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"Billy Eilish: The World's A Little Blurry":Krasser Abfuck

Hasst es, Songs zu schreiben: Billie Eilish. Sonst ist alles super.

(Foto: Eric Charbonneau/Apple TV)

Selbstinszenierung als integraler Teil der Persönlichkeit und das Internet als Ich-Maschine: Die Sängerin Billie Eilish, 19, in einer sogenannten Dokumentation über ihr Leben.

Von Juliane Liebert

Drei Uhr nachts, Apple TV. Billie Eilish stellt ihren neuen Film vor. "The World's A Little Blurry" ist eine Dokumentation über ihr Leben und ihren Aufstieg zum Superstar. Hatten The Buggles recht, als sie "Video Killed the Radiostar" sangen, fragt man sich, als man auf den Startschuss wartet. Nur dass der Videostar inzwischen auch tot ist, und dafür haben wir ... Livepremieren auf Apple TV um drei Uhr nachts, während derer man mehrfach daran erinnert wird, dass man sich Apple TV runterladen soll. Ist ja gut, haben wir, darauf läuft der Mist doch schon. Endlich erscheint auf dem Bildschirm das ersehnte LIVE. Ein Auto fährt durchs dämmernde L. A.

Wir befinden uns draußen. Billie Eilishs Bruder und musikalischer Partner Finneas wartet da mit Morrissey-Frisur, Billie Eilish steigt aus dem Auto. Sie trägt eine gigantische The North-Face-Gucci-Jacke, singt ihren Song "ilomilo", im Hintergrund lassen Nebelmaschinen Los Angeles aufblitzen. Billie Eilish ist inzwischen 19. Die Arbeit an der Doku begann, als sie 15 war, so erfahren wir im anschließenden Interview mit Apple-Mann Zane Lowe. Billie Eilish sitzt in einem hellblauen Sessel und sieht aus wie ein khakifarbener Gartenzwerg mit unglaublich langen Fingernägeln.

Wir erfahren schnell: Zane Lowe findet den Film sehr, sehr gut. Sehr, sehr, sehr gut. Wenn er seine Zunge noch tiefer in Billies Hintern versenken würde, bekäme er sie nie wieder raus. Beide, Billie und Zane, sind immer einer Meinung: Billie ist super, der Film ist gut, Truth and Empathy braucht die Welt. Man betet, dass es bald losgeht. Und nachdem der Regisseur auch noch gesagt hat, wie super er alles findet, kann man den Film dann endlich auch anschauen.

Immer einer Meinung: Billie Eilish und Zane Lowe.

(Foto: Eric Charbonneau/Apple TV)

Die meiste Zeit sieht man, und das ist schön, Billie und Finneas beim Musikmachen in seinem Schlafzimmer. Sie hasst es, Songs zu schreiben, er hält sie bei der Stange. Die Texte kommen aus ihrem Tagebuch. Die Eltern sind fast immer anwesend. Richtunggebend, besorgt, liebevoll, engagiert. Billie verdankt ihnen alles, sagt sie. Sie sagen das auch.

Der Film sollte in allen Schulen gezeigt werden, besser noch, in Krankenhäusern bei jeder Geburt: Die Erziehungsberechtigten der Welt können da noch was lernen: Eltern, wenn eure Kinder keine Weltstars mit Millioneneinkommen sind, liegt es einfach daran, dass ihr nicht empathisch genug wart, sorry. Wenn sie nicht gerade füreinander da sind, sind sie auf Tour oder Billie ist am Bein verletzt. Zudem ist sie unglücklich in so einen Rapper verliebt, der offenbar nicht so richtig Bock auf sie hat. (Gott sei Dank verlässt sie ihn nach der Hälfte des Films.)

Es gibt viele viele Konzertszenen, viele weinende Fans. Intime Momente hinter der Bühne, Verzweiflung, hochjauchzende Freude. Justin Bieber ist verstörend viel am Start. Offenbar war Eilish in ihrer Kindheit so schlimm in ihn verliebt, dass sie Angst hatte, niemals jemanden so lieben zu können wie Bieber. Jetzt, wo sie selbst berühmt ist, treffen sie sich auf dem Coachella-Festival. Sie wirft sich weinend in seine Arme. Er hält sie fest, und seine Nase zuckt mehrfach. Was will man mehr im Leben?

Der Film bedient alle Erwartungen: Genau so viel Intimität, dass niemand bloßgestellt wird. Die richtige Dosis Nahbarkeit, die das Geheimnis des Ausnahmetalents erst recht undurchdringlich macht. Die opernhafte Dramatisierung der Jugend. Musikalischer Ausdruck als ultimative Intensivierung des Lebens. Ruhm als krassester Abfuck und tiefste Befriedigung. Oder wie Zane Lowe sagen würde: "This film. Wow."

Das Universum ohne Justin Bieber? Nicht vorstellbar

Worum es unter der Oberfläche geht? Selbstinszenierung als integraler Teil der Persönlichkeit und das Internet als Ich-Maschine. Billie Eilish sagt im Film an einer Stelle, sie denkt von ihrer Crowd nie als "Fans", sondern betrachtet sie als Teil ihrer Persönlichkeit. Man kann das als Marketingpathos abtun, aber ihr Satz beschreibt ziemlich zutreffend, wie das Internet die Beziehung zwischen Performer und Publikum transformiert. Die Essayistin Jia Tolentino beschrieb in einem Essay über ihre Erfahrungen mit dem Reality TV, wie die Selbstinszenierung zum Automatismus wird, zu einem extrem effektiven Prozess, den sie nicht mehr bewusst wahrnimmt. Wie das Massenmedium als Schmiermittel dafür funktioniert. Aber das Fernsehen hat eben nur in eine Richtung gesendet.

Tolentino etwa hat zuerst die klassischen Showmechanismen kennengelernt. Billie Eilish ist 13 Jahre jünger und ins Internet, diese totale Feedbackschleife, hineingeboren. Wenn man die Doku über sie sieht, nimmt man kaum je eine Anstrengung wahr, irgendetwas darzustellen. Die Inszenierung wird aber nicht unsichtbar, sondern sie durchdringt alles. Es ist, als wäre das Leben wirklich immer überlebensgroß. Als würden sich ein Sozialdrama und ein Superheldenfilm in jedem Bild, jedem Sound überlagern. Die Selbstverständlichkeit, mit der das geschieht, ist gleichermaßen verstörend wie befreiend.

Reden die Stars von heute wirklich diesen hirntoten Stuss, wenn sie sich treffen?

"You don't need to know what you're doing to do stuff", sagt einem hier ein blauhaariges Mädchen, das gerne Monster zeichnet. Der Imperativ zur Selbstvermarktung wird ja oft als höchste Entwicklungsstufe der brutalen kapitalistischen Maschine beschrieben, die uns alle zu ihren Komplizen macht. Billie Eilish vermittelt den Eindruck, man könne diese Maschine hacken.

In Markenklamotten eingewickelt wie so viele, humpelt und hüpft sie ganz nach oben. Natürlich verschwinden die sozialen Zwänge nicht, manche Mechanismen des Showbusiness sind so alt wie die Menschheit. Aber das Internet kann einen nicht nur kontaminieren und kompromittieren, sondern ermöglicht auch, sich temporäre Räume der Autonomie zu programmieren.

Was offenbleibt, sind die großen Fragen: Reden Stars wirklich alle immer nur hirntoten Ermutigungsshit, wenn sie sich begegnen? Hat die Automarke Dodge eigentlich viel bezahlt, um so prominent platziert zu werden? Die noch größere Frage: Würde das Universum ohne Justin Bieber überhaupt zusammenhalten? Oder einfach platzen wie eine zu doll geknetete Chipstüte? Die größte unter den großen Fragen: Wie wird man Millionär oder wenigstens glücklich? Indem man so richtig nett zu seinen talentierten Kindern ist. Und das ist doch mal eine universell gültige Antwort.

The World's A Little Blurry, Apple TV.

© SZ/hert
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