Bill Gates:"Innovation ist mein Hammer"

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Bill Gates: "Als einer der Gründer eines erfolgreichen Technologieunternehmens glaube ich fest an die Macht der Privatwirtschaft, Innovation voranzutreiben." - Bill Gates.

"Als einer der Gründer eines erfolgreichen Technologieunternehmens glaube ich fest an die Macht der Privatwirtschaft, Innovation voranzutreiben." - Bill Gates.

(Foto: Inga Kjer/imago images/photothek)

Bill Gates plädiert in seinem jüngsten Buch für eine neue Strategie bei der Pandemie-Bekämpfung. Ist das gut - oder doch nur gut gemeint?

Von Hanno Charisius

Nach seinem Buch "Wie wir die Klimakatastrophe verhindern" im Februar 2021 darüber, wie wir die Klimakatastrophe seiner Meinung nach verhindern könnten, bringt Bill Gates nun schon sein nächstes Buch auf den Markt: "Wie wir die nächste Pandemie verhindern". Nicht schwer zu erraten, worum es darin geht. Auf etwas mehr als 300 Seiten breitet der bekannteste Softwareentwickler der Welt einen detaillierten Plan aus. Er beschäftigt sich mit sehr vielen Dimensionen der Pandemieprävention und der öffentlichen Gesundheit, und am Ende geht es immer um sehr viel Geld.

Wer eine Pandemie verhindern möchte, muss verstehen, wie sie beginnt. Am Anfang steht der Erreger, der sich irgendwo, irgendwie entwickelt, zum Beispiel in einem Tier, und durch eine Laune der Evolution dank einer neuen Mutation die neue Eigenschaft bekommt, auch Menschen befallen zu können. Ist dann kein Mensch in der Nähe, war das schon die ganze Erfolgsgeschichte eines potenziellen Pandemie-Keims. Schafft er jedoch den Sprung auf den Menschen, Fachleute sprechen von einer Zoonose, muss er weitere Menschen infizieren können. Dafür braucht er nicht nur die notwendige Biologie, sondern auch noch Gelegenheiten. Fehlt es an beidem, bricht keine Pandemie aus.

Über einen zentralen Punkt geht er leider fast kommentarlos hinweg

Kann sich der neue Keim jedoch von Mensch zu Mensch verbreiten und hat er es geschafft, Bewohner eines Ballungsraums zu infizieren, stehen die Chancen für einen weltweiten Seuchenzug bereits sehr gut. Die Erfolgsaussichten steigern sich, wenn der Erreger ein Unbekannter ist, sowohl für das menschliche Immunsystem als auch für die Medizin. Sars-CoV-2 war so ein neuer Erreger, den die Menschheit noch nicht kannte, hochinfektiös, und, noch bevor bei Infizierten die Symptome einsetzen, durch die Luft übertragbar - das komplette Pandemiepotenzial. Das Virus schaffte es in die Millionenstadt Wuhan und von da wahrscheinlich binnen weniger Wochen in den Rest der Welt.

Alles in allem braucht es sehr viele Zufälle, damit es zu einer Pandemie kommt. Tatsächlich entstehen Erreger mit Pandemiepotenzial dauernd, glücklicherweise, ohne dass die Menschheit etwas davon mitbekommt. Nur ab und an schafft ein Virus alle Hürden. Vor gut einem Jahr hat ein Forscherteam berechnet, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Pandemie der Kategorie Corona Jahr für Jahr bei zwei Prozent liegt.

Bill Gates: Bill Gates: Wie wir die nächste Pandemie verhindern. Piper Verlag, München 2022. 336 Seiten, 24 Euro.

Bill Gates: Wie wir die nächste Pandemie verhindern. Piper Verlag, München 2022. 336 Seiten, 24 Euro.

Klimawandel und Bevölkerungswachstum führen dazu, dass Menschen immer weiter in natürliche Lebensräume vordringen und dabei auch Kontakt zu Tieren haben. Somit steigt das Risiko, dass ein Erreger den Sprung auf Menschen schafft. Auch die Massentierhaltung liefert gute Bedingungen, um Zoonose-Keime zu züchten. Insofern sollte die Menschheit wirklich alles tun, um dieses Risiko zu minimieren.

Gates geht über diesen Aspekt praktisch kommentarlos hinweg. Seine Ideen setzen ein, wenn es darum geht, zu verhindern, dass der Ausbruch größer wird, dass also mehr Menschen sich infizieren und den Erreger weitergeben. Er folgt dabei dem Credo des Epidemiologen Larry Brilliant, der wie Gates gern zu TED-Talks reist, um seine Ideen zu verbreiten. Dort sagte Brilliant 2006, Ausbrüche seien unvermeidlich, Pandemien jedoch optional. Um diese zu verhindern, brauche es Früherkennung und eine schnelle Reaktion - Kern nicht nur der Pandemiebekämpfung, sondern zum Beispiel auch der Feuerwehr.

Mit engmaschiger Überwachung will Gates Ausbrüche klein halten, und er entschuldigt sich dafür, dass dieser Ausdruck so schlechte Assoziationen weckt. Er meint damit aber auch nicht injizierbare Mikrochips, wie ihm manche Impfgegner unterstellen, sondern koordiniertes Sammeln von Gesundheitsinformationen durch medizinisches Personal. Ohne eine solche Überwachung wäre Sars-CoV-2 wahrscheinlich sehr viel später entdeckt worden und hätte noch mehr Schaden weltweit angerichtet, auch wenn man sich das nur schwer vorstellen kann.

Es scheint, als werde hier vergessen, dass man umfassenden Pandemieschutz nicht einfach mit Geld kaufen kann

Testen und investieren sind zwei Wörter, die Gates ziemlich häufig verwendet. Und es klingt auch gut, alles Mögliche zu testen, aber das muss man halt auch finanzieren. Gates über sich selbst: "Ich bin ein Technikfreak. Innovation ist mein Hammer, mit dem ich jeden Nagel, der mir unterkommt, einzuschlagen versuche. Als einer der Gründer eines erfolgreichen Technologieunternehmens glaube ich fest an die Macht der Privatwirtschaft, Innovation voranzutreiben."

Manchmal entsteht der Eindruck, als würde Gates aus dem Blick verlieren, dass man umfassenden Pandemieschutz nicht einfach mit Geld kaufen kann, selbst wenn man es im Überfluss hätte. Es braucht auch die Menschen, die mitmachen, und dazu braucht es Vertrauen - in die Regierungen, aber auch in die Wissenschaft. Vor allem das Vertrauen in die Politik ist in vielen Ländern von der Pandemie verdampft worden. Es wiederherzustellen, wäre eine bedeutende Verteidigungslinie gegen jede Seuche, die noch kommen mag.

Auf der Einkaufsliste des Multimilliardärs steht neben Tests, Impfstoffen und ausgebauter öffentlicher Gesundheitsfürsorge in den Ländern außerdem ein Pandemie-Präventionsteam, das den Ausbruch zwar nicht verhindern kann, aber zumindest die Ausweitung eindämmen soll. Gates nennt es das Germ-Team - als Kurzform für Global Epidemic Response and Mobilization Team - "und die Mitarbeitenden sollten sich jeden Tag aufs Neue fragen: 'Ist die Welt auf die nächste Pandemie vorbereitet? Was können wir tun, um besser vorbereitet zu sein?' Sie müssten bei voller Bezahlung und regelmäßigen Schulungen in der Lage sein, koordiniert auf die nächste Pandemiegefahr zu reagieren", so beschreibt er die schnelle Eingreiftruppe, die 3000 Vollzeitkräfte beschäftigen und der WHO unterstellt sein soll. Geschätzte Kosten: eine Milliarde Dollar pro Jahr.

Ob es nach einem Ausbruch zur Pandemie komme, entscheide sich in den ersten 100 Tagen, schreibt Gates, und die Germ-Truppe taucht in dem Buch dann auch in allen folgenden Kapiteln auf zur Seuchenüberwachung, Koordinierung der Sofortmaßnahmen, Beratung bei der Forschungsagenda und Durchführung von Systemtests, um Schwachstellen aufzuspüren.

Gates ist kein Fachmann für Epidemien oder Viren. Aber er ist in der privilegierten Position, dass Leute, die sich wirklich auskennen, gerne mit ihm ihr Wissen teilen, zum Beispiel wenn er sie zum Arbeitsdinner einlädt, was er als seine "bevorzugte Taktik" verrät. Dieser Zugang zu Expertise gepaart mit einem unbändigen Interesse und scharfem Verstand machen das Buch lesenswert für alle, die einen eher technischen Blick auf die Pandemie-Bekämpfung suchen. Es ist zu hoffen, dass viele Menschen das Buch lesen, Gates' Bekanntheit wird sicher dabei helfen. Und sollte es dazu beitragen, dass es einen globalen Seuchenschutztrupp wirklich einmal gibt, wäre das eine gute Sache.

Aber ehrlicher wäre gewesen, gar nicht so zu tun, als würde sich die nächste Pandemie verhindern lassen. Es ist vielmehr die Frage, wie gut die Menschheit dann vorbereitet ist.

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