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Biografie:Fahrrad als Waffenversteck

Junge Niederländerinnen kämpfen während der Besatzung im zweiten Weltkrieg gegen SS und SA, ihre Jugend schützte sie vor Entdeckung.

Von Knud von Harbou

Die Geschichte der beiden jungen Schwestern Freddie und Truus Oversteegen sowie ihrer Freundin Hannie Schaft ist in Holland sehr bekannt. Doch erst 2014 wurden die beiden Schwestern für ihren Kampf im Widerstand gegen die deutsche Besatzung zwischen 1941 und 1944 von der Regierung ausgezeichnet, bei Schaft geschah das bereits unmittelbar nach Kriegsende. Wie in Deutschland tat man sich schwer, auch den kommunistischen Widerstand zu akzeptieren. Denn alle drei Mädchen entstammten einem kommunistischen Milieu, Hannie Schaft einer sozialistischen Akademikerfamilie. Bedenkenlos willigte die Mutter der Geschwister in den Beitritt zum Untergrund ein. Harry Mulisch setzte ihnen 1982 in seinem Roman "Das Attentat" ein Denkmal.

Sofort ist man von dem Text gefangen. Vielleicht ist sogar die Anfangsszene, wie die 15-jährige Freddie mit ihrer älteren Schwester vom Untergrund angeworben wird und ihre erste Bewährungsprobe besteht - wie reagiert man auf einen (vermeintlichen) Spitzel -, charakteristisch für dies außergewöhnliche Buch. Denn es gewährt tiefe Einblicke in die tägliche Planung und Ausführung einer kleinen Widerstandszelle, die nur aus den drei Mädchen und fünf Männern bestand, und vor spektakulären Attentaten gegen Angehörige der SS oder der Gestapo nicht zurückschreckte. Mit Staunen verfolgt man Mut und Selbstverständlichkeit der Mädchen bei der Durchführung solch hochriskanter Aktionen. Dass sie nicht schon früher enttarnt wurden, hing damit zusammen, dass sie einfach noch so jung wirkten und kein Mensch ihnen eine Täterschaft zutraute. Zwar wusste die Gestapo in etwa, nach wem sie suchen sollte, jedoch erfolglos. Nur die Dritte im Bund, die angehende Jurastudentin Hannie Schaft, bekannt durch den Film "Das Mädchen mit den roten Haaren", wurde verhaftet und erschossen. Spitzte sich die Fahndung nach ihnen in Amsterdam zu, tauchten sie monatelang in anderen Städten wie Enschede als Fabrikarbeiterinnen unter. Als Waffenversteck diente ein kleiner Fahrradkorb, aber wer kommt schon bei halbwüchsigen Mädchen auf die Idee, dass es sich bei ihnen um Widerstandskämpferinnen handelt. Sehr geschickt lockten sie mit ihrer vermeintlichen Harmlosigkeit vom Untergrund ermittelte Kriegsverbrecher an der Zivilbevölkerung in tödliche Fallen.

Für ihr Ziel, Holland von der NS-Besatzung zu befreien, gingen sie jedes Risiko ein. Bestechend die erzählerisch erzeugte Unmittelbarkeit, Szenen einer spontanen Hausdurchsuchung, plötzliche Verhaftungen, Sabotage, Attentate auf Angehörige der SS und Angehörige des Sicherheitsdienstes wechseln in dichter Folge ab. Zwar handelt es sich bei dem Buch um Fiktion, es basiert aber auf tatsächlichen Ereignissen. Die Authentizität der Erzählung bleibt indes gewahrt durch eine durchgängige Dialogführung, die den Leser direkt in das bedrückende Tatgeschehen einbezieht. Gleichwohl bleibt das Inferno der deutschen Besatzung Hollands, deren Repression bis in den kleinsten Winkel spürbar war, zu blass. Die fiktive Selbstreflexion eines der Mädchen stimmt nachdenklich: "Ist die Trennlinie zwischen Richtig und Falsch weniger eindeutig, als ich immer dachte? Ich weiß es nicht." Ihr Resümee: "Es ist, als wäre ich nicht mehr ich."

Dieses Buch ist wichtig, weil es heute immer schwieriger wird, Jugendlichen Zusammenhänge aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu vermitteln, ein Stück holländischer Erinnerung an eine unvorstellbare brutale Besatzungszeit reaktiviert und so einen bleibenden Wert schafft, etwa im Sinne der Anne-Frank- Tagebücher. (ab 14 Jahre)

Wilma Geldof: Reden ist Verrat. Nach der wahren Geschichte der Freddie Oversteegen. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Gerstenberg, Hildesheim 2020. 304 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 29.06.2020
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