Biografie:Die Kalligrafie des Denkens

Roland Barthes war mehr als ein Strukturalist. In seinen "Fragmenten einer Sprache der Liebe" hat er Analyse und Poesie vereint - Tiphaine Samoyault erzählt nun sein Leben.

Von Fritz Göttler

Pinsel und Farbtöpfe standen griffbereit in seiner Pariser Wohnung, näher noch als Bücher oder Schreibmaschine. In der ersten Hälfte der Siebziger malte Roland Barthes gern und regelmäßig, morgens gleich nach dem Aufstehen oder nach dem Mittagsschlaf. Es war die Hand, die arbeitete, jeder mögliche Sinn war fürs Erste suspendiert. Barthes hatte das Malen in Japan lieben gelernt, im "Reich der Zeichen", das er 1970 erforschte und im gleichnamigen Buch beschrieb. Er hat dann die Kalligrafie gelernt, japanische Stiche oder Siegel kopiert, später löste er sich von Vorbildern und hat seine eigenen Zeichnungen geschaffen, zart und hingekritzelt, leicht und leichtfertig wie Kinderzeichnungen, nah dran an André Masson, Cy Twombly oder Jackson Pollock. Auch seine Handschrift, in der er Tausende Karteikarten füllte, ist sein Leben lang ornamental geblieben.

Die Siebziger waren ein Jahrzehnt, in dem Glück und Verzweiflung, Triumphe und Depressionen sich in dichter Folge abwechselten, Tiphaine Samoyault widmet ihm etwa ein Drittel ihrer über 800 Seiten starken Barthes-Biografie. Sie erzählt dieses Leben in Schüben, von der Jugend, die von immer neuen Ausbrüchen einer Tuberkulose gezeichnet war, bis zum überraschenden Tod im Jahr 1980. Sie hat die Briefe von Barthes und seine Karteien benutzen können, auch die Kalender, in denen Barthes nicht Termine eintrug, sondern retrospektiv jeden einzelnen Tag dokumentierte. Tiphaine Samoyault erzählt von diesen Tagen mit einer tollen Mischung aus Unerbittlichkeit und Diskretion.

In den Sechzigern hatte Barthes sich neben Claude Lévi-Strauss, Michel Foucault, Gilles Deleuze als prominenter Vertreter des Strukturalismus etabliert, der nicht mehr Inhalte untersuchte, sondern literarische und gesellschaftliche Formen. Man hat die Sprengkraft von Strukturalismus und Semiologie in den Sechzigern durchaus gespürt, war fasziniert von der luziden Konsequenz, mit der Barthes in seinen legendären "Mythen des Alltags" Gesellschaft auf ihre Zeichenhaftigkeit hin durchleuchtet hat, prägnant wie Short Storys - die Römer im Film, der Citroën DS, die Tour de France, das Varieté.

Im Reich der Zeichen

Zum 100. Geburtstag des Philosophen und Schriftstellers Roland Barthes

Keiner hat wie Barthes die aufreizende Aura der Lässigkeit entfaltet, mit der das moderne Denken damals die Selbstverständlichkeiten des intellektuellen Betriebs aufmischte. Ein Kapitel der Biografie ist dem Verhältnis Sartre-Barthes gewidmet, dem alten politischen Diskurs und dem neuen, der sich der Agitation enthält und lieber subversiv die Sprache und ihre Ordnung unterläuft.

In den Siebzigern bewegte Barthes sich cool in der intellektuellen Pariser Boheme, modernen Salons, lebte seine Homosexualität diskret, aber unverhohlen aus, es gab Diskussionen und Abendessen mit Freunden und Studenten, Vorträge und Auslandsreisen. In Alexandria traf er Algirdas Greimas, in Uppsala steigt er gern zu Michel Foucault, der dort ein Jahr an der Uni arbeitet, in dessen beigefarbenen Jaguar. Heftig reagiert er, mit einer bizarren Form von Zensur, als in einem Buch der Satz "Barthes ist eine Causeuse" fällt. Im Film "Die Schwestern Brontë" seines Freundes André Téchiné hat er einen schönen dandyhaften Auftritt als William Thackeray.

1974 lässt er sich von seinen Freunden aus der revolutionären Tel-Quel-Gruppe, darunter Philippe Sollers und seine Frau Julia Kristeva, zu einem Trip nach China verleiten. Man hat sie alle danach für ihre Blindheit dort, was die tatsächlichen Machtverhältnisse und die Brutalität des maoistischen Regimes anging, kräftig gebasht. Auch Barthes hat sich nie wirklich distanziert, aber er war zögerlich bei dem Unternehmen, ist den andern hinterdrein gezockelt, hat in die Kochtöpfe geschaut und die Ästhetik des chinesischen Speisens beobachtet oder Mal- und Schreibutensilien gekauft.

Ende der Siebziger durchläuft Barthes den mühsamen Prozess der Aufnahme als Professor am Collège de France. 1977 veröffentlicht er die "Fragmente einer Sprache der Liebe", in denen extreme Konzentration und Knappheit unglaubliche Eleganz und Evidenz produzieren, es geht um die wahre Liebe und warum sie immer fou sein muss und wie dieser Wahnsinn eine der großen psychischen Formen des 20. Jahrhunderts ist. Ein neuer Werther! Das Buch wird ein Bestseller, Barthes gibt jede Menge Interviews, kommt ins Fernsehen, wird ein Star. Er ist, was er immer war und sein wollte, ein großer französischer Schriftsteller, in seinem Schreiben wird die Analyse Poesie. Zum Hundertsten ist nun eine erweiterte Fassung der "Fragmente" erschienen, die zwanzig Passagen enthält, die Barthes seinerzeit vor Drucklegung ausgegliedert hatte, dazu eine längere Darstellung darüber, "wie dieses Buch aufgebaut ist".

Roland Barthes

Roland Barthes (1915-1980) auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

(Foto: Louis Monier/Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo)

Barthes ist 1977 auf dem Höhepunkt seiner Karriere und im Zustand der extremen Auflösung begriffen. Die Fragmente gehen von einer wirklichen Amour fou aus mit dem jungen Roland Havas, der sich Barthes' Liebe entzieht. Barthes begibt sich deswegen sogar zur Analyse bei Jacques Lacan. Am 25. Oktober 1977 stirbt Barthes' Mutter, zu der er sein Leben lang eine engste Beziehung hatte - nach ihrem Tod ist Barthes am Boden zerstört. Nur langsam taucht ein neues Projekt auf, eine "Vita nova". Am 25. Februar 1980 wird er von einem Lastwagen überfahren, am 26. März stirbt er an den Folgen dieses Unfalls.

Keine Metasprache mehr, schreibt Barthes, sie schützt nicht vor Dummheit und Wahnsinn

Als Lebensverweigerung, Zurückweisung der Existenz, Sich-gehen-Lassen haben Freunde diesen Tod bezeichnet. Das Dahinschwinden ist eine dem Schreiber Barthes bizarr vertraute Form - in den Siebzigern hat er den Autor dahinschwinden lassen, der bis dahin die klassische Instanz der literarischen Produktion und Theorie war. In der Biografie von Tiphaine Samoyault sind die Stationen von Barthes' Lebensweg immer verbunden mit der Entwicklung seiner Konzeption, die nicht mehr auf harte Schnitte und strenge Kontinuitäten schaut. Barthes' Diskurs ist sprunghaft, er überschreitet Grenzen in beide Richtungen, löst sie auf. Er zieht die Fragmentierung durch, den Blick aufs kleinste Detail, durchdringend und liebevoll. Es ist dieser Blick, unter dem sich die Wissenschaft und ihre falschen Ansprüche zersetzen. Keine Metasprache, das ist die Parole in den "Fragmenten einer Sprache der Liebe", weg mit dem trügerischen Schein, "als gäbe es von Rechts wegen zwischen zwei Sprachen (der Objektsprache und der Metasprache) eine Beziehung der Äußerlichkeit und als könnte diese Beziehung gewiß, einfach, unumkehrbar und gewissermaßen prophylaktisch sein (als schützte die Metasprache vor Dummheit und Wahnsinn!)".

Damals, in den Siebzigern, waren wir überwältigt, wie nützlich diese schmalen egozentrischen Bücher wurden, "Die Lust am Text", oder "Roland Barthes par Roland Barthes". Sie kamen vom Individuum her, das machte ihre Magie aus, vom Körper und wie er reagierte beim Lesen, Betrachten, Filmesehen. Mit der Lust am Text zündete der gute alte Strukturalismus seine letzte Brennstufe. Barthes hatte in der Tradition von Nietzsche, Proust, Freud die fröhliche Wissenschaft glorreich reaktiviert: "Aber wir, wir Anderen, Vernunft-Durstigen, wollen unseren Erlebnissen so streng in's Auge sehen, wie einem wissenschaftlichen Versuche, Stunde für Stunde, Tag um Tag! Wir selber wollen unsere Experimente und Versuchs-Thiere sein."

Tiphaine Samoyault: Roland Barthes. Die Biographie. Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle und Liz Künzli. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 871 Seiten, 39,95 Euro. E-Book 34,99 Euro.

© SZ vom 12.11.2015
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