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Bilderbücher:Hundeleben

Der Hund als bester Freund, Seelentröster oder Retter in der Not. Vier Bilderbücher erzählen und zeigen schon den Kleinen, auch mit Witz und Spannung, was ihren Lieblingstieren passieren kann - als Projektionsfläche ihrer Wünsche.

Von Marlene Zöhrer

Ob groß oder klein, struppig oder mit glänzendem Fell, ob unsichtbar, sprechend oder als talentierte Spürnase, ob als bester Freund, Seelentröster oder Retter in der Not - Hunde sind aus der Kinder- und Jugendliteratur nicht wegzudenken. Mal dürfen die Vierbeiner einfach Hund sein, mal sind sie Projektionsfläche für kindliche Nöte oder sie durchleben stellvertretend Abenteuer. Im Bilderbuch steht dabei schon seit Längerem eine Hunderasse hoch im Kurs: der Dackel, der zielstrebige, unternehmungslustige, durchaus eigenwillige Jagdhund mit der auffälligen Körperform, der im Englischen liebevoll wiener bzw. sausage dog genannt wird. Winzent Thorsten Dieter Norbert Hans-Horst Otto von der grünen Sommeraue, genannt Winzi, ist so ein Dackel. Augenzwinkernd erzählt Regina Kehn in "Winzi" (Carlsen 2020, 13 Euro, ab 3 Jahre) von seinem Alltag und einem Ausflug, bei dem der Welpe seine Dackeleigenschaften unter Beweis stellen muss. Auch Tom in Bette Westeras "Hallo, Teckel Tom!" (Bohem 2020, 15 Euro, ab 3 Jahren) ist so ein Wiener. Und in den farbenfrohen, stilisierten Bildern von Noëlle Smit eine Schönheit. In charmanter Retro-Optik, mit Witz und Wissen um die Hundehaltung wird hier von einem wahrlich großen Tag im Hundeleben erzählt. Westera rückt dazu nah an ihren vierbeinigen Protagonisten heran, nimmt sich seiner Gedanken und Emotionen an, wenn sie vom Umzug aus der Wurfkiste zu Sofie und ihren beiden Vätern erzählt. Trennungsschmerz und dackeltypischer Eigensinn inklusive.

Um große Emotionen geht es auch in Marla Frazees "Kleiner Streuner" (Aladin 2020, 15 Euro, ab 4 Jahre). Mit mieser Laune sitzt ein brauner Hund allein vor einem Maschendrahtzaun, während die anderen Hunde im Freilauf gemeinsam spielen, dösen oder sich im Matsch wälzen. Er ist wütend, vermutlich, "weil nie jemand mit ihm spielte. Aber vielleicht spielte auch nie jemand mit ihm, weil er so wütend war." So genau wissen das weder Kleiner Streuner noch die anderen Hunde. Es ist verzwickt. Und so bleibt das Ende der Hundegeschichte folgerichtig offen. Genau so, wie es Kinder oft selbst erleben. In einer gelungenen Mischung aus Hundeverhalten, das in den überwiegend in Braun- und Grautönen gehaltenen Bildern eingefangen wird, und menschlicher Gefühlswelt ist das Bilderbuch Anlass, sich mit der Wut zu beschäftigen - der eigenen und der der anderen.

Auch Jonas Hendrik erzählt in "Grand Hotel Bellevue" (Tulipan 2020, 16 Euro, ab 5 Jahren) von sehr menschlichen Problemen. Denn die Eltern des kleinen Hundes sind so sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, dass sie ihn und seine Stärken übersehen. Ja, ihn dann sogar im Hotel vergessen! Doch was an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten zu sein scheint, erweist sich als großes Glück: Während die Eltern ihre Dienstreise fortsetzen, wird der kleine Hund zum unverzichtbaren Mitglied der Hotelbelegschaft und wendet sein und das Leben der anderen Hunde zum Besseren. Jonas Hendriks in Misch- und Collagetechnik gestaltetes, anthropomorphes Hunderudel ist herrlich schräg und spielt auf allen Ebenen mit der Überzeichnung seiner Charaktere und Situationen, um den Kinderalltag zu bespiegeln.

© SZ vom 04.12.2020
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