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Bildungsaufsteiger III:Ein seltsämliger Geschmack

John Clare (1793-1864), Naturdichter der Frühromantik, arbeitete neben dem Schreiben in einer Vielzahl von Berufen, unter anderem als Erntehelfer, Kalkbrenner und Anwaltsgehilfe.

(Foto: Mauritius)

Ein seltenes autobiografisches Selbstzeugnis zeigt den englischen Hilfsarbeiter und Dichter John Clare als Bildungsaufsteiger des 19. Jahrhunderts.

Von Marie Schmidt

Ein Junge muss zu Fuß jede Woche einen Sack Mehl aus einem entfernten Dorf holen. Im Winter wird es schnell dunkel und "spukige Stellen" liegen auf dem Weg. Er fürchtet sich, "jedes Raunen des Winds und das Beben einer Distel konnten bewirken, dass mir vor Schrecken die Sinne schwanden". Um bei Verstand zu bleiben erzählt er sich selbst Geschichten, "und bestrebte mich, diese in Reime zu fassen so gut es meine Fähikeiten erlaubten; stets ging es um romantische Irrfahrten von Seeleuten, Soldaten, Schritt für Schritt vom Aufbruch bis zu ihrer Rückkehr, denn es hat mich immer froh gemacht zu sehen, wie eine Geschichte an ihr glückliches Ende gelangt". So beginnt es: aus dem Hilfsarbeiter, dem Kalkbrenner, dem Hütejungen wird der Dichter John Clare.

Der größte, anrührende Moment von Bildungsbiografien ist der, in dem einen Menschen gegen alle Widerstände, gegen die Schwerkräfte seiner Herkunft, die Liebe zur Wahrheit und Schönheit erfasst. Wie man einem feindlichen, stumpfen Milieu als Schriftsteller und Intellektueller glücklich entkommt, wird in der Gegenwartsliteratur viel beschrieben. Das Genre der Autofiktion scheint für dieses Thema geschaffen. Es hatte aber auch schon viele Konjunkturen in der Literaturgeschichte. Zum Beispiel im Großbritannien des 19. Jahrhunderts, als Bauerndichter bei sanft auf sie herabblickenden Lesern der Mittelklasse in Mode waren. Einer der damals berühmtesten war John Clare, ein "Zeitgenosse von Hölderlin, Coleridge und Keats", wie die kleine Edition Goldene Luft orientierend erklärt, in der jetzt ein autobiografisches Zeugnis dieses Dichters zum ersten Mal auf Deutsch erscheint.

Für den Selbstverlag seiner Bücher gibt der Dichter all sein Geld aus

Das ist eine kostbare Entdeckung, nicht nur der bibliophilen Ausgabe wegen. Sondern auch weil die Schriftstellerin Esther Kinsky als Übersetzerin den Text in seiner ganzen Eigenartigkeit stehen lässt. All seinen Stolz auf seine Bildungsgewinne wendet John Clare nämlich gegen die Schulweisheit und ihre "Gramattick". Um seinen Stil zu schulen, liest er seine Texte den Eltern vor, die Analphabeten sind. Unter dem Vorwand ein anderer sei der Autor allerdings, "da ich mich schämte auf solche Weise als ein Probirer dieser Art entlarvt zu werden." Wenn er von einfachen Leuten auch so verstanden wird, argumentiert John Clare, wozu braucht er dann noch Grammatik und Rechtschreibung? Kinsky ahmt seine interpunktionsarme und gelassen falsche Schreibweise nach und hat sich dabei an zeitgenössischen deutschen Texten orientiert, wie sie in einem Nachwort schreibt. In dieser atemlosen, widerborstigen Sprache steht einem der Bildungsaufsteiger in seiner ganzen Einsamkeit gegenüber: "Ich dachte wol manches Mal ich hätte einen Geschmack der ganz seltsämlig nur der meine war und dass niemand sonst die Dinge sähe oder dächte wie ich".

Die Selbstauskunft des Dichters John Clare gilt dem Verleger John Taylor, der seinen ersten Gedichtband herausgeben soll, nachdem der Selbstverlag einiger Subskriptionsdrucke ihn Geld gekostet hat, das er eigentlich nicht hat. Aber, sagt sich der Autodidakt, "wenn alle meine Hoffnung auf die Gedichte fehlschlug, würde ich nicht einen Nadelbreit schlechter dastehn als ich es schon tat (...) ihr Scheitern würde meinen Sinn von allen törichten Hoffnungen befreien und mir sagen, dass ich auf nichts würde bauen können als auf Arbeit". Das wird die demütig ambitionierte Haltung gewesen sein, die der Evangelikale John Taylor von den "deserving poor" erwarten mochte. Dieser Erwartung entsprechend schreibt John Clare über sich selbst - eine Art Autofiktion avant la lettre.

John Clare: Raunen des Winds und bebende Distel. Skizzen aus seinem Leben. Aus dem Englischen von Esther Kinsky. Golden Luft Verlag, Mainz 2020. 44 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 24.08.2020
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