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Biografie Günter Ullmann:"Ich weiß nicht, ob ich die DDR länger überstanden hätte"

Ich wollte eigentlich nie heiraten. 1969 heiratete ich meine jetzige Frau. Sie gefiel mir gut Im selben Jahr wurde unsere Tochter Xandra geboren, die mit drei Jahren tödlich verunglückte. Ihr Tod hat uns sehr betroffen. 1970 kam unser Sohn Clemens zur Welt, ein Jahr nach dem Tod der Tochter unser Sohn Kyrill.

Günter Ullmann

(Foto: Foto: privat)

Meine Frau ist gelernte Kindergärtnerin und seit der Wende Lehrerin für sogenannte "geistig Behinderte". Ich bin ihr zu großem Dank verpflichtet. Sie hat mich auch bei meiner Krankheit nicht verlassen und hielt auch in meinen Protestjahren immer zu mir.

Meine beiden Söhne absolvierten ihr Abitur und Studium und sind nun Diplomingenieure. Sie sind in schweren Zeiten nicht verwöhnt wurden. Sie arbeiten beide im Westen. Im Alter weiß ich nun den Wert einer Familie zu schätzen. Glücklich sind wir, wenn alle da sind.

[...] Ich war immer das schwarze Schaf in der Familie, wollte immer ein guter Mensch sein und wollte für mich beweisen, das man auch mit Familie aufrecht leben kann...

Ich wohne noch immer im Haus meiner Eltern zur Miete. Ich wollte nie für ein Haus leben. Nach der Arbeit sitzen wir gemeinsam im Garten meiner Schwester und füttern unsere Katze sowie die Katzen der Nachbarschaft. 1968 lernten meine Freunde und ich Ibrahim Böhme kennen. Er wurde geliebt und verehrt. Er war Erzieher und Lehrer zugleich. Er vermittelte Toleranz und Humanismus und aktivierte uns zum Widerstand. Später erfuhren wir, daß er uns auch verraten hatte.Ich halte aber an meiner Überzeugung fest, das er die Palastrevolution wollte und eigentlich auch in der Stasi versucht hat zu helfen und gegen die Stasi zu wirken...

Unser Vorbild war Dubcek. Wir hofften auf einen demokratischen Sozialismus. Wir hofften auf den Prager Frühling. Wir waren gegen die Todesschüße an der Mauer und protestierten dagegen, das im Staat der Arbeiter und Bauern Unbequeme ein- oder ausgesperrt wurden. Nach dem Einmarsch in Prag am 21.8.1968 trugen wir aus Protest selbstgebastelte Abzeichen mit der Fahne der CSSR an den Jacken. Ich wurde auf dem Tanzsaal verhaftet.

Da es mit dem Studium nicht klappte, arbeitet ich auf dem Bau. Meine abstrakten Bilder wurden in Heiligendamm als entartet und dekadent abgelehnt. Vom Literaturinstitut in Leipzig bekam ich die Ablehnung mit dem Hinweis, ich solle mich an Zeitungsgedichten orientieren.

Ich war bis zur Wende immer im selben Betrieb tätig. Als Maurer, Baustellenschreiber, Ökonom. Bereichsökonom (Planstelle Diplomingenieur), Materialdisponent, Mischerfahrer, Lagerist...

Der Bergaer Maler Christian Aigrinner, der auch abstrakt arbeitete, war für meine Tuschearbeiten eine Bestätigung. Die Greizer Holzbildhauerin Elly- Viola Nahmmacher gab inhaltlich und formell Anregung. Der "Greizer" Dichter Reiner Kunze beeinflußte meinen Schreibstil und war das Vorbild eines aufrechten Menschen. Viele seiner Gedichte wurden mir Freund.

In der Jugend setzten wir uns vor allem mit den großen Russen wie Tolstoi und Dostojewski und dem französischen Existenzialismus auseinander. Später folgten die Psychoanalitiker wie Freud. Fromm und Jung. Die Quantenmechanik, das Weltbild der modernen Naturwissenschaftler, der Religionen sowie der Esoterik. Philosophen wie Popper und Weizsäcker. Thomas Mann, H. Hesse, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Paul Celan und viele andere.