängig". So ist es nur konsequent, dass die Herausgeberin Fanny Esterházy ihr wunderschön gestaltetes Buch nach den Orten gliedert, an denen Schmidt lebte, Orte, die so abgelegen-provinziell sind, wie sie klingen: Lauban, GauBickelheim, Kastel. Dass Bargfeld am Ende zwei Kapitel einnimmt, ist nur konsequent, schließlich verbrachte Schmidt hier die letzten zwanzig Jahre seines Lebens, bunkerte sich mehr und mehr ein und schrieb und übersetzte, wie es der Germanist Wolfgang Albrecht ausdrückte, in "entfesselter Selbstentfaltung" Buch um Buch, am liebsten nachts zwischen eins und sechs, weil es dann im ohnehin totenstillen Bargfeld am allerstillsten war.

Wie wichtig Schmidt die Fotografie war, kann man schon daraus ersehen, dass er 1950, obwohl bettelarm, vom Preisgeld seiner ersten Auszeichnung, dem "Großen Preis für Literatur" der Mainzer Akademie, eine Rollfilmkamera der Marke Bonafix kaufte. Bettelarm ist in seinem Fall nicht übertrieben: Sein Auftritt bei der Preisverleihung löste bei der Festgemeinde irritiertes Gemurmel aus: "Wir fragten uns: Propagiert er seine Notlage oder besteht sie wirklich? Er trug kein Hemd unter der Jacke, und hielt, um diese Tatsache zu verstecken, dauernd den hochgestellten Rockkragen mit der einen Hand zusammen", schrieb Werner Helwig in einem Brief. Auf dem Preisverleihungsfoto, das Helwigs Beschreibung beigestellt ist, ahnt man die nackte Haut unter dem Sakko.

Von Schmidt selbst gibt es nur wenige snap-shots, erst recht keine "glitzernden", die wenigen Bilder, die überliefert sind, zeigen anfangs ein Kind aus sehr einfachen Hamburger Verhältnissen. Im Krieg war er in Norwegen stationiert - "heroische Landschaft? merci, s'il vous plaît! Norwegen iss der Arsch der Welt; und zwar ein kalter und nasser, und finster obendrein, eine gewisse beängstigende Erhabenheit allenfalls" -, kam 1945 in ein Kriegsgefangenlager bei Brüssel und wurde von den Briten als Übersetzer engagiert. Auf den wenigen offiziellen Autorenfotos der Nachkriegszeit starrt er in derart eiserner Arroganz in die Kamera, dass einem jedes Mal wieder sein Satz einfällt: "Ich finde niemanden, der so häufig recht hätte wie ich!"

Als sie zuerst erschienen, waren Schmidts Texte Wundertüten und Sprengkapseln zugleich

Fanny Esterházy ist tief in die Archive gestiegen und hat alles, was sie finden konnte, zu einem opulenten Tableau montiert: beeindruckend akkurate Zeichnungen zu den Schauplätzen seiner Bücher; Manuskripte, Zeitungsartikel, Quittungen, Zettelkästen, Landkarten und andere Pläne. All das hätte unbedingt Schmidts Placet gefunden: "moderne Schriftsteller müssten gesetzlich dazu angehalten werden, zu notieren, was für Sendungen sie-sich so täglich angesehen haben", schreibt er in "Zettel's Traum". Er selbst hat das weidlich getan, und so hat dieses Buch streckenweise die Fülle eines Quelle-Katalogs aus den Siebzigerjahren. Was auch wieder passt, siehe nochmals "Zettel's Traum": "QUELLE?: Hallt-ßstopp!: ,Allso das 'ss'n kulltourhistorisches Dockumännt!'"

Solange es immer noch keine SchmidtBiografie gibt (warum eigentlich nicht?!), dürfte dieses Buch das wichtigste kulltourhistorische Dockumännt über das verschroben-herrische Genie aus Bargfeld sein. Die Bilder und Texte geben tiefen Einblick in das Wesen dieses Menschen und seiner Zeit. Vor dem Hintergrund der reaktionären Aggressivität und speckigen Behäbigkeit der Adenauerzeit bekommt Schmidts Schreiben erst seine ganze Würze. Heute wirkt sein Figurentableau auf manche gräulich, sein Stil manieriert, damals waren diese Texte Wundertüten und Sprengkapseln zugleich. Nach der Veröffentlichung der Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" musste Schmidt sich mit einer Strafanzeige wegen Gotteslästerung und Pornografie herumschlagen.

Zu sagen, die Frauen in seinem Leben hätten es schwer gehabt, ist eine groteske Untertreibung. Seine Mutter hat Schmidt nach 1938 nie mehr gesehen, nicht mal zu ihrer Beerdigung ist er gefahren. Seiner Schwester erlaubte er ein einziges Mal, ihn in Bargfeld zu besuchen. Bleibt Alice, seine Frau, die hier das letzte Wort haben soll, 1970 in einem Brief an eine Freundin, die sie an ihrem Geburtstag abholen wollte: "Du weißt, wie sehr gern ich mitgekommen wäre. - Nur ist es leider so, daß Arno, der immer mehr und immer pausenloser arbeitet und jetzt neben der Bulwer-Übersetzung bereits Vorbereitungen für sein neues Buch trifft, meint, keine Zeit mehr für derlei ,Belustigungen' zu haben. ,Zu hell, zu heiß, zu viele Menschen.' So sitzt er und schreibt und schreibt und schreibt." Neun Jahre später starb Schmidt an Überarbeitung, Alice blieb bis zu ihrem Tod 1983 alleine in Bargfeld wohnen.

Fanny Esterházy (Hrsg.): Arno Schmidt. Eine Bildbiografie. Mit einführenden Texten von Bernd Rauschenbach. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 460 S., 68 Euro.