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Bildergalerie:Geschichte der Kriegsfotografie

Im Krieg, wenn alles instrumentalisiert wird, bekommen Bilder eine besonders zwiespältige Macht: Sie können in die Irre führen.

20 Bilder

Pressefoto des Jahres 2003: Iraker mit seinem Sohn im Auffanglager für Kriegsgefngene Nähe Najaf, Irak

Quelle: SZ

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Im Krieg, wenn alles instrumentalisiert wird, bekommen Bilder eine besonders zwiespältige Macht. Sie können wie "ein Blutfleck" auf dem Wohnzimmerboden der Betrachter wirken, wie die New York Times schrieb. Sie können in die Irre führen. Das Foto des nackten Mädchens Kim Phuc prägte die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung. Abu Ghraib wurde durch Bilder zum Skandal. Mit der Welt ist auch der Krieg digital geworden. Kriegsfotografie war von Anfang an Legitimation, Subversion und Dokumentation. Der Bildjournalist steht vor einem moralischen Dilemma: Fotografieren oder helfen? Und auch der Betrachter muss sich entscheiden: Hinsehen oder wegschauen?

Das Pressefoto des Jahres 2003 des Fotografen Jean-Marc Bouju: Ein Iraker tröstet seinen vierjährigen Sohn in einem Auffanglager für Kriegsgefangene der 101. US-Luftlandedivision in der Nähe von Nadschaf, Irak.

Foto: AP

Zerstörung nach israelischer Militäroffensive im palästinensischen Rafah, 2004

Quelle: SZ

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"Erstaunen oder Verwunderung angesichts menschlicher Grausamkeit zu empfinden, ist kein Zeichen menschlicher Reife. Ab einem bestimmten Alter hat niemand mehr das Recht auf eine solche Unschuld und Oberflächlichkeit, auf diesen Grad an Ignoranz und Amnesie", schrieb Susan Sontag. Oft ist die Rede von Abstumpfung und wachsender Gleichgültigkeit der Betrachter. Zugleich aber auch von unzumutbarer Verletzung von Gefühlen. Doch hinzusehen und sich auseinanderzusetzen ist eine menschliche Pflicht, so Sontag.

Zerstörung nach israelischer Militäroffensive im palästinensischen Rafah, 2004/ Foto: AFP

Kindersoldaten in Sierra Leone

Quelle: SZ

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Die Geschichte der Kriegsfotografie ist eine Geschichte politischer Kontrolle, kultureller Tabubrüche, individueller und kollektiver Tragödien. Doch digitale Manipulationen, Ausschnitthaftigkeit und Inszenierung diskreditieren mittlerweile mehr als je zuvor die Glaubwürdigkeit von Fotografie. Welche Revolution die Kriegsfotografie an der Jahrtausendwende erfahren hat, ist erst zu verstehen, wenn man auf ihre Anfänge zurückblickt..

Kindersoldaten in Sierra Leone 2000/ Foto: dpa

Eine Pferdekutsche fährt 1916 durch die Trümmer von Verdun

Quelle: SZ

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Seit dem Krimkrieg in den 1850er Jahren wird Krieg fotografiert. Zu Beginn war dies ein enormes Unternehmen: Wagen wurden eigens umgebaut, um die schweren Utensilien transportieren zu können. Spontane Einsätze waren unmöglich, allein durch die Belichtungszeiten. Bis Bilder entwickelt und veröffentlicht wurden, vergingen Tage und Wochen. Die noch junge Technik konnte allenfalls Ausschnitte des Geschehens abbilden, die eigentlichen Kampfhandlungen blieben ungreifbar.

Eine Pferdekutsche fährt 1916 durch die Trümmer von Verdun. In der Schlacht um die französischen Stadt verloren von Februar bis Dezember des Jahres beide Seiten mehr als 700.000 Mann.

Foto: dpa

Eine Karikatur von Th. Th. Heine aus dem Simplizissimus (Herbst 1900)

Quelle: SZ

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Eine Karikatur von Th. Th. Heine aus dem Simplizissimus (Herbst 1900): Alfred Graf von Waldersee, deutscher Oberbefehlshaber der europäischen Interventionstruppen während des Boxeraufstandes in China, posiert ordenbehangen vor Fotografen. Denn früh erkannten Politiker und Militärs die Bedeutung der Bilder.

Bereits im Ersten Weltkrieg wurde die Bildberichterstattung durch das "Zensurbuch für die deutsche Presse" kontrolliert. Gedruckt werden sollten demnach etwa Gräueltaten der Gegner, verboten waren dagegen unter anderem alle Fotografien, die militärische oder strategische Geheimnisse verraten könnten. Kämpfe wurden in der verklärenden Optik von Schlachtengemälden gezeigt. Der Tod im Kampf blieb generell tabu.

Foto: SV Bilderdienst

Robert Capa: Landung alliierter Truppen am 6. Juni 1944 in Omaha Beach

Quelle: SZ

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Zugleich waren im Zweiten Weltkrieg zivile Kriegsfotografen für internationale Nachrichtenagenturen und Magazine im Einsatz. Zur Personifizierung des Draufgängertums seiner Zunft wurde Robert Capa, der vom Spanischen Bürgerkrieg bis zum Indochina-Krieg die Schlachtfelder der Welt in Bilder fasste. Auch bei der Landung alliierter Truppen am 6. Juni 1944 am Omaha Beach in der Normandie war Capa dabei.

Foto: AP Photo/Robert Capa, Magnum Photos

Hissen der sowjetischen Flagge durch Rotarmisten auf dem Reichstag 1945

Quelle: SZ

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Die Geschichte der Kriegsfotografie ist immer auch eine Geschichte von Fälschung und Manipulation. Bis heute ist die Authentizität vieler Bilder Gegenstand lebhafter Diskussion. Schon im Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts wurden von Roger Fenton Kanonenkugeln extra ins Bild gelegt - und ob Robert Capas Soldat im Spanischen Bürgerkrieg wirklich fiel, bleibt umstritten.

Berühmtes Beispiel für die nachweisliche Inszenierung von Fotografien ist das Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Reichstag 1945. Dies geschah bereits nach der Einnahme Berlins durch die Rote Armee am 30. April. Da aber weder ein Fotograf noch ein Kameramann anwesend waren, wurde die historische Szene nach der Kapitulation Berlins nachgestellt.

Foto: dpa

Hissen der US-Flagge auf Iwo Jima im Pazifik 1945

Quelle: SZ

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Kein Einzelfall: Auch auf der Pazifikinsel Iwo Jima hatten rund zwei Monate zuvor US-Soldaten das Hissen ihrer Flagge kamerawirksam inszeniert. Der Fotograf Joe Rosenthal bekam für dieses Bild den Pulitzer-Preis.

Foto: AP

Explosion der Atombombe: Rauchwolke über der japanischen Stadt Nagasaki 1945

Quelle: SZ

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Zuschauer weltweiter Katastrophen zu sein, sei eine essentielle Erfahrung der Moderne, schrieb Susan Sontag. Mittelbare Zeugenschaft traumatischer Ereignisse entstand etwa anhand der Bilder der Atombombenabwürfe über Japan. 18 Kilometer hoch wölbte sich der Rauchpilz am 9. August 1945 über Nagasaki, wo 70.000 Menschen sofort starben. Die Bilder erreichten die ganze Welt.

Foto: dpa

überlebende Häftlinge nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee 1945

Quelle: SZ

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Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Konzentrationslager befreit. Alliierte Soldaten, Militärfotografen und Berichterstatter der internationalen Nachrichtenmedien dokumentierten die Leichenberge und Massengräber, die Baracken und Überreste der Lagerschrecken. Hier überlebende Häftlinge nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee 1945. Die deutsche Bevölkerung wurde von den Alliierten mit den Fotografien in Zeitungen und auf Plakaten konfrontiert.

Foto: AP

Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht

Quelle: SZ

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Welch emotionale Kraft Fotografien auch noch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung haben können, zeigte beispielhaft die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944". Das Projekt des Hamburger Instituts für Sozialforschung sollte die Legende der "sauberen" Wehrmacht zerstören und eine Debatte eröffnen.

Ab 1995 wanderte die Ausstellung durch über 30 Städte in Deutschland und Österreich und erntete dabei sowohl Zustimmung wie scharfe Proteste von rechts. Im November 1999 stoppte Jan Philipp Reemtsma die Schau aufgrund entdeckter Fehler, zwei Jahre später wurde eine überarbeitete Fassung präsentiert.

Foto: AP

The Execution of a Vietcong-Suspect des Fotografen Eddie Adams

Quelle: SZ

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Der Moment des Todes, festgehalten durch eine Kamera. Eines der berühmtesten Kriegsfotos des 20. Jahrhunderts: "The Execution of a Vietcong-Suspect" des Fotografen Eddie Adams vom 1. Februar 1968 für die Agentur AP. Es zeigt den tödlichen Schuss des südvietnamesischen Brigadegenerals Nguyen Ngoc Loan auf einen Gefangenen in Saigon während der Tet-Offensive.

Das Bild erschien auf den Titelseiten von New York Times, Daily Mirror und vielen anderen Zeitungen weltweit, erhielt den Pulitzer-Preis und wurde zum Symbol der Antikriegsbewegung. Es ist ein Beispiel für "den Blutfleck auf dem Teppich" der amerikanischen Wohnzimmer, der sich durch die Fotos des schmutzigen Krieges langsam, aber unauslöschlich ausbreitete.

Foto: AP

Kim Phuc

Quelle: SZ

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1972: Das neunjährige Mädchen Phan Ti Kim Phuc auf der Flucht vor einem Napalmangriff der südvietnamesischen Luftwaffe auf Trang Bang, eines der eigenen Dörfer. Das Bild des 21-jährigen AP-Fotografen Nick Ut entfaltete in der Kriegsdebatte enorme Wirkung und ist ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Doch auch dieses Bild - an sich unangefochtenes Dokument der Leiden der Zivilbevölkerung - hat seine Fußnote. Andere Bilder mit anderem Bildausschnitt zeigten, dass die Kinder regelrecht von Fotografen getrieben wurden, die nicht zu Hilfe zu eilen schienen.

Foto: AP

Die Fotografen Horst Faas und Tim Page bei der Ausstellung A far war

Quelle: SZ

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Voyeur, Kriegsgewinnler, Abenteurer, Idealist, Aufklärer - das Image der Kriegsfotografen ist schillernd und brüchig. Die Würde der Abgebildeten ebenso wie die der Betrachter zu wahren, persönlich die extremen Belastungen der Kriegserfahrung auszuhalten ... für manche Fotografen lohnende Lebensaufgabe, für andere letztlich unmöglich.

Die Fotografen Horst Faas und Tim Page bei der Ausstellung "A far war" neben Rikio Imajos Foto einer zerschossenen Kamera aus dem Vietnamkrieg / Foto: AP

Gedenkfeier zum 50. Todestag von Robert Capa am 25. Mai 2004 in Vietnam

Quelle: SZ

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"So mutig, dass die Soldaten ihn bewunderten. So charmant, dass Ingrid Bergman sich in ihn verliebte." Robert Capa symbolisiert bis heute den Abenteuercharakter seines Berufs. "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, bist du nicht nah genug dran", so sein Credo.

Ein Junge bei einer Gedenkfeier zum 50. Todestag von Robert Capa am 25. Mai 2004 in der vietnamesischen Provinz Thai Binh, wo dieser durch eine Landmine starb/ Foto: AFP

Kind im Sudan

Quelle: SZ

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Doch das Dilemma des Kriegsberichterstatters ist fundamental und kann tiefe Wunden hinterlassen. Fotografieren? Helfen? Kevin Carter fotografierte 1994 ein verhungerndes kleines Mädchen im Sudan und ließ es zurück. Dafür erhielt er den Pulitzer-Preis - und beging zwei Monate später Selbstmord.

Hier ein Bild aus dem Sudan vom August 2004.

Foto: dpa

James Nachtwey: Man wird in Indonesien durch die Straßen gejagt

Quelle: SZ

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Der heute wohl berühmteste Kriegsfotograf ist James Nachtwey. Aufgewühlt durch die Bilder aus Vietnam ergriff er seinen Beruf mit dem erklärten Ziel, "anti-war-photographer" zu werden. Farbe sieht er als Ablenkung, Schwarz-Weiß wurde sein Markenzeichen. Aber seine ästhetisierten Bilder werden von Kritikern auch als "war pornography" geschmäht.

Hier ein Bild aus einer Indonesien-Reportage, für die Nachtwey den Bayeux Award für Kriegsberichterstatter gewann. Über Nachtwey ist unter anderem der Oscar-nominierte Dokumentarfilm "War Photographer" entstanden.

Foto: dpa

US-Soldat verhüllt eine Statue von Saddam Hussein mit der US-Flagge

Quelle: SZ

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Mittlerweile ist der Krieg, so wie die Welt, die ihn hervorbringt, digital. Medien und Bildverbreitung sind globalisiert, Geschehen wird in Echtzeit überall hin übertragen. Mit sorgsamen Inszenierungen und dem offensiven Konzept der "embedded journalists" versuchten die USA dennoch, die Eindrücke vom Krieg im Irak zu steuern. Unvergessen die grünlich leuchtenden Nachtbilder von Bagdad, die Videospieloptik der Gefechte.

Symbolischer Krieg in Vollendung ist etwa hier sichtbar: Ein US-Marineinfanterist bedeckt am 9. April 2003 das Gesicht einer Statue von Saddam Hussein mit der amerikanischen Flagge - kurz bevor die Statue gestürzt wird.

Foto: AFP

Foto von Folterung in Abu Ghraib

Quelle: SZ

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Doch die Bilderflut im 21. Jahrhundert ist nicht mehr zu kontrollieren. Digitalkameras in den Händen von Soldaten, Terroristen, Zivilisten und Berichterstattern sind allgegenwärtig und verbreiten sich im Nu auf der Welt. So ist der Krieg wohl endgültig zum "Bilderkrieg" geworden, wie Martin Walser den Irakfeldzug genannt hat: Stürzende Saddam-Statuen gegen geköpfte Geiseln, die ewig fallenden Türme von Manhattan gegen die nackten, gefolterten Gefangenen von Abu Ghraib.

Foto aus dem Gefängnis Abu Ghraib im Irak, veröffentlicht am 21. Mai 2004/ Foto: AP/ Washington Post

Proteste gegen Abu Ghraib und Guantanamo

Quelle: SZ

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Im Krieg des 21. Jahrhunderts ist die Welt der Bilder entfesselt. Vorbei die Zeiten von tonnenschwerem Gerät, nationalen Verbreitungsschranken und effektiver Zensur. Bilder sind höchstens noch im Zaum zu halten durch "Ground Rules" oder auch moralische Kodizes wie die Genfer Konvention, die die Würde der oft unfreiwillig Abgebildeten schützen soll.

Fotografie kann weiterhin Manipulation oder Enthüllung bedeuten. Doch wie Susan Sontag feststellte: Bei aller Empathie und Reflexion, die durch Bilder ausgelöst wird, entfernt sich der Betrachter früher oder später wieder. Tatsächlich versteht den Krieg nur, wer ihn selbst erlebt hat. Für diejenigen, denen das erspart bleibt, ist die Kriegsfotografie dennoch ein Fenster, das Einblicke ermöglichen kann - sofern man es zulässt. Und sich die nötige Skepsis bewahrt.

Demonstration in Istanbul mit Protesten gegen Abu Ghraib und Guantanamo am 1. September 2005/ Foto: AP

(Text: Irene Helmes)

(sueddeutsche.de/korc)

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