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62. Grammy-Awards:Wer braucht diesen Preis?

Grammy Awards

Verdiente Abräumerin, aber halt auch keine Überraschung: Billie Eilish.

(Foto: dpa)
  • Billie Eilish hat bei der Grammy-Verleihung alle vier Trophäen im genreübergreifenden "General Field" gewonnen.
  • Bei der Award-Show zeigt sich, dass jene, die mit den Preisen überhäuft werden, sie am wenigsten brauchen. Die Genres Hip-Hop und R&B werden mit Nischenpreisen bedacht.
  • Damit gilt auch im Jahr 2020 bei den Grammys Business as ususal - trotz aller Versprechungen.

Dies sind die Ergebnisse der 62. Grammy-Verleihung. Lied des Jahres: "Bad Guy" von Billie Eilish. Album des Jahres: "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" von Billie Eilish. Aufnahme des Jahres: "Bad Guy" von Billie Eilish. Newcomerin des Jahres: Billie Eilish. Zum zweiten Mal in der Geschichte nach Christopher Cross 1981 hat jemand alle vier Trophäen im genreübergreifenden "General Field" gewonnen, und die Bad-Guy-Melodie ist derart häufig gespielt worden, dass fast alle Besucher auf dem Heimweg dieses "Düdi-düdüdi-düdu" gesummt, sich aber bei aller Begeisterung für Eilish gefragt haben: Was sind diese Awards wert?

Es hingen düstere Wolken über der Veranstaltung; nicht nur wegen des Todes des Basketballspielers Kobe Bryant am Sonntagmorgen, der in dieser Halle im Stadtzentrum von Los Angeles seine größten Erfolge gefeiert hatte. Die Moderatorin Alicia Keys sagte: "Das ist das Haus, das Kobe erbaut hat." Die Recording Academy muss derzeit eine Grundsatzdebatte verarbeiten, die auf zwei Ebenen stattfindet, und man muss beide kennen, um zu verstehen, warum es möglicherweise völlig egal ist, wer welche Preise gewonnen hat.

Grammy Awards Billie Eilish gewinnt "Bester Song", "Beste Aufnahme" und "Bestes Album"
Grammy-Verleihung in LA

Billie Eilish gewinnt "Bester Song", "Beste Aufnahme" und "Bestes Album"

Eilishs Bruder Finneas durfte zudem noch den Grammy als bester Produzent des Jahres mit nach Hause nehmen.

Die Musikbranche betrachtet sich selbst als Katalysator des gesellschaftlichen Wandels, als entstaubte Industrie, in der Talente unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und sexueller Orientierung gefördert und gefeiert werden. Vor fünf Jahren waren während der Grammy-Verleihung 33 teils gleichgeschlechtliche Paare getraut worden, im vergangenen Jahr hielt die einstige First Lady Michelle Obama eine Rede über Vielfalt, Individualität und Gleichberechtigung; mächtige Frauen der Popkultur (Lady Gaga, Alicia Keys, Jennifer Lopez und Jada Pinkett Smith) stellten in Anspielung auf ein Lied der Popkultur-Königin Beyoncé die rhetorische Frage, wer die Welt regiere. Wer die Antwort nicht kennt, möge bitte eine Zeitmaschine besteigen und ins Jahr 2020 kommen.

Kaum für genreübergreifende Preise nominiert: Hip-Hop und R&B

Nur: Ist die Akademie womöglich ein ziemlich verstaubter Laden, gefangen im vergangenen Jahrtausend, bestimmen größtenteils alte weiße Männer, wer die wichtigsten Preise bekommt? Und führt das dazu, dass jemand, der nicht männlich und nicht hellhäutig ist, kaum eine Chance auf eine Trophäe im "General Field" hat? In den vergangenen zehn Jahren hat keine Frau und nur ein dunkelhäutiger Mann (Bruno Mars) die Trophäe fürs beste Album des Jahres gewonnen. Und warum werden die popkulturell und gesellschaftlich dominierenden Genres der 2010er, Hip-Hop und R'n'B, in ihren jeweiligen Nischen versteckt und kaum für genreübergreifende Preise nominiert?

Das sind die Vorwürfe, die Deborah Dugan erhebt. Sie war im August vergangenen Jahres als erste Frau zur Präsidentin der Akademie gewählt worden. Der Vertrag des Vorgängers Neil Portnow war nicht verlängert worden - auch deshalb, weil er Frauen während der Grammy-Verleihung vor zwei Jahren geraten hatte, sich bitte schön ein bisschen mehr anzustrengen. "Step up" hatte er gesagt, und die Forderung zahlreicher Musiker an Portnow danach war: "Step down!" Mach' dich vom Acker! Dugan sollte aufräumen, sie sollte dafür sorgen, dass die Akademie wirklich so toll ist, wie sie sich gerne darstellt.

Interessiert es wirklich jemanden, wer welchen Preis gewinnt?

Dugan ist am 16. Januar suspendiert worden. Offiziell nennt die Akademie den vagen Begriff "Fehlverhalten", auf Nachfrage heißt es, dass sich eine hochrangige Mitarbeiterin über "Bullying", also Schikane beschwert habe. Ist Dugan tatsächlich eine schreckliche Chefin gewesen - oder hat sie vielmehr bei ihrem Versuch, die Akademie zu entstauben, ein paar dunkle Zimmer entdeckt? Drei Wochen vor ihrer Suspendierung hatte sie in einem Memo an den Chef der Personalabteilung davon berichtet, dass "in der Akademie etwas ernsthaft verkehrt sei". Es ging um Unregelmäßigkeiten bei der Nominierung für die Awards, um Interessenskonflikte im Vorstand, um exorbitant hohe Ausgaben für Anwälte. Seit zehn Tagen kämpft Dugan gegen die Suspendierung, sie hat Klage bei der Equal Employment Opportunity Commission eingereicht und trat in zahlreichen Talkshows auf. Das Interessante dabei: Diese Industrie, die sich gerne laut präsentiert, verhält sich auffällig leise, und wer sich hinter den Kulissen mit Leuten aus der Branche unterhält, der hört immer wieder die gleiche Antwort: Ja, Dugan ist nicht unbedingt die netteste Person auf diesem Planeten; kann schon sein, dass sie Untergebene schikaniert hat. Das bedeute jedoch nicht, dass ihre Vorwürfe unbegründet seien.

Öffentlich äußern will sich kaum jemand, was die New York Times so kommentierte: "Jeder kennt jemanden, der vom aktuellen System profitiert, vielleicht glauben sie alle, dass sie, wenn sie ruhig sind, irgendwann auf der richtigen Seite des Schwindels stehen."

Rapper Drake sagte letztes Jahr nach seinem Sieg: "Ihr braucht das hier nicht."

Interessiert es wirklich jemanden, wer welchen Preis gewinnt? Oder reden die Kinder heutzutage lieber darüber, dass Lizzo bei ihrem fantastischen Auftritt bewiesen hat, dass sie wirklich zu hundert Prozent diese Bitch ist? Vergleichen sie die psychedelische Performance von Tyler the Creator mit denen von Childish Gambino und Kendrick Lamar? Staunen sie darüber, dass sich Aerosmith-Sänger Steven Tyler bei "Walk this Way" gemeinsam mit Lizzo zur Halsschlagaderzerrung brüllt? Dass John Legend, DJ Khaled und YG in ihr Tribut an den erschossenen Rapper Nispey Hussle den verstorbenen Bryant einflechten und zu einer Hommage an Los Angeles werden lassen? Dass Billie Eilish die coolste Person auf diesem Planeten sein könnte? Das sind die Momente dieser Verleihung, nicht die Vergabe der Preise.

Diese Künstler haben es nicht nötig, sich von der Akademie bewerten zu lassen. Der Rapper Drake schickte letztes Jahr nach seinem Sieg in der Nischenkategorie "Bester Rap-Song" eine Botschaft an alle jungen Musiker: "Ihr braucht das hier nicht." Damals drehten die Produzenten das Mikrofon ab. Das können sie heute nicht mehr tun. Eilishs Bruder Finneas, der die Lieder seiner Schwester produziert, erklärte: "Wir haben das nicht getan, um einen Award zu gewinnen. Wir haben ein Album über Depression, Gedanken an Selbstmord und Klimawandel gemacht." Düdi-düdüdi-düdu.

© SZ vom 28.01.2020/tmh
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