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Biografie:Ein langer Weg

21.03.2020 bis 17.08.2020
Christo und Jeanne-Claude Projects 1963-2020
Sammlung Ingrid & Thomas Jochheim

1985 kehrten Christo und Jeanne-Claude nach Paris zurück, um Pont Neuf zu verhüllen.

(Foto: Wolfgang Volz)

Das Künstlerpaar hat in seinem Leben und Schaffen enorme Ausdauer bewiesen, gegen so manche Widerstände.

Von Sandra Danicke

Christo Wladimirow Jawaschew und Jeanne-Claude Marie Denat de Guillebon, beide am 13. Juni 1935 geboren, lernten einander mit 23 Jahren kennen. Sie war teils in Marokko aufgewachsen, er in Bulgarien. Von 1953 bis 1956 hatte Christo an der Kunstakademie in Sofia studiert. Damals musste er jedes Wochenende an öffentlichen Projekten mitarbeiten, etwa an einer Aktion zur Verschönerung der Aussicht, die sich den Fahrgästen im Orientexpress bot. Die Kunststudenten sollten die Kolchosbauern beraten, wie sich mit landwirtschaftlichen Gerätschaften und Heuhaufen eine ansehnliche Kulisse erschaffen ließ. Christo tat dies widerwillig, lernte dabei jedoch auch Größenverhältnisse und weite Entfernungen einzuschätzen, was ihm bei seinen späteren Projekten zugute kam.

1956, während eines Besuchs in Prag, schwärmte Christo in einem Brief an seinen Bruder von der vitalen Kunstszene in der tschechischen Hauptstadt. "Zu Hause ist es eine echte Katastrophe. Vier Jahre lang - Unterdrückung, Gehirnwäsche und Kunst nach Diktat." Von Prag aus floh er im Januar 1957 in einem Kühlwagen über die österreichische Grenze nach Wien und zog im Oktober weiter nach Genf. Dort hielt er sich mit konservativen Porträts über Wasser. Künstlerisch interessierte ihn aber etwas anderes: Er schuf abstrakte Collagen. Eines Tages nahm er sich eine alte Farbdose vor, die er in eine harzgetränkte Leinwand wickelte, mit Bindfaden verschnürte und mit einer Mischung aus Leim, Firnis und dunkler Farbe überzog. Es war sein erstes verhülltes Objekt - auch wenn es nur als Experiment entstanden war.

Im März 1958 zog Christo weiter nach Paris, wo er diverse Protagonisten der Avantgarde kennenlernte. Von einer wohlhabenden Dame namens Précilda de Guillebon erhielt er den Auftrag für Porträts und lernte dabei deren Tochter Jeanne-Claude kennen. Verliebt haben sich die beiden aber erst später. Für eine Serie namens "Inventory" verpackte Christo jetzt Dinge, die zunehmend größer wurden. Zum Beispiel gebrauchte Ölfässer, die er mit der Metro in sein Atelier transportierte, ein Dienstmädchenzimmer im siebten Stock.

Am Kölner Rheinufer entstand 1961 das erste temporäre Werk

1961 entstand mit "Dockside Packages" am Kölner Rheinufer das erste temporäre Gemeinschaftswerk von Christo und Jeanne-Claude im öffentlichen Raum. Aus demselben Jahr stammt auch die Idee, ein öffentliches Gebäude zu verhüllen. 1964 zog das Paar nach New York. Vorher lagerten sie einige Arbeiten in eine Garage ein. Weil sie vergaßen, die Miete zu überweisen, warf der Vermieter alles auf den Müll.

1968 konnten sie mit der Berner Kunsthalle erstmals ihren Plan, ein öffentliches Gebäude zu verhüllen, verwirklichen. Dann ging es Schlag auf Schlag: 1969 verhüllten sie das Museum of Contemporary Art in Chicago und einen Küstenabschnitt in Sidney. Es folgte 1972 ein mit einem Vorhang verschlossenes Tal in Colorado. 1976 "Running Fence", ein knapp 40 Kilometer langer Stoffzaun in Kalifornien. 1983 dann "Surrounded Islands in Miami". 1991 stellte das Paar für "The Umbrellas" insgesamt 3100 Schirme in Kalifornien und Japan auf. Oftmals dauerte es Jahre, bis alle Hindernisse beseitigt waren. Auf die Realisierung des "Verhüllten Reichstags" in Berlin 1995 musste das Paar 23 Jahre warten. Auf das Verpacken des Pariser Triumphbogens in 25 000 Quadratmeter silberblauen Stoff, das im September 2021 realisiert werden soll, wartete Christo seit 1962.

Insgesamt konnten von 1962 bis 2019 23 Projekte umgesetzt werden, jedes anders. Seit dem Tod seiner Frau 2009 führte Christo die mit ihr geplanten Projekte weiter fort. Ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Vorhaben stand noch aus: Unter dem Titel "The Mastaba" sollte in der Wüste in Abu Dhabi eine Skulptur aus 410 000 liegend gestapelten Ölfässern entstehen, die bleiben sollte. Die Planungen liefen seit 1977. Was nun daraus wird, weiß man nicht. Das Projekt Arc de Triomphe wird laut Christos Büro weitergeführt.

© SZ vom 05.06.2020

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