Bildergalerie:Kopfüber gekreuzigt

Die einen verschrien es als Nazi-Symbol, die anderen sahen ein diabolisches Machwerk, dabei will es nur ein bisschen Frieden. Das Peace-Zeichen feiert 50. Geburtstag. In Bildern.

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Die einen verschrien es als Nazi-Symbol, die anderen sahen ein diabolisches Machwerk, dabei will es nur ein bisschen Frieden. Das Peace-Zeichen feiert 50. Geburtstag. In Bildern.

Nie war der Kalte Krieg in Großbritannien kälter als in jenen Jahren. Beide englischen Parteien befürworteten begeistert die atomare Aufrüstung, soeben hatten die Briten ihre erste Wasserstoffbombe im Südpazifik gezündet, und der Philosoph Bertrand Russell wurde als Landesverräter und einsamer Irrer beschimpft, als er sagte, er sei nicht scharf drauf, in einem Nuklearkrieg zu sterben...

Text: Alex Rühle; SZ vom 21.2.2008

Filmplakat "La Pacifista". Foto: oH

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So einsam war er nicht: Im April 1958 organisierten britische Atomwaffengegner einen Protestmarsch von London nach Aldermaston, wo die britischen Nuklearsprengköpfe hergestellt wurden. Auf diesem ersten Atomprotestmarsch der Geschichte trugen die Teilnehmer 500 Protestplakate mit sich, auf denen ein ominöses Zeichen zu sehen war, kreisrund mit drei nach unten weisenden dürren Strichen, schwarzweiße für Karfreitag, grünweiße für Ostersonntag, passend zu den Farben der Liturgie...

Ein serbisches Mädchen schwenkt auf einem Anti-Nato-Konzert in Belgrad die Peace-Fahne (1999). Foto: AP

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Die Zeitungen berichteten darüber, nicht ohne drauflos zu mutmaßen, was es damit auf sich haben könnte: Die einen sagten, es sei die abstrahierte Form der griechischen Anfangsbuchstaben Christi. Nein, im Gegenteil, schrieben andere, dieser Kommunist namens Russell habe es erfunden um die Christen zu verspotten. Wahr ist: Bertrand Russell, der seinerzeit Präsident der Campaign For Nuclear Disarmament (CND) war, beauftragte den Designer Gerard Holtom damit, für den Marsch und die CND ein Logo zu entwerfen. Holtom wollte zunächst das Symbol des christlichen Kreuzes in einem Kreis verwenden...

Demonstration gegen den Irak-Krieg 2003 Foto: AP

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Mehrere Pfarrer, denen er seine Entwürfe zeigte, waren derart indigniert darüber, dass er sich etwas Neues einfallen lassen musste. Er probierte wochenlang herum, bis er am 21. Februar 1958, heute vor 50 Jahren, zwei Zeichen aus dem Flaggenalphabet miteinander kombinierte, das N und das D (für "Nuclear Disarmament", also nukleare Abrüstung). Beim D weist je eine Flagge senkrecht nach oben und nach unten, zwei schräg nach unten gestreckte Fahnen stehen für das N. Das Flaggenalphabet wurde vom Militär erfunden. Holtom hatte es kennengelernt, als er während des Zweiten Weltkriegs als Kriegsdienstverweigerer auf einer Farm an der britischen Küste arbeitete...

Britische Soldaten im Hafen von Emden. Friedensaktivisten haben ein Tuch mit Peace-Zeichen angebracht, um gegen den drohenden Irak-Krieg zu demonstrieren (2003). Foto: AP

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Dass sich Holtom für sein Zeichen ausgerechnet bei einer hauptsächlich in Militärkreisen benutzten Zeichensprache bediente, passt zu der Tatsache, dass auf diesem Ostermarsch von den friedensbewegten Demonstranten erstmals Parkas getragen wurden, die bis zu dem Tag eindeutig als Militärkleidung kodifiziert waren. Der Student Eric Austin bastelte nach dem Marsch für die Mitglieder der CND Keramikanstecker, die verteilt wurden mit dem Hinweis, gebrannte Keramik werde als eines der wenigen menschgemachten Dinge einen Nuklearangriff überstehen. Nuklearangriffe gab es dann doch keine. Das Friedenszeichen ist aber eines der wenigen menschgemachten Dinge, die aus den fünfziger Jahren überlebt haben...

Nach den Terroranschlägen von 2001 schmückten New Yorker Bürger eine George-Washington-Statue mit Peace-Fahne und amerikanischen Flaggen. Foto: ddp

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Bayard Rustin, ein Mitstreiter Martin Luther Kings, war auf dem Marsch nach Aldermaston dabei, brachte das Symbol in die USA mit und trug es auf den Protestmärschen der Bürgerrechtsbewegung. Innerhalb weniger Jahre wurde es zum omnipräsenten Protestzeichen, sei es auf Ostermärschen, Vietnamkriegs-Demonstrationen oder in Woodstock. Feministinnen pinselten es sich auf ihre schwangeren Bäuche, amerikanische Soldaten malten es sich in Vietnam auf die Helme. Man sah es 1968 auf Hauswänden in Prag, in den siebziger Jahren auf Gräbern der Opfer der argentinischen Militärjunta und in den Townships Südafrikas.

Demonstranten marschieren vor den Supreme Court in Washington D.C. auf, um gegen das Straflager in Guantanamo Bay zu protestieren. Foto: dpa

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Als der aktuelle Irak-Krieg begann, ersetzte der Musiksender Viva das eigene Logo auf dem Bildschirm durch das Friedenssymbol. Bei den Protesten in Birma malten sich einige Mönche das Zeichen ins Gesicht. Und wer ein Produkt mit moralischem Wohlfühlfaktor an den Mann bringen will, bewirbt es ebenfalls gerne mit Holtoms Kreis...

Protestformation gegen den Irak-Krieg in Budapest (2006). Foto: AFP

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Holtom freute sich, dass sein Zeichen von Friedensaktivisten genauso benutzt wurde wie von Umweltschützern, er weigerte sich, es patentieren zu lassen. Ein Symbol der Freiheit müsse frei sein für jedermann. Der Satz gilt auch im interpretatorischen Sinne. Man kann in die paar Striche hineindeuten, was immer man will. Da es aufgrund seines Abstraktionsgrades auch nicht eindeutig der Bildsprache eines bestimmten Kulturkreises zuzuordnen ist, gibt es über kaum ein anderes Symbol derart viel interpretatorisches Gemunkel. Amerikanische Republikaner wollten es verbieten lassen, weil sie glaubten, es zitiere die Todesrune der Nazis. Einige Evangelikale behaupteten, es sei ein hinduistisches Zeichen, andere sahen darin das Nerokreuz: Petrus wünschte der frühkirchlichen Überlieferung zufolge, kopfüber gekreuzigt zu werden, da er sich als unwürdig ansah, in der gleichen Weise an das Kreuz geschlagen zu werden wie Jesus Christus...

IBM verwendete 2001 das Peace-Symbol, um für das neue Linux-Betriebssystem zu werben. Foto: AP

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Holtom interpretierte es dann kurz vor seinem Tod autobiographisch: Das Zeichen sei ein stilisiertes Selbstporträt, er sei damals zutiefst verzweifelt gewesen. "So habe ich mich selber gemalt: Ein Individuum in Verzweiflung, mit den nach unten ausgestreckten Handflächen, ähnlich Goyas Aufständischen vor dem Erschießungskommando. Das habe ich dann abstrahiert und einen Kreis darum gezogen." Ob er da seine ursprüngliche Erklärung mit dem Flaggenalphabet schon vergessen hatte? Kein Wunder, dass jeder dieses Zeichen für seine Zwecke okkupiert, wenn schon sein Erfinder mehrere Interpretationen liefert.

Russische Jugendliche forderen mit dem Friedenssymbol die Abschaffung der Wehrpflicht (2001). Foto: AP

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Wahrscheinlich kann man den globalen Erfolg des Zeichens aber am Ende viel einfacher, pragmatischer erklären: Ein GI, der in Vietnam von seinen Befehlshabern gefragt wurde, warum er das Kommunistenzeichen auf seinen Helm geschmiert habe, sagte, erstens habe er nicht gewusst, dass es ein Kommunistenzeichen sei. Vor allem aber sei es sehr viel leichter zu malen als eine Friedenstaube.

Hamburger Schülerinnen protestieren gegen den Irakkrieg (2003). Foto: ddp

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